Mord und Menschenhandel in Wien

26. Juli 2012, 18:05
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Ehepaar soll Nichte entführt und ausgebeutet haben

Wien - Gelegentlich werden sich Richterinnen und Richter wohl wünschen, sie seien im Fernsehen. In einer Gerichtsshow der Privatsender wie Barbara Salesch, Alexander Hold et alii. Denn dort werden Schuld- oder Freisprüche am Ende immer ohne Zögern gefällt, da absolut klar ist, was geschehen ist. Schon jetzt ist abzusehen, dass das im Verfahren gegen Ruslan M. und Malika M. am Wiener Landesgericht nicht so einfach wird. Der Schöffensenat unter Vorsitz von Ulrich Nachtlberger wird am Ende dennoch entscheiden müssen, ob das Ehepaar Menschenhandel betrieben hat oder nicht.

Vorgeworfen wird ihnen, die damals zwölfjährige Nichte aus der gemeinsamen Heimat Tschetschenien entführt und anschließend de facto gefangen gehalten, verprügelt und zur Hausarbeit gezwungen zu haben.

Widersprüche

Ihren Ursprung nimmt die Geschichte im Jahr 1999. Eines der wenigen Dinge, die in diesem Verfahren hundertprozentig sicher sind, ist, dass damals der Vater und dessen zweite Ehefrau sowie die Cousine von Ruslan M. in ihrem Haus ermordet worden sind. Und die Nichte dabei war.

Der Mörder sei sein Bruder gewesen, erklärt der 48-jährige Angeklagte heute. Er sei an den Tatort gelockt worden, anschließend wurde er genötigt, mit Frau und Nichte das Land zu verlassen.

Die Nichte erzählt anderes: Der Angeklagte sei der Mörder gewesen, sie sei Zeugin. In beiden Fällen drängt sich allerdings die Frage auf: Wenn man bereits drei Familienmitglieder tötet - warum lässt man das Kind leben?

Flucht nach Kasachstan und Aserbaidschan

Vorsitzender Nachtlberger verhandelt ruhig und lässt den Angeklagten viel Zeit, ihre Geschichte auszubreiten. Von der es viele Versionen gibt. M. erzählte vor den Asylbehörden und der Polizei ständig neue.

Im Gerichtssaal schildert er, sie seien zunächst nach Kasachstan und dann nach Aserbaidschan geflüchtet. Nach vier Jahren dort kam man nach Österreich und suchte um Asyl an. Die Nichte sei ständig bei ihnen gewesen. Sie habe sich mit Malika M. die Hausarbeit geteilt, vielleicht habe es Ohrfeigen gegeben, aber sicher keine massiven Misshandlungen.

Nichte habe jahrelang Angst gehabt

Überhaupt hätte sie ständig die Möglichkeit gehabt wegzugehen. Schließlich habe sie in Wien neun Monate alleine einen Deutschkurs besucht und auch gegen den Willen der Angeklagten geheiratet. Sie sei sogar für einige Tage zurückgekommen, da es Streit mit dem Mann gegeben habe.

In ihrer auf Video vorgeführten Aussage stellt die Nichte das völlig konträr dar. Sie habe einfach jahrelang Angst gehabt, sei mit dem Umbringen bedroht, geschlagen und überwacht worden. Erst als sie 2008 ihre Tante in Österreich ausfindig machte, habe sie sich ihr anvertraut und anschließend in Russland den Mord angezeigt. Im Vorjahr wurde sie über Umwege von der Polizei kontaktiert und zeigte dann auch die Misshandlungen an. Familienfotos, auf denen sie einen durchaus fröhlichen Eindruck macht, erklärt sie damit, dass das nur gespielt sei. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 27.7.2012)

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