Schauspielerin Susanne Lothar gestorben

Die deutsche Charakterdarstellerin starb 51-jährig - die Todesursache blieb vorderhand unbekannt

Berlin - Peter Zadek stieß wie zufällig auf sie. Da war Susanne Lothars Theaterstern schon aufgegangen, ohne noch im Zenit zu stehen. Die Tochter der Schauspielerlegenden Ingrid Andree und Hanns Lothar hatte in ihrer Heimatstadt Hamburg, in Köln und Wien als überaus talentierte Schauspielerin auf sich aufmerksam gemacht. Für ihre Rolle in Wedekinds Musik wurde ihr 1986 die Kainz-Medaille zugesprochen.

Regisseur Zadek riss die dünne, junge Frau fast gewaltsam in seine Umlaufbahn. Ihr Auftritt als Femme fatale Lulu in seiner phänomenalen Hamburger Wedekind-Inszenierung markierte ein Rätsel. Rund um die Lothar keuchten schwitzende Männer eine freistehende Treppe hinauf und hinunter. Ulrich Wildgruber (Dr. Schöning) lallte beim Anblick der spröden Schönen, als müsste er an der eigenen, unmäßigen Geilheit schier zugrunde gehen.

Doch an Lothars barbusiger Erscheinung prallten alle Avancen ab. Sie bildete das Kraftzentrum dieser Modellinszenierung, mit der Zadek 1989 einen seiner größten Triumphe feierte. Ihre Lulu war ein Unschuldsengel, der dem Irrsinn der Männer ebenso schamlos wie sachlich begegnete. Kein Zirkustier mit Bändigern, eher eine komische Heilige, die die Borniertheit der Welt auf ihre schmalen Schultern nahm.

Durch Lothars Karriere als Theater- und Filmschauspielerin verlief ein schmales, unsichtbares Band. Wie ein Spiegel warf sie die Konturen einer Welt zurück, deren Übermacht zudringlich wirkte. In Grillparzers Jüdin von Toledo (Salzburger Festspiele, 1990) trieb sie als Titelheldin den ihr verfallenen König (Ulrich Mühe) in ein unauflösliches Dilemma. Wieder glänzten ihre Augen, blieb das Geheimnis dieser Rahel letztlich unantastbar. Bühnenpartner Ulrich Mühe wurde Lothars Mann. Mit ihm, dem Star aus der DDR, hatte sie zwei Kinder.

Bald darauf wurde die deutschsprachige Filmindustrie auf Lothars herbe Kunst der Konzentration aufmerksam. Sie konnte die kindliche Gaunerin geben, im nächsten Moment die kapriziöse Göre. Für immer im Gedächtnis blieb sie als Michael-Haneke-Darstellerin. An der Seite Ulrich Mühes schlitterte sie in den kreatürlichen Wahnsinn einer Mutter, deren Familie vor ihren Augen zu Tode gequält wird (Funny Games).

Ihre Bühnenauftritte markierten weiterhin Ereignisse. In Sarah Kanes Gesäubert (1998), wieder unter Zadeks Regie, bildete sie das Kraftzentrum inmitten eines völlig unverständlich bleibenden Geschehens. Rund um sie herum wurden Gliedmaßen abgeschnitten, Menschen erniedrigt und gefoltert. Lothar zeigte eine tiefe Ergriffenheit: das Mitgefühl mit der Grausamkeit der Welt.

Vom Feuilleton zur "Extremschauspielerin" ernannt, meisterte Lothar den schwersten Schlag mit introvertierter Würde. Ulrich Mühe starb 2007 an Krebs, kurz nachdem er für Das Leben der Anderen in den Genuss einer Oscar-Ehrung gekommen war. Lothar verbat sich Fragen nach ihrem Privatleben strikt. Sie spielte weiter - auch, wie sie einmal sagte, um für sich und die Kinder "die Brötchen zu verdienen". In Hanekes Das weiße Band verkörperte sie die Geliebte eines sie demütigenden Landarztes. Es zerriss einem das Herz. "In der Trauer", sagte Lothar, " ist man immer allein."

Jetzt ist Susanne Lothar mit gerade einmal 51 Jahren gestorben. Ursache wurde keine bekannt.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.7.2012)

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