Kampfhubschrauber der syrischen Armee beschießen Aleppo

27. Juli 2012, 13:56
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Rebellen bereiten sich auf Offensive der Regierungstruppen vor - Parlamentsabgeordneter geflüchtet

Beirut/Amman - Bei der Bekämpfung der Rebellen hat die syrische Armee am Freitag nach Angaben von Aktivisten wieder mehrere Viertel der nordwestlichen Wirtschaftsmetropole Aleppo aus Kampfhubschraubern heraus beschossen. Die Angriffe hätten sich auf den Süden und den Südwesten der Stadt konzentriert, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Im Zentrum Aleppos wurde demnach am Boden gekämpft. Erstmals ist unterdessen ein syrisches Parlamentsmitglied in die Türkei geflohen. Die Abgeordnete Ikhlas al-Badawi erklärte am Freitag im Fernsehsender Sky News Arabia, sie habe sich abgesetzt, um dem "tyrannischen Regime" von Präsident Bashar al-Assad und seiner seit fast 50 Jahren herrschenden Baath-Partei zu entkommen.

Offensive der syrischen Armee erwartet

In Aleppo bereiteten sich die Aufständischen im Stadtviertel Salaheddin auf eine Offensive des syrischen Militärs vor, das in den vergangenen Tagen weitere Truppen in die Stadt verlegt hatte. Hunderte Kämpfer der Rebellen errichteten dort Blockaden aus Sandsäcken und richteten Feldlazarette ein, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Quer über einer Zufahrtstraße wurde ein Bus gestellt, um diese zu blockieren.

Rotes Kreuz zieht teilweise ab

Angesichts der anhaltenden Kämpfe in Syrien zieht das Internationale Rote Kreuz (IKRK) teilweise aus der Hauptstadt Damaskus ab. Da sich die Sicherheitslage verschlechtere, würden ausländische Hilfskräfte vorübergehend in die libanesische Hauptstadt Beirut geschickt, sagte ein IKRK-Sprecher am Freitag. Sobald die Sicherheitslage es erlaube, würden die Helfer zurückkehren.

Ein Kernteam von 50 ausländischen und einheimischen Mitarbeitern werde aber weiterhin in Damaskus arbeiten. Der syrische Rote Halbmond, eine Schwesterorganisation des Roten Kreuzes, habe bereits einige seiner Hilfseinsätze in Aleppo unterbrochen, fügte Hicham Hassan hinzu.

120.000 Flüchtlinge

Aus Salaheddin flohen zahlreiche Menschen auf Lastwagen. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) hatte zuletzt rund 120.000 Flüchtlinge außerhalb Syriens registriert, es geht aber von einer noch höheren Zahl aus. Innerhalb des Landes sind demnach hunderttausende Menschen vor den Kämpfen auf der Flucht.

Die Abgeordnete Badawi, die selbst der herrschenden Baath-Partei angehört, erklärte, sie sei geflohen "vor der Unterdrückung und der grausamen Folter einer Nation, die ein Minimum an Rechten fordert". Badawi war als "Arbeiter- und Bauern"-Vertreterin in das Anfang Mai gewählte Parlament entsandt worden. Zu den Wahlen waren theoretisch auch Gruppen zugelassen, die außerhalb der von der Baath-Partei gesteuerten "Nationalen Fortschrittlichen Front" stehen, in der alle zugelassenen Parteien zusammengeschlossen sind.

Parlamentarierin flieht in die Türkei

Erstmals ist ein syrisches Parlamentsmitglied in die Türkei geflohen. Die Abgeordnete Ikhlas al-Badawi erklärte am Freitag im Fernsehsender Sky News Arabia, sie habe sich abgesetzt, um dem "tyrannischen Regime" Assads und seiner seit fast 50 Jahren herrschenden Baath-Partei zu entkommen. Die Abgeordnete Badawi, die selbst Baath-Mitglied ist, erklärte, sie sei geflohen "vor der Unterdrückung und der grausamen Folter einer Nation, die ein Minimum an Rechten fordert". Badawi war als "Arbeiter- und Bauern"-Vertreterin in das Anfang Mai gewählte Parlament entsandt worden. Zu den Wahlen waren theoretisch auch Gruppen zugelassen, die außerhalb der von der Baath-Partei gesteuerten "Nationalen Fortschrittlichen Front" stehen, in der alle zugelassenen Parteien zusammengeschlossen sind.

Christen fürchten Zeit nach Assad

Syriens Christen befürchten ein ähnlich schreckliches Los wie das ihrer Glaubensbrüder im Irak. "Falls Präsident Assad abgesetzt wird oder ins Exil geht, werden wir bald irakische Zustände haben", berichtete der melkitische (griechisch-katholische) Theologe Pater Hanna Ghoneim, Leiter des katechetischen Zentrums in Damaskus, der ökumenischen Organisation "Christian Solidarity International" (CSI) in Wien. Die meisten westlichen Medien seien auf der Seite der Rebellen, einer keineswegs homogenen Gruppe, klagte Ghoneim. "Die Journalisten verzerren somit das Bild der Gesamtlage im Land. Weiß man denn im Westen etwa, dass etliche Kämpfer aus der salafistischen Ecke kommen? Wenn solche Eiferer an die Macht kämen, hätte die christliche Minderheit im Land nur noch eine Option: den mühsamen Weg der Emigration gehen, wollen sie nicht, ihrer Meinungs- und Glaubensfreiheit weitgehend beraubt, ein Dasein im Untergrund fristen!"

In Syrien sind bereits Zehntausende Christen von islamistischen Aufständischen, die von Saudi-Arabien und Katar unterstützt werden, vertrieben worden, ihre Wohnungen und Häuser wurden geplündert oder zerstört. Im Irak hat sich die Lage der christlichen Bevölkerungsteile, die unter dem säkularen Baath-Regime Saddam Husseins wie in Syrien geschützt waren, nach der US-Invasion 2003 dramatisch verschlechtert: Dutzende Kirchen wurden seither niedergebrannt, zahllose Christen und viele Geistliche ermordet, wie der entführte chaldäisch-katholische Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, dessen Leichnam man auf einer Müllhalde fand. (APA, 27.7.2012)

  • Syrische Rebellen auf Patrouille nahe Aleppo.
    foto: epa/sinan gul/anadolu agency

    Syrische Rebellen auf Patrouille nahe Aleppo.

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