Bürgermeister Wuchteldrucker

Christian Schachinger
26. Juli 2012, 17:14

Rechtzeitig zu Olympia in London erscheint Boris Johnsons "72 Jungfrauen" in deutscher Übersetzung

Wien - Der Berliner Lizenzverlag selbst schweigt dazu vornehm, aber: Möglicherweise wäre dieser Roman nicht zwingend acht Jahre zu spät in deutscher Übersetzung erschienen, wenn die Olympischen Sommerspiele 2012 nicht in London abgehalten werden würden - und wenn der Autor nicht gerade amtierender Bürgermeister der britischen Metropole wäre. So aber erscheint die Farce über die Paranoia nach 9/11, schusselige islamistische Terroristen und einen Anschlag in den Londoner Houses Of Parliament gerade noch rechtzeitig, um beim Leser für ein wenig Nervenkitzel und Zwerchfellzwicken zu sorgen.

Passiert etwas oder geht alles gut? Und sind reale Terroristen im wirklichen Leben gar nicht so liebenswerte Vollidioten wie im Buch? Zwischen den Seiten träumen sie neben der Vernichtung der dekadenten westlichen Zivilisationssegnungen ausschließlich davon, nach der Himmelfahrt 72 Jungfrauen beizuwohnen, nachdem es peng, peng gemacht und ordentlich gerumst hat.

Boris Johnson bekam damals infolge der britischen Veröffentlichung Ende 2004 kurzfristig erhebliche Probleme mit dem Roman. Am 7. Juli 2005 erschütterten die "London Bombings" die Welt, islamistische Terroranschläge in der Londoner U-Bahn und auf einen Doppeldeckerbus, die insgesamt 56 Tote forderten.

Der berüchtigt verhaltensoriginelle Tory, Unterhausabgeordneter und damaliger Herausgeber des Spectator, setzte sich damals nur zwei Wochen nach den Anschlägen in einem Gastkommentar in der Tageszeitung The Telegraph dafür ein, dem radikalen Islamismus speziell auch mit höhnischem Gelächter als angenehmem Nebeneffekt von Schulbildung und dem Geist der Aufklärung entgegenzutreten. Boris Johnson schlug damals dem Komikerteam von "Little Britain" speziell einen Sketch über die besagten 72 Jungfrauen und die Lächerlichkeiten solcher selbstmordfreundlicher Vorstellungswelten vor. Eigenwerbung oder die zynische Sicht eines arroganten, in Eton und Oxford geschulten Oberschichtschnösels hinunter auf laut Johnson "mittelalterliche" Glaubensrichtungen wie den Islam? Die Reaktionen auf Johnsons Kommentar waren mindestens "emotional". Sie sorgten nach ursprünglich freundlichen Besprechungen dieses Debüts in der Schule schwarzhumoriger Slapstickliteraten wie Tom Sharpe oder P. G. Wodehouse für eine Kontroverse.

Fingerübung eines Sturkopfs

Bei 72 Jungfrauen jedenfalls handelt es sich um etwas mehr als eine vor fast einem Jahrzehnt im Schatten von 9/11 entstandene Fingerübung eines heute wegen seiner Schrullen, Sturköpfigkeit und oft ins Wirre lappenden Eigenwilligkeit weltweit bekannten Kommunalpolitikers.

Es geht in dieser rasanten, in Realzeit über knapp vier Stunden erzählten Satire um hoppertatschige islamistische Terroristen, die während eines Staatsbesuchs des US-Präsidenten und dessen Rede vor dem britischen Unterhaus ins Parlament eindringen und drohen, alles in die Luft zu sprengen. Zuvor aber soll noch vor laufenden Fernsehkameras über die Verbrechen des Westens zu Gericht gesessen werden. Ein bekannter britischer Fernsehkoch mischt sich mit einer Tirade gegen amerikanisches Fastfood ebenso ein wie die berüchtigte englische Sensationspresse. Chaos überall. Ende gut, aber mit Schrecken?

Überhaupt alle in dem Buch vorkommenden Personen haben einen Vogel - und Boris Johnson, der sich, zur Kenntlichkeit entstellt, im Roman als linkischer liberal-konservativer Abgeordneter Roger Barlow verewigt hat, macht mit sich selbst keine Ausnahme. Aus heutiger Sicht mag das Szenario dank der eindeutig an George W. Bush angelehnten US-Präsidentenfigur etwas antiquiert wirken. Seit 2008 ist Johnson Bürgermeister von London. Aber Witze macht er noch immer. Auf politischer Ebene.  (Christian Schachinger, DER STANDARD, 27.7.2012)

Boris Johnson: "72 Jungfrauen". Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2012

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Boris Johnsons Grossvater war ein Osmane!

also gegen häupl, schüssel und prölleten ist der hr. johnson ein kapazunder und hecht in allen gassen.
am besten find ich ihn, wenn er wieder mal nicht merkt, dass ihm das hemd an allen enden aus der hose gschlupft ist und er einfach munter weiter gestikuliert.
Boris rules, zurecht ! Aber er ist halt ein Tory ... hmmm

Four Lions

Hat jemand den herrlichen Film "Four Lions" gesehen ? Da gehts genau um dieses Thema.
Monty Pythons at it`s best.... auch wenn keiner von denen dabei war.

So gut warm MP schon lange nicht mehr.
Four Lions ist grandios.

Angemessene englische Aufarbeitung dieses an sich

traurigen Themas:
Ich habe Tränen gelacht über die Darstellung des britischen Konvertiten!

4 lions

ist auf den ersten blick auch lustig.
auf den zweiten nicht mehr so...den trottelns sind alle, nur der tod ist echt und da nehmen sie leider oft andere mit.

hehe klingt lustig, lachen und lächerlich machen ist gute medizin gegen angst

dennoch wird der mensch wahrscheinlich polizeischutz brauchen, weil manche bärtige schon beim titel zu brüllen und fahnen verbrennen anfangen werden

erstaunlich

ich fand es sehr überraschend, dass ein politiker in der lage ist, über ein so hochbrisantes thema ein dermaßen unterhaltsames buch fern der political correctness zu schreiben. sehr sympathisch!

die 72 ist eine supertolle zahl, 6x12, muß irgendwas ganz aufregendes sein, jedenfalls gibt es auch die septuaginta (bibel) mit ihren 72 übersetzern und vieles mehr. die huri stehen im koran sind ein uralter übertragungsfehler aus dem aramäischen ins arabische, der erhalten blieb. ursprünglich handelte es sich um trauben. so viel fürs erste zum islam.

Trauben? 72 Weinbeeren? So geizig?

nochmal von vorne: die 72 ist eine supertolle zahl etc. 72 stück ist überhaupt nicht geizig, sondern ein großer reichtum.

Wieso? Eine Zahl ist eine Zahl!

Was unterscheidet eine 72 von einer 27 oder 56 (sieht man von den Unterscheidungen der Mathematik einmal ab)?
Und grosser Reichtum wird doch wohl durch Wertigkeiten ab einer Million ausgedrückt!

dieser beitrag ist wirklich nicht lesenswert.

artistisch vermeidet der meister, unsere party-stimmung durch das thema politik zu stören, lässt abe durchblicken, dass er auch das sehr wohl könnte. nicht umsonst hat er ein berufsleben gewählt, um keine ausnahmestellung zu beanspruchen sondern gerade deswegen- zu sein.

wie dylan beteuert er, dass er mit seinem genie im privatleben nicht das geringste zu tun hat.

Wer wirklich lachen will, schaut sich "Achmed the dead terrorist" an. Dann weiß man auch über die 72 Jungfrauen Bescheid. :-)

http://www.youtube.com/watch?v=xwEo44nDrks

Und der Herr Häupl im Vergleich?

Schrieb der ein beachtenswertes Buch? Nein, der punktet nur mit seiner Trinkfestigkeit. Dementsprechend gestaltet sich auch die Wiener Kommunalpolitik. Tu felix Austria...

Ja, ein Kochbuch ala 3 Damen vom Grill, voll fett Mann .... mit Getränkeempfehlung (Weiss, Rot oder Gold (a Blech)) zu jedem 12 Gängemenü

er hat wenigstens eine doktorarbeit über die schädelkinetik bei gekkoniden verfasst.
und was war deine literarische leistung (abgesehen von deinem posting natürlich)?

Meine Doktorarbeit hat mit dem Thema Modellreduktion zu tun,

na und? Die Qualität von Häupls Doktorarbeit steht hier auch nicht zur Debatte. Als Bürgermeister von Wien hat er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert und seine Politik zeugt nicht von Intellekt oder Einfallsreichtum, nicht einmal echte Menschlichkeit ist zu erkennen, und das bei einem "Sozialdemokraten". Betrachten Sie nur einmal die Debatte zum Thema "kleines Glücksspiel". Aber an Argumenten sind Sie ja nicht sonderlich interessiert?

Wenn ich mir andere Bundesländer wie Tirol, Niederösterreich oder Kärnten anschaue, sind Häupls intellektuelle Fähigkeiten für mich das geringste Problem. Oder welche (realistische) Alternative hast du? Strache?

Was die anderen Bundesländer und deren Repräsentanten

betrifft, gebe ich Ihnen sogar völlig recht. Durch Relativierung wird das Problem Häupl aber leider nicht gelöst. Und zu Strache habe ich meine Meinung bereits an anderer Stelle kundgetan, er wäre das Tüpfelchen auf dem i: infam, impertinent, inkompetent. Noch schlimmer als Häupl. Das ist ja gerade die Crux mit dem Michl: angesichts des politischen Spektrums in Wien muß man ja noch froh sein über Rot-Grün, auch wenn einem speiübel wird. Ein Armutszeugnis für die Bundeshauptstadt!

der häupl hat wenigstens mehr als ein buch ("der schatz im silbersee") gelesen.

Welche Relevanz hat das Verfassen eines satirischen Romans für die Eignung zum Bürgermeisteramt einer Großstadt genau?

mehr als saufen.

Intellektuelle Fähigkeiten, welcher Art auch immer

diese sein mögen, haben natürlich für das Amt des (Wiener) Bürgermeisters keinerlei Relevanz. Vielmehr erzeugt deren Abwesentheit je nach Ausprägung ein wohliges Gefühl der Selbstzufriedenheit, das durch äußere Umstände kaum zu beeinträchtigen ist. Gell?

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