Kick it like Mini-Beckham: Warum Tischfußball olympisch werden sollte

Gastkommentar27. Juli 2012, 12:12
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Was Beckham auf dem Rasen kann, können wir schon lange. Der Rasen ist olympisch, der Tisch nicht. Zeit, dass sich das ändert

Tischfußball wurde vor mehr als einem Jahrhundert geboren und hat sich rasch in der ganzen Welt verbreitet. Dies geschah teilweise parallel zum Fußball, teilweise aber auch in Ländern, in denen Fußball nicht so verbreitet ist, wie zum Beispiel den USA. Jedes Land hat in der Folge daraus "seinen" Sport gemacht und ihm einen mehr oder weniger eng an den Fußball angelegten Namen gegeben: Metegol (Argentinien), Ta-ta Box (Südafrika), Baby-foot (Frankreich), Matraquilhos (Portugal), Foosball (USA), Table Soccer bzw. Table Football (Großbritannien), Tischfußball (Deutschland), Calcio Balilla (Italien), Tacataca (Chile) und so weiter.

Teil der Landeskultur

Die lokale Bevölkerung hat sich den Sport stark angeeignet und so wurde Tischfußball Teil der kulturellen und traditionellen Identifikation in den jeweiligen Ländern. Das war einerseits ein Glück für den Sport, weil er dadurch zu einer der beliebtesten Aktivitäten in der Welt wurde. Andererseits hat es gerade die Vielfalt der lokalen Praktiken äußerst schwierig gemacht, die sportliche Ebene zu harmonisieren. Die späte Gründung des Weltverbandes im Jahr 2002 - nach mehreren Fehlschlägen in den 1980er-Jahren - war deshalb schwierig: Wir sahen uns einer Vielzahl von nationalen Organisationen und lokalen Praktiken gegenüber, die einer internationalen Öffnung sehr feindselig gegenüberstanden.

Zehn Jahre später ist es uns gelungen, einen universellen sportlichen und administrativen Rahmen zu schaffen - und das bei bestmöglicher Beachtung der Traditionen und unterschiedlichen Spielstile. Die Frage des Regionalismus ist wichtig und muss weiterhin eines unserer zentralen Anliegen bleiben, damit der Tischfußball nicht zu einer Sportart mit nur einer einzigen Spielweise verkommt. Dann würde er nämlich seine Geschichte, seine Vielfalt und sicherlich auch seine Popularität verlieren. Der Erfolg bei Spielern und Fernsehzuschauern während unserer größten Veranstaltungen, wie z.B. der Weltmeisterschaft, wo auf verschiedenen Oberflächen gespielt wird, bestärkt uns in unserem Anliegen.

Diese Erfolge und unsere immer stärkere Medienpräsenz sollten es uns eigentlich erlauben, den nächsten Schritt zu gehen. Unsere Entwicklung wird jedoch durch unsere Beziehungen zu nationalen und internationalen Organisationen, bzw. vielmehr einen Mangel an solchen, beschränkt. Die derzeitige Organisation des Sports macht eine enge Beziehung zwischen nationalen Verbänden und den Sportbehörden unumgänglich: Nur so sind die Ausbildung (Training und Coaching), die Ausrüstung der Clubs und die Ausrichtung von Wettbewerben sowie die finanzielle Unterstützung der Verbände im organisierten Sport (Leistungs- und Breitensport) sichergestellt.

Ein weiter Weg vom Saarland zu Olympia

Es ist paradox: In einigen Ländern kann ein Sportverband nur dann administrativ anerkannt werden, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder dessen "Vorzimmer" Sportaccord den entsprechenden Weltverband anerkennt.

Damit ein Weltverband allerdings von IOC anerkannt wird, muss er unter anderem über 40 nationale Verbände verfügen, die von den jeweiligen nationalen Behörden oder dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) anerkannt sind. Es freut mich, dass das Saarland den Tischfußball sportlich anerkannt hat, aber es ist noch ein sehr weiter Weg bis zur Teilnahme unserer Sportart an den Olympischen Spielen.

Unser Beitritt zur olympischen Bewegung wäre eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung des Tischfußballs - aber die aktuellen Regularien sind nicht zu unseren Gunsten.

Eine Teilnahme an den Olympischen Spiele hätte für die Sportler, die Verbände, die Medien, die einzelnen Länder, die Unternehmen und den Sport selbst eine große Bedeutung, die weit über den einfachen Wettbewerb auf hohem Niveau hinaus geht. Die Vorteile sind inzwischen so enorm, dass die bloße Erwähnung des Themas fast grenzenlose Hoffnung und Ambition hervorruft. Der Wettbewerb zwischen den bereits vom IOC anerkannten Sportarten, die olympisch werden wollen, ist inzwischen fast genauso so stark wie der zwischen den Staaten um die Ausrichtung der Spiele.

Wir haben Lust auf die Parade im Abendkleid

Lassen Sie uns ein wenig "Sport-Fiktion" betreiben. Stellen wir uns vor, das IOC würde der Generalversammlung, die dann nicht auf die starre Beibehaltung des Status quo aus wäre, die Frage stellen, welche Werte es durch seine Mitglieder und die Olympischen Spiele vermitteln will. Man könnte zum Beispiel vier grundlegende Kriterien für die Förderfähigkeit einer Sportart festlegen: die Verbreitung der Praxis, der Zugang - physisch oder wirtschaftlich -, ihren erzieherischen Wert sowie die technischen und physischen Aspekte, die einem die Disziplin abverlangt und ihre Auswirkungen auf den Menschen (einschließlich Doping) und die Umwelt.

Sollte Tischfußball also eine olympische Sportart werden? Ganz sicher. Wir haben alle Lust auf die Parade in Abendgarderobe rund um ein Stadion. (Farid Lounas, derStandard.at, 27.7.2012) Übersetzung aus dem Französischen von The European.

Autor

Farid Lounas, The European, ist seit dem Jahr 2002 Präsident des Tischfußballverbandes seines Heimatlands, der FFF und seit 2002 Präsident des Weltverbandes ITSF. Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, Tischfußball olympisch zu machen. Hauptberuflich ist Farid Lounas seit 1999 Chef einer Filmproduktionsfirma mit Sitz in Nantes.

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