170.000 Menschen vor Gewalt in Indien auf der Flucht

26. Juli 2012, 20:26
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Polizei gegen Unruhen im Bundesstaat Assam oft machtlos

Im westlichen Ausland ist der indische Bundesstaat Assam vor allem für seinen Tee bekannt, der in die ganze Welt exportiert wird. Doch nun wird die Region mit ihren sattgrünen Teeplantagen, die auch bei Touristen beliebt ist, seit Tagen von blutigen Unruhen erschüttert. In den vergangenen Tagen verloren Dutzende ihr Leben, rund 170.000 Menschen mussten flüchten und wurden in Notquartieren untergebracht.

Bei den Kämpfen stehen sich Indigene der Bodo-Volksgruppe und zugewanderte Muslime gegenüber. Rund 13.000 Soldaten wurden in die Region entsandt, um die Gewalt einzudämmen, in den betroffenen Bezirken wurde Ausgangssperre verhängt. Die Soldaten haben Befehl, auf Unruhestifter zu schießen. Dennoch brechen immer wieder Kämpfe aus.

Bewaffnet mit Gewehren, Macheten, Knüppeln und Steinen gehen Männer der verfeindeten Gruppen aufeinander los, Dörfer wurden in Brand gesteckt. "Niemand folgt der Ausgangssperre", berichtete ein Polizist. "Wir versuchen unser Bestes, die Lage unter Kontrolle zu bekommen", hieß es in der Polizeizentrale.

500 Dörfer sollen bisher niedergebrannt worden sein. In aller Eile wurden rund 125 Notcamps eingerichtet. "Wir sind um unser Leben gerannt", erzählt Ronila, Mutter zweier Kinder, mehreren Reportern. Ein Lokalpolitiker spricht von einem "Flächenbrand ungesehenen Ausmaßes".

Ihren Anfang nahm die Gewalt bereits Freitag vergangener Woche im Bezirk Kokrajhar. Inzwischen griff sie auf die Bezirke Chirang, Dhubri und Bongaigaon über, dabei wurden auch Züge attackiert und Bahngleise blockiert. Assam war tagelang weitgehend abgeschnitten, 25.000 Menschen sollen bis zuletzt noch auf Bahnhöfen festsitzen.

Bodos gegen Muslime

Der Teestaat mit seinen 31 Millionen Einwohnern liegt im Nordosten Indiens, der an China, Burma, Bangladesch und Bhutan grenzt und mit dem Rest Indiens nur durch einen schmalen Korridor, "Hühnerhals" genannt, verbunden ist. Die Region, die 200 ethnische Gruppen und Stämme beherbergt, ist seit Indiens Unabhängigkeit im Jahre 1947 ein Unruheherd. Über Jahre kämpften dort Separatistengruppen für eine Loslösung von Indien.

Zuletzt wuchsen in Assam Spannungen zwischen Bodos und zugewanderten Muslimen. Muslime stellen 40 Prozent der Einwohner Assams, doch der Zuwandererstrom vor allem aus Bangladesch schwoll zuletzt an. Die Bodos fühlen sich an den Rand gedrängt und werfen den Zuwanderern vor, ihnen ihr Land zu rauben. Angeheizt wird der Konflikt auch durch Parteien und religiöse Organisationen, die politisches Kapital daraus schlagen wollen.

Nun reichte ein Funke aus, um die ethnischen Spannungen explodieren zu lassen. Wie die Spirale der Gewalt begann, ist ungeklärt. Zwei gegensätzliche Versionen kursieren: Nach der einen wurden zwei muslimische Jugendliche erschossen. Die Muslime machen Bodos dafür verantwortlich. Nach der anderen Version hackten Unbekannte am Freitag vier Bodos zu Tode. Die Bodos belasten Muslime dafür.

Seitdem wechseln sich Gewalt und Gegengewalt ab. Zentral- und Landesregierung bemühen sich, Vertreter beider Seiten an einen Tisch zu bekommen. "Wir formen Friedenskomitees", sagte ein Polizeioffizier.

Die Region hat eine Historie von Gewalt. 1983 wurden 2000 Menschen bei Zusammenstößen getötet, 1994 kamen 100 Menschen bei Unruhen ums Leben, 1996 starben 200 Menschen bei Kämpfen zwischen Bodos und der ebenfalls indigenen Adivasi-Gruppe. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi /DER STANDARD, 26.7.2012)

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