"Verschwendung und Gerechtigkeit": Festspiele eröffnet

27. Juli 2012, 12:32
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Peter von Matt kritisierte in Festrede Kunstmarkt, Künstler und Armut - Bundespräsident Fischer warnte vor Tendenzen zur nationalen Abschottung

Salzburg - Die 92. Salzburger Festspiele sind am Freitag in der Felsenreitschule durch Bundespräsident Heinz Fischer offiziell eröffnet worden.  "Kunst, Verschwendung und Gerechtigkeit" ist der Titel jener Festrede, die der schweizer Literaturwissenschafters Peter von Matt dann beim Festakt zur Eröffnung  gehalten hat. Erstmals haben die Festspiele ihren Eröffnungsredner selbst ausgewählt, traditionellerweise lag dieses Recht beim Land Salzburg. Der 75-jährige Professor der Universität Zürich und vielfach ausgezeichnete Autor zahlreicher Publikationen  ersuchte in seiner Rede, die Legitimation von Kunst in einer Welt von Armut und fehlendem Trinkwasser zu beleuchten und kam zu dem Schluss: Die Kunst sei ein überflüssiger Akt von Verschwendung. Aber sie sei zugleich ein Akt von Freiheit und Teil der menschlichen Natur.

"Glücksfaktor für alle"

"Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise", argumentierte Matt und fragte: "Hat die Kunst sich denn nicht immer den Mächtigen angedient? Hat sie ihnen nicht die goldenen Throne gefertigt und die Gemächer verziert, hat sie den Kaisern nicht die schimmernden Paläste, den Päpsten die ungeheuren Kirchen gebaut? Hat sie nicht immer die Reichen beglückt und den Armen die Stehplätze überlassen? Ungezählte Werke von betäubender Schönheit sind nur entstanden, um prahlerischen Herrschern die Illusion ihrer Unsterblichkeit zu verschaffen. Heute hat die Finanzindustrie die aristokratischen Höfe abgelöst. Man legt sein Geld in Öl, Uran und Warhols an."

Das "etwas melodramatische" Pastellbild "Der Schrei" von Edward Munch sei kürzlich für 120 Millionen Dollar verkauft worden, und jetzt könne man hoffen, dass auch die Pollocks, die Richters und die Lichtensteins, die man als Anlage angeschafft hatte, wieder zulegen würden, so Matt. "Und wenn die Blase platzt, zu der sich der Kunstmarkt in den letzten Jahren aufgepumpt hat, wie steht dann die Kunst selber da? Als eine Prostituierte jener 'Märkte', von denen niemand genau weiß, wer sie sind, obwohl sie ganzen Ländern das Wasser an den Hals steigen lassen?"

Und Matt nimmt vor den Granden aus Politik, Wirtschaft und Kunst auch die Rolle der Künstler kritisch unter die Lupe und zitiert antike Autoren sowie Schiller oder Celan, die von der ästhetischen Qualität der Werke auf die Moral ihrer Schöpfer schließen wollten. "Doch leider ist das eine sentimentale Legende. Gerade weil sie alles Menschliche mit grimmigen Griffen erfassen, ist den Künstlern selbst nichts Menschliches fremd, und die großen Seelen können auch kleinliche Zänker sein, eifersüchtig wie die Elstern." Die Liste "hässlicher Gefechte" sei lang in der Kunstgeschichte.

Doch der eigentliche Skandal an der Kunst sei, dass sie ihrem Wesen nach überflüssig, ja Ausdruck von Verschwendung sei. "Zum physischen Überleben brauchen wir sie nicht. Da steckt der Stachel. Die Kunst tritt immer hinzu. Was der Mensch zum Überleben braucht, sind Brot und Früchte und sauberes Wasser, und tatsächlich leben auf dieser Erde Abertausende, denen Brot und Früchte und insbesondere sauberes Wasser fehlen. Das einzige, was nirgendwo zu fehlen scheint, sind die Kalaschnikows. Darf es denn überhaupt Kunst geben, den Überfluss schlechthin, solange es Menschen gibt, denen es an Brot und Früchten und sauberem Wasser fehlt?

Am Schluss seiner Rede aber bricht der Festredner Peter von Matt trotz all dieser kunstkritischen Einwände dann doch eine eindeutige Lanze für Kunst und Verschwendung: "Kunst ist in allen Kulturen weit mehr als ein zynischer Luxus der Besitzenden oder ein Einschüchterungsritual der Herrschenden. Sie ist ein Glücksfaktor für alle. Denn auf der Verschwendung, dem kurzfristige Genuss von Überfluss, beruht das Fest. Und ohne Feste kann keine organisierte Gemeinschaft leben - wer weiß, ob nicht sogar die Ameisen ihre nächtlichen Orgien feiern. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt... Wer dagegen antritt, tritt an gegen die menschliche Natur."

Grußworte zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen

Wie schon in den Jahren zuvor ging Bundespräsident Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede auf europäische Probleme ein. Er warnte vor wachsenden Tendenzen zur nationalen Abschottung und vor einem Verzicht auf das europäische Projekt. Sich auf die Bühnenschicksale fremder Menschen einzulassen, könne die Empathie für reale Schicksale vertiefen und den Menschen fremde Kulturen näher bringen. "Das trägt dazu bei, forcierte nationale Egoismen zu überwinden, die einem Europa der friedlichen und vernunftbetonten Zusammenarbeit entgegenstehen", erklärte Fischer.

Bevor noch der Bundespräsident ans Podium trat, begrüßte Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler das Publikum. Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller   und Kulturministerin Claudia Schmied  nahmen in ihren Grußworten zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Rabl-Stadler machte darauf aufmerksam, dass die Festspiele auch für den interkonfessionellen Diskurs geöffnet werden, "daher haben wir dieses Jahr einen jüdischen Schwerpunkt gesetzt. Nächstes Jahr soll der Buddhismus im Zentrum stehen". Sie hoffe, dass es den Festspielen gelinge, "das wichtige Alte weiter zu pflegen und das richtige Neue zu wagen".

Burgstaller bedankte sich bei allen 4.300 mitwirkenden Künstlern, bei den rund 200 ständigen Mitarbeitern der Festspiele und den fast tausend "Saisonmitarbeitern". Dann spannte sie einen Bogen zur europäischen Finanzkrise indem sie sagte: "Gerard Mortier hat im Jänner dieses Jahres hier in diesem Raum vorgeschlagen, den 'Jedermann' neu schreiben zu lassen. Das wäre spannend, gewiss. Ich fürchte jedoch, dass dieser Auftrag bereits vergeben ist, an skrupellose Finanzspekulanten, die das Stück umschrieben." Es gehe um viel mehr, um die Zukunft Europas und die der ganzen Welt - "auch um jene Kunst, wie wir sie kennen und schätzen, um mehr als einen Rettungsschirm".

Kulturministerin Schmied betonte, es reiche nicht nur aus, dass die Freiheit der Kunst in der österreichischen Verfassung verankert sei, sondern dass Kunst, damit sie frei ist, auch ökonomisch abgesichert werde. "Ich rede hier von Geld, das nicht in Risikofinanzierungen geht und bei Erfolg einigen wenigen zugutekommt, während den Misserfolg alle zu tragen haben, sondern es geht um die Förderung von Kunst und Kultur. 0,6 Prozent des österreichischen Bundesbudgets gehen derzeit in Kunst und Kultur. Das sind rund 450 Mio. Euro. Und jeder Euro ist gut angelegt." Wer die Gesellschaft weiterentwickeln wolle, werde Möglichkeiten suchen, diese Budgets zu erhöhen. Die Europäische Union müsse von einer ökonomischen, fast schon Notgemeinschaft zu einer Kultur- und Wertgemeinschaft wachsen, betonte Schmied.

Den musikalischen Rahmen bildeten Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Maria Staud und Claude Debussy, interpretiert vom Mozarteumorchester Salzburg unter Theodor Guschlbauer, Solistin Anna Prohaska, dem Chor Accentus sowie Musikern der Camerata Salzburg unter Laurence Equilbey. Im Publikum saßen zahlreiche prominente Gäste, u.a. der Präsident des Schweizer Nationalrates Hansjörg Walter, der deutsche Verkehrsminister Peter Ramsauer, Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, Vertreter der Österreichischen Regierung und Politiker aus Salzburg sowie Mäzene und Sponsoren der Salzburger Festspiele. 

Temporäre "Bettelautomaten"

Vor der offiziellen Eröffnung der Festspiele hat eine   Gruppe von Aktivisten vor den Festspielhäusern für eine ernsthafte Diskussion über das Bettelproblem in der Stadt demonstriert. In der Hofstallgasse wurden ab 10.00 Uhr eine Stunde lang vier "Bettelautomaten" aufgestellt: Es handelte sich um von Personen besetzte Kartonkisten mit Sehschlitz, welche mit der Aufschrift "Wir ersparen Ihnen die Peinlichkeit" versehen waren.

"Die politische Diskussion um das Bettelverbot dreht sich derzeit nur darum, die Betroffenen zu verstecken, nicht darum, zu schauen, warum es solche Bettler überhaupt gibt", kritisierte Mitorganisator Lukas Uitz. Armut in der Stadt werde kriminalisiert, einzelne Politiker würden zudem die Stimmung gegen Bettler anheizen. "Alles was arm und unangenehm ist, soll aus Salzburg heraus. Wenn Vizebürgermeister Harald Preuner (ÖVP, Anm.) davon spricht, dass nun internationale Banden Bettler in Scharen nach Salzburg verfrachten werden, ist das Panikmache."

 Laut Uitz hat sich Bundespräsident Heinz Fischer bei den Demonstranten über den Zweck des Protestes erkundigt. Die Aktion wurde von einer Reihe von Organisationen wie dem Friedensbüro Salzburg, der Plattform für Menschenrechte, der Österreichische Hochschülerschaft (ÖH), den Grünen, der Kommunistische Jugend und dem Verein Südwind unterstützt.  (APA, 27.7.2012)

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