Steinhofgründe in Wien: "Die Mediation lebt von Vertrauen"

Interview26. Juli 2012, 19:04
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Es läuft jetzt die Hauptphase der Mediation. Johannes Gotsmy, der den Prozess zusammen mit einem Kollegen leitet, beschreibt Julia Herrnböck Stärken und Schwächen der Methode für Stadtplanungskonflikte

Standard: Was passiert inhaltlich in der Phase der Hauptmediation?

Gotsmy: Jetzt geht es um die Erarbeitung von Nutzungsmöglichkeiten für das Areal.

Standard: Sind sehr viele konträre Vorschläge auf dem Tisch?

Gotsmy: Alle Gruppen haben Ideen. Jetzt wird geschaut, was ist das Gute an jedem Vorschlag, welche Interessen werden damit abgedeckt, welchen widerspricht er.

Standard: Wie viele Gruppen sind denn beteiligt?

Gotsmy: Zwei Bürgerinitiativen, die Stadt Wien, die Stadtentwicklungsgesellschaft und die Gesiba. Die Vamed und die MA 21 nehmen beratend teil. Die Initiative Denkmalschutz ist ausgestiegen.

Standard: Sind die Fronten bei Steinhof nicht bereits zu verhärtet?

Gotsmy: Ich glaube, es gibt viel Potenzial für eine Lösung. Die grundsätzlichen Anliegen gehen nur in ganz wenigen Punkten auseinander. Alle haben ein Interesse, dass der Denkmalschutz gewahrt wird, dass das Otto-Wagner-Areal als solches geschützt wird und als Kulturdenkmal erhalten bleibt. Es besteht breiter Konsens darüber, dass soziale Einrichtungen drinbleiben und dass die Erhaltung etwas kostet.

Standard: Einzelne Medien und die Oppositionsparteien kampagnisieren sehr stark. Wie sehr beeinflusst das den Prozess?

Gotsmy: Das macht es nicht leichter. Die Mediation lebt davon, dass ein gewissen Vertrauen besteht bei den Verhandlungsparteien. Es geht um das Zuhören, worum es dem anderen geht. Wenn das Ganze immer wieder auf die öffentliche Bühne gebracht wird, ist das nicht wirklich hilfreich.

Standard: Wann ist der Zeitpunkt für eine Mediation überschritten?

Gotsmy: Wenn es keine Gesprächsbereitschaft mehr gibt oder wenn unmittelbare Gefahr droht. Das gibt es zum Beispiel bei Unternehmen: Die Leute gehen zwar nicht mit dem Messer aufeinander los, aber da verschwindet plötzlich der Laptop vom Teamleiter, wenn der eine Präsentation halten muss. In so einem Fall muss man die Leute trennen.

Standard: Was kann Mediation bei Stadtplanungskonflikten bewirken, wo so viele Interessen aufeinandertreffen?

Gotsmy: Das ist die Stärke der Mediation. Gerade wo es darum geht, viele Interessen unter einen Hut zu bringen. Argument gegen Gegenargument aufzuwiegen ist Schwachsinn. Man muss eine Stufe tiefer gehen. Das ist auch die Stärke gegenüber Verfahren, wo einer die Entscheidung trifft, zum Beispiel bei Gerichtsverfahren. Das ist geeignet, um schnell einen Strich darunter zu machen, etwa, wenn es um eine Rechtsfrage geht.

Standard: Würden Sie auch eine Mediation abbrechen?

Gotsmy: Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass eine Seite sie missbraucht, wenn jemand auf Zeit spielt, um im Hintergrund etwas vorzubereiten. Oder wenn es mir aussichtslos erscheint, weil eine Seite nur mauert und nicht an einer Lösung interessiert ist. Das würde ich in den Raum stellen und die Gruppe diskutieren lassen. Schlussendlich entscheiden die Beteiligten über einen Abbruch, nicht der Mediator.

Standard: Hat bei den aktuellen Themen wie Parkpickerl-Streit in Wien, Umweltzonen in Graz oder der Salzburger Altstadtsperre eine begleitende Mediation gefehlt, oder hätte das nicht dazu gepasst?

Gotsmy: Es ist eine zentrale Frage, wie man eine Bürgerbeteiligung aufsetzt. Da gibt es viele Stufen, der Zeitpunkt und die Art der Information sind ganz wichtig. Der Konflikt entsteht ja nicht von heute auf morgen. Es ist ein Fehler, wenn man die Stimmen engagierter Bürger negiert. Die Vorraussetzungen haben sich geändert: Heute kann sich jeder schnell und umfassend informieren. Alles ist transparenter geworden, es ist ein Wandel in der Herangehensweise, weil sich die Vorraussetzungen geändert haben. Ich glaube nicht, dass es eine Zeiterscheinung ist, die man aussitzen kann. Die Wutbürger haben sich emanzipiert. Je lokaler die Betroffenheit, desto besser eignet sich eine intesive Bürgerbeteiligung mit Mediation. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 27.7.2012)

  • Gotsmy: "Alle haben ein Interesse, dass der Denkmalschutz gewahrt wird, dass das 
Otto-Wagner-Areal als solches geschützt wird und als Kulturdenkmal 
erhalten bleibt."
    foto: standard/fischer

    Gotsmy: "Alle haben ein Interesse, dass der Denkmalschutz gewahrt wird, dass das Otto-Wagner-Areal als solches geschützt wird und als Kulturdenkmal erhalten bleibt."

  • Johannes Gotsmy, geb. 1965, ist Jurist und arbeitet als Mediator im Bereich der 
Organisationsentwicklung.
    foto: avw

    Johannes Gotsmy, geb. 1965, ist Jurist und arbeitet als Mediator im Bereich der Organisationsentwicklung.

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