Gott und die Welt und der Vermittler Tony Blair

27. Juli 2012, 05:30
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Der frühere Premierminister Tony Blair arbeitet eifrig an seiner Rückkehr in die britische Innenpolitik. Auch eine Debatte über die Rolle der Religion im öffentlichen Leben nutzte er dafür, und der anglikanische Erzbischof durfte Stichworte liefern.

Natürlich kennt Tony Blair die besten Geschichten. Da sei doch, erzählt der Politikveteran, eines Tages eine Delegation der Heilsarmee bei ihm erschienen. Zum Schluss habe die Delegationsleiterin gemeinsames Niederknien zum Gebet angeregt, was bei einigen seiner gottlosen Mitarbeiter für Unruhe sorgte. Da müsst ihr jetzt durch, ordnete der Boss an. "Um Gottes willen", habe einer gezischt. Darauf Blair: "Genau."

Entspanntes Gelächter im großen Saal der Methodistenhalle mitten in London. Fünf Gehminuten von der Downing Street, seiner früheren Wirkungsstätte, entfernt spricht der frühere Labour-Premierminister und heutige internationale Geschäftsmann (geschätztes Jahreseinkommen: rund 25 Millionen Euro) an diesem heißen Juliabend zum Thema "Religion im öffentlichen Leben".

Motto umgeschrieben

Ganz subtil hat der vor fünf Jahren aus Amt und Parlament Ausgeschiedene, der jetzt 59 ist, das Veranstaltungsmotto aber für seine eigenen Zwecke umgeschrieben: Es könnte nun auch "Tony Blair im öffentlichen Leben" lauten, schließlich will der Veteran erklärtermaßen in die britische Innenpolitik zurückkehren.

Das stößt keineswegs überall auf Gegenliebe. Schon hat das Forschungsinstitut ICM im Auftrag des Blair-kritischen Guardian herausgefunden: Die derzeit im Umfragehoch befindliche Labour Party verlöre auf einen Schlag drei Prozentpunkte, wenn statt des farblosen Edward Miliband der Chefcharismatiker persönlich das Zepter schwänge. Gerade links der Mitte polarisiert kaum jemand so sehr wie der Mann, der in seiner aktiven Zeit nicht nur drei Wahlsiege verbuchte, sondern das Land auch in fünf Kriege führte.

Deren letzter, der Einmarsch unter US-Führung im Irak 2003, erbost bis heute die Friedensbewegung. Drei Dutzend Protestierer stehen an diesem Abend vor dem Veranstaltungssaal, immer wieder rufen sie "Tony Blair, Kriegsverbrecher". Von fern klingt es wie eine religiöse Beschwörungsformel. "Er hat dieses Land betrogen und uns in einen illegalen Krieg verwickelt", sagt John Lloyd (70) und hält sein selbstgemaltes Poster hoch. Darauf steht: "Erzbischof gegen Erzlügner".

Mit Erzbischof ist Rowan Williams gemeint, der höchste Geistliche der anglikanischen Staatskirche. Noch vor seiner Inthronisierung im Herbst 2002 hatte der glänzende Theologe den Premier vor einer Beteiligung am Irakkrieg gewarnt. Blair revanchierte sich: Kaum aus dem Amt geschieden, folgte er seiner Frau Cherie und den gemeinsamen vier Kindern und trat zum Katholizismus über.

Fanatiker hier wie dort

Weder vom einen noch vom anderen reden die Herren auf dem Podium an diesem Abend offen. Um den militanten Islam geht es immerhin, um jene, die Blair zufolge "einen exklusiven Anspruch auf die Wahrheit" für sich reklamieren. Denen begegne er häufig in seiner Rolle als Vermittler im Nahostkonflikt. Freilich habe es Fanatiker auch im Christentum reichlich gegeben.

Fanatiker sind auch Williams zur Genüge begegnet während seiner zehnjährigen Amtszeit, nicht zuletzt in der eigenen Gemeinschaft der Anglikaner weltweit. Die fetzt sich ununterbrochen über Themen wie Homosexualität und die Frage, ob Frauen auch Bischöfe werden sollten. " Viele religiöse Leute haben den Eindruck, sie müssten eine Diskussion für Gott gewinnen", sagt der Erzbischof. "Dabei kann Gott ganz gut auf sich selbst aufpassen." Da lächelt Blair in sich hinein.

Nur der frühere Chefredakteur des konservativen Telegraph stört die warme Stimmung der beiden toleranten Gotteskrieger. Wo Blair doch damals mit der Heilsarmee auf die Knie gesunken sei, fragt Charles Moore listig, wäre da später nicht auch ein gemeinsames Gebet mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush nahegelegen?

Das Thema ist Blair erkennbar gar nicht recht. Der entsprechenden Frage eines BBC-Moderators war er vor Jahren hartnäckig ausgewichen. Jetzt misst er Moore mit stählernem Blick und sagt: "Das wäre keine schlimme Sache gewesen. Aber es ist nicht geschehen." (Sebastian Borger, DER STANDARD, 27.7.2012)

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    Zum Katholizismus konvertiert: Tony Blair bei der Kommunion während der Papstmesse im September 2010 in London.

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