Wirtschaftswissenschaftler John Lott: "Mehr Waffen, weniger Verbrechen"

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  • Ist gegen ein strengeres Waffengesetz: John Lott.
    foto: liston matthews

    Ist gegen ein strengeres Waffengesetz: John Lott.

Wer Waffen verbietet, der hilft nur Kriminellen, sagt John Lott, Autor des Buches "More Weapons, Less Crime". Schuld an den vielen Toten durch Schusswaffen in den USA sind Drogenbanden

STANDARD: US-Präsident Barack Obama will Waffenverkäufe stärker kontrollieren. Hätte das Aurora-Attentat mit schärferen Gesetzen verhindert werden können?

Lott: In den USA gab es seit 1950 mit einer einzigen Ausnahme solche Amokläufe nur an Orten, an denen es verboten war, Waffen zu tragen. Die Leute glauben, sie erhöhen die Sicherheit, wenn sie Waffen verbieten, aber das Einzige, was passiert, ist, dass die braven Bürger keine Waffen haben und die Kriminellen schon. Das Wissen, dass mögliche Opfer sich verteidigen können, kann Verbrecher abhalten, sie anzugreifen.

STANDARD: Aber die meisten Amokläufer begehen Selbstmord. Glauben Sie, die lassen sich von der Gefahr, erschossen zu werden, abschrecken?

Lott: Warum machen diese Leute ihre Amokläufe? Weil sie Aufmerksamkeit wollen - und die kriegen sie umso mehr, je mehr Leute sie töten. Und wie viele Leute sie töten können, hängt davon ab, wie viel Zeit vergeht zwischen dem Beginn des Angriffs und dem Zeitpunkt, an dem jemand mit einer Waffe sie stoppt.

STANDARD: Sollten zumindest bestimmte Arten von Waffen verboten werden?

Lott: Bei Amokläufen werden nie automatische Waffen verwendet, es sind immer halbautomatische. Es wird viel diskutiert über "Military Style Guns", aber das Schlüsselwort ist "Style": Sie sehen aus wie militärische Waffen, aber sie funktionieren genauso wie ein Jagdgewehr. Wenn sie halbautomatische Waffen verbieten, verbieten sie fast alle Waffen, die in den USA verkauft werden.

STANDARD: Ist es Ihrer Meinung nach mit einer Pistole genauso einfach, so viele Menschen zu töten wie mit dem Gewehr, das der Angreifer in Aurora verwendete?

Lott: Der Punkt ist: Schlimme Dinge passieren wegen Waffen, aber Waffen verhindern auch, dass schlimme Dinge passieren. Wenn sie halbautomatische Waffen verbieten, machen sie es den Leuten sehr schwer, sich zu verteidigen.

STANDARD: In den USA werden etwa 8000 Menschen pro Jahr mit Schusswaffen ermordet, in Großbritannien 32. Warum?

Lott: Die USA haben ein viel größeres Problem mit Drogenbanden als viele andere Länder. Wenn Sie sich anschauen, wo die Morde passieren, sehen Sie, dass das extrem kleine Bereiche in Städten sind. Die höchste Mordrate, die wir in den USA je hatten, war 1932, und das war das letzte Jahr der Prohibition. Und wenn Sie sich Länder mit sehr niedrigen Totenzahlen durch Schusswaffen ansehen, dann merken Sie: Die hatten diese niedrigen Raten schon, bevor sie strenge Regeln im Umgang mit Waffen hatten.

STANDARD: In Ihrem Buch vergleichen Sie statistische Daten zu Waffenbesitz und Gewaltverbrechen aus allen Staaten der USA und kommen zu dem Schluss, dass viele Waffen die Sicherheit erhöhen. Warum sagen so viele Menschen genau das Gegenteil?

Lott: Wenn Leute hören, dass etwas Schreckliches passiert ist und eine Waffe mit im Spiel war, dann sagen sie: Wenn ich die Waffe wegnehme, dann wäre das Verbrechen nicht passiert. Das Problem ist: Wenn Leute darüber reden, Waffen zu verbieten, dann vergessen sie, dass nur mehr die gesetzestreuen Bürger dann keine Waffen mehr haben und nicht die kriminellen.

STANDARD: Das Sicherste wäre also eine totale Freigabe von Waffen?

Lott: Ganz genau. Mehr Waffen, weniger Verbrechen.

STANDARD: Manche Leute behaupten, dass einige Ihrer Arbeiten von der National Riffle Association bezahlt wurden. Stimmt das?

Lott: Nein, das ist völliger Unsinn. Ich habe nie für die NRA gearbeitet, ich bin nicht einmal Mitglied.

STANDARD: Sie arbeiten mit Grover Norquist, der im NRA-Vorstand ist.

Lott: Wir haben gemeinsam ein Buch geschrieben, es ist ein Wirtschaftsbuch. Ich arbeite aber nicht für Grover. (Tobias Müller, DER STANDARD, 27.7.2012)

John Lott (54) ist Wirtschaftswissenschaftler und hat unter anderem an den Unis in Yale und Chicago und für den konservativen Thinktank American Enterprise Institute gearbeitet. Sein Buch "More Guns, Less Crime" erschien erstmals 1998.

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