Bürgermeister Wuchteldrucker

Rechtzeitig zu Olympia in London erscheint Boris Johnsons "72 Jungfrauen" in deutscher Übersetzung

Wien - Der Berliner Lizenzverlag selbst schweigt dazu vornehm, aber: Möglicherweise wäre dieser Roman nicht zwingend acht Jahre zu spät in deutscher Übersetzung erschienen, wenn die Olympischen Sommerspiele 2012 nicht in London abgehalten werden würden - und wenn der Autor nicht gerade amtierender Bürgermeister der britischen Metropole wäre. So aber erscheint die Farce über die Paranoia nach 9/11, schusselige islamistische Terroristen und einen Anschlag in den Londoner Houses Of Parliament gerade noch rechtzeitig, um beim Leser für ein wenig Nervenkitzel und Zwerchfellzwicken zu sorgen.

Passiert etwas oder geht alles gut? Und sind reale Terroristen im wirklichen Leben gar nicht so liebenswerte Vollidioten wie im Buch? Zwischen den Seiten träumen sie neben der Vernichtung der dekadenten westlichen Zivilisationssegnungen ausschließlich davon, nach der Himmelfahrt 72 Jungfrauen beizuwohnen, nachdem es peng, peng gemacht und ordentlich gerumst hat.

Boris Johnson bekam damals infolge der britischen Veröffentlichung Ende 2004 kurzfristig erhebliche Probleme mit dem Roman. Am 7. Juli 2005 erschütterten die "London Bombings" die Welt, islamistische Terroranschläge in der Londoner U-Bahn und auf einen Doppeldeckerbus, die insgesamt 56 Tote forderten.

Der berüchtigt verhaltensoriginelle Tory, Unterhausabgeordneter und damaliger Herausgeber des Spectator, setzte sich damals nur zwei Wochen nach den Anschlägen in einem Gastkommentar in der Tageszeitung The Telegraph dafür ein, dem radikalen Islamismus speziell auch mit höhnischem Gelächter als angenehmem Nebeneffekt von Schulbildung und dem Geist der Aufklärung entgegenzutreten. Boris Johnson schlug damals dem Komikerteam von "Little Britain" speziell einen Sketch über die besagten 72 Jungfrauen und die Lächerlichkeiten solcher selbstmordfreundlicher Vorstellungswelten vor. Eigenwerbung oder die zynische Sicht eines arroganten, in Eton und Oxford geschulten Oberschichtschnösels hinunter auf laut Johnson "mittelalterliche" Glaubensrichtungen wie den Islam? Die Reaktionen auf Johnsons Kommentar waren mindestens "emotional". Sie sorgten nach ursprünglich freundlichen Besprechungen dieses Debüts in der Schule schwarzhumoriger Slapstickliteraten wie Tom Sharpe oder P. G. Wodehouse für eine Kontroverse.

Fingerübung eines Sturkopfs

Bei 72 Jungfrauen jedenfalls handelt es sich um etwas mehr als eine vor fast einem Jahrzehnt im Schatten von 9/11 entstandene Fingerübung eines heute wegen seiner Schrullen, Sturköpfigkeit und oft ins Wirre lappenden Eigenwilligkeit weltweit bekannten Kommunalpolitikers.

Es geht in dieser rasanten, in Realzeit über knapp vier Stunden erzählten Satire um hoppertatschige islamistische Terroristen, die während eines Staatsbesuchs des US-Präsidenten und dessen Rede vor dem britischen Unterhaus ins Parlament eindringen und drohen, alles in die Luft zu sprengen. Zuvor aber soll noch vor laufenden Fernsehkameras über die Verbrechen des Westens zu Gericht gesessen werden. Ein bekannter britischer Fernsehkoch mischt sich mit einer Tirade gegen amerikanisches Fastfood ebenso ein wie die berüchtigte englische Sensationspresse. Chaos überall. Ende gut, aber mit Schrecken?

Überhaupt alle in dem Buch vorkommenden Personen haben einen Vogel - und Boris Johnson, der sich, zur Kenntlichkeit entstellt, im Roman als linkischer liberal-konservativer Abgeordneter Roger Barlow verewigt hat, macht mit sich selbst keine Ausnahme. Aus heutiger Sicht mag das Szenario dank der eindeutig an George W. Bush angelehnten US-Präsidentenfigur etwas antiquiert wirken. Seit 2008 ist Johnson Bürgermeister von London. Aber Witze macht er noch immer. Auf politischer Ebene.  (Christian Schachinger, DER STANDARD, 27.7.2012)

Boris Johnson: "72 Jungfrauen". Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2012

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