Zeglovits: "Die Leute haben gesagt: Du bist wahnsinnig"

Interview27. Juli 2012, 11:16
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Sozialwissenschaftlerin Eva Zeglovits über ihren Jobwechsel an die Uni und die Nachteile befristeter Stellen

Eva Zeglovits ist von einem sozialwissenschaftlichem Institut an die Universität Wien gewechselt. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt Sie, warum sie viele davor gewarnt haben und sie es trotzdem getan hat. Zeglovits ist am Fakultätszentrum für Methoden der Sozialwissenschaften tätig und beschäftigt sich vor allem mit Wahlmotiv-Forschung. In der Lehre versucht sie ihren Studenten die Angst vor den Zahlen zu nehmen. Universitäre und außeruniversitäre Forschung unterscheidet sich laut Zeglovits vor allem darin, dass es an der Uni kein Kundeninteresse gibt. Außerdem läutet ihr Telefon seltener.

derStandard.at: Sie waren in der außeruniversitären Forschung und an der Uni tätig. Wo sehen Sie die größten Unterschiede für Ihre Arbeit?

Zeglovits: Inhaltlich mache ich etwas sehr Ähnliches. Ich beschäftige mich damit, warum Leute wählen gehen und warum Sie eine bestimmte Partei wählen oder eine andere. Der große Unterschied ist, dass es in der angewandten Forschung immer mit einem Kundeninteresse verbunden ist. Also wenn eine Partei oder eine Institution wissen will, warum die Leute wählen gehen, dann wollen sie das üblicherweise mit dem Hintergedanken, dass sie alle oder bestimmte Leute zur Wahl bringen. Auf der Uni gibt es tatsächlich nur das Interesse, das zu verstehen. Ich muss das Ergebnis nicht sofort in eine Handlungsempfehlung übersetzen.

Der andere große Unterschied sind die zeitlichen Dimensionen, in denen man arbeitet. In der angewandten Forschung habe ich gelernt, sehr schnell, sehr effizient zu möglichst guten Lösungen zu kommen, die nicht immer perfekt sein müssen. Auf der Uni geht es darum, zu den perfekten Lösungen zu kommen. Dafür ist es aber okay, wenn das etwas länger dauert. Und dann gibt es einen ganz einfachen Unterschied in der täglichen Arbeit: Mein Telefon läutet nicht. Das finde ich ganz großartig.

derStandard.at: Wer hat Sie bei SORA angerufen?

Zeglovits: Meistens die Kunden. Die wollten wissen, wann etwas fertig ist und ob es schon etwas gibt und "wie wir ausschauen". Das Telefon klingelt dauerend und man musste sofort reagieren, das geht mir gar nicht ab.

derStandard.at: Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen, von SORA wegzugehen?

Zeglovits: Die Idee, woanders hinzugehen, ist nicht von heute auf morgen gekommen. Das war etwas sehr Graduelles, das sich ganz langsam festgesetzt hat. Es war natürlich nicht leicht. Etliche Leute haben gesagt: Du bist wahnsinnig, du kannst nicht eine unbefristete Stelle verlassen. Auf der Uni ist alles so unsicher.

derStandard.at: Ihre Stelle ist befristet. Es ist oft von prekären Arbeitsverhältnissen an der Uni die Rede. Inwiefern betrifft Sie das?

Zeglovits: Arbeiten an der Universität heißt für sehr viele Leute: Ich weiß jetzt schon, dass ich in drei Jahren einen anderen Job brauche. Das hat meiner Ansicht nach eine ganze Reihe von Nachteilen. Das betrifft zum Beispiel die Bereitschaft, sich in der Universität zu engagieren. Solche Dinge wie die Mitarbeit in Gremien oder die Vertretung der Beschäftigten innerhalb der Universität leiden bestimmt darunter. Es ist aber auch nicht gerade förderlich für Kooperation. Jeder, mit dem man kooperiert, ist ein potenzieller Konkurrent für den nächsten Job. Dabei halte ich Kooperation und Ideenaustausch in der Wissenschaft für essenziell.

Zum Dritten können in einem Bereich wie der Sozialwissenschaft die kurzen Befristungen auch ein Nachteil für den wissenschaftlichen Output der Universität sein. Wir haben viel längere Review-Verfahren als etwa die Naturwissenschaften. Bis die Publikationen endlich erscheinen und damit für den Output der Uni zählen, sind die Wissenschafter vielleicht schon an der nächsten Universität. Meine persönliche Meinung ist, ist dass da etwas schiefläuft.

Ich bin optimistisch, dass sich nach dem Ende des Vertrages etwas ergeben wird. Es ist vor allem für junge Leute schwierig. Ich habe meine Familie schon, aber wenn ich jetzt zehn Jahre jünger wäre und noch keine Kinder hätte, dann hätte ich wahrscheinlich massive Ängste, dass ich nach einer Karenz nie wieder zurückkommen kann. Dann ist der Job weg und man steht da.

derStandard.at: Wie lange läuft Ihr Vertrag?

Zeglovits: Ich habe einen Dreijahresvertrag. Ich habe jetzt ungefähr Halbzeit.

derStandard.at: Bei den Unis wird viel gespart. Aber auch im außeruniversitären Bereich gab es in der Vergangenheit Kürzungen der Subventionen. Haben Sie den Sparkurs bei SORA noch mitbekommen?

Zeglovits: Die Einsparungen im außeruniversitären Bereich habe ich insofern schon miterlebt, als es zu bestimmten Zeiten besonders schwierig war, von den öffentlichen Stellen Gelder für Auftragsforschung zu bekommen.

derStandard.at: Das Argument für die Kürzungen war damals, dass dieser Bereich "strukturbereinigt" werden muss, weil es so viele verschiedene Institute gibt. Wie sehen Sie das?

Zeglovits: Ich habe den Eindruck, viele der außeruniversitären Institute haben sich ohnehin fast ausschließlich über eingeworbene Projekte finanziert. Dann zu sagen, es gibt zu viele davon, das finde ich ein bisschen absurd.

Die Akquisition von Projekten und das Einwerben von Geld ist ja ein großer Bestandteil der Arbeit in der außeruniversitären Forschung. Das ist nicht so, dass man da nur forscht. Es gibt die Institute, wo man sich seinen Arbeitsplatz selber akquirieren muss. Ich werbe ein Projekt ein, und solange das geht, habe ich einen Job, und dann muss ich das nächste einwerben, und wenn ich das nicht schaffe, muss ich gehen. Das andere Modell ist: Bestimmte Personen sind für das Einwerben zuständig und andere fürs Abarbeiten. Da ist man nicht nur Forscherin, sondern läuft von Kunde zu Kunde und versucht, Geld einzuwerben, damit man selbst und die KollegInnen bitte nächsten Monat auch noch einen Arbeitsplatz haben. Das habe ich auch gemacht.

derStandard.at: Wie ist die Aufteilung zwischen Lehre und Forschung in Ihrem Arbeitsalltag?

Zeglovits: Ich mache mehr Forschung als Lehre.

derStandard.at: Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal Studierende unterrichtet haben?

Zeglovits: Das kann ich nicht sagen. Meine erste Lehrveranstaltung habe ich wohl vor 13 Jahren abgehalten. Als ich selbst noch studiert habe, habe ich Tutorien abgehalten. Insofern war das ein fließender Einstieg in die Lehre. Lehre gehört für mich dazu und ich mache es auch gern. Was schwierig ist, ist Lehre in Pflichtveranstaltungen, wo Studierende sagen: Uh, Statistik, das wollte ich noch nie machen. Ich habe zum Beispiel einmal Mathematik für Betriebswirte unterrichtet. Da kommen die Leute von der Schule mit der Einstellung: "Jetzt habe ich schon wieder Mathematik, das ist mir schon immer auf die Nerven gegangen und das habe ich noch nie verstanden." Mit dieser Einstellung lernt man auch nichts.

Wenn man dann als Lehrender das Gefühl hat, die Studierenden interessiert das eh alles nicht, dann unterrichtet man wahrscheinlich auch schlechter. Ich glaube, das ist eine ungünstige Dynamik. Diese aufzubrechen ist eine Herausforderung. Angenehmer sind Lehrveranstaltungen, die freiwillig motiviert sind. Oft ist das aber viel anstrengender, weil die Studierenden etwas brauchen und das dann auch einfordern.

derStandard.at: Was mögen Sie an der Lehre?

Zeglovits: Was ich mag, ist genau die Herausforderung, Menschen für das Fach zu begeistern. Ich unterrichte meistens quantitative Methoden. Alles, was mit Zahlen zu tun hat, wird von vielen mit dem Vorurteil bedacht, es sei schwierig oder trocken oder fad oder sinnlos ... Wenn ich in einer Lehrveranstaltung mit 30 Teilnehmern fünf davon überzeugen kann, dass quantitative Methoden etwas Sinnvolles oder gar etwas Spannendes sind, dann habe ich das Gefühl, dass ich etwas erreicht habe.

derStandard.at: Was sollen zukünftige Politologen aus Ihrer Lehre mitnehmen?

Zeglovits: Ich habe immer dieses eine Ziel: Wenn jemand, der Politikwissenschaft studiert hat, in der Zeitung eine Umfrage liest, dann hätte ich gern, dass er versteht, was diese Umfrage aussagt und was sie nicht aussagt. Viele Politikwissenschaftler arbeiten auch als Journalistinnen und Journalisten. Ich würde mir wünschen, dass die Umfragen in Zeitungen kritisch beschrieben werden. Ich würde mir wünschen, dass irgendwann einmal nicht mehr steht: "Partei X im Aufwind: Plus ein Prozent". Jedes Mal, wenn ich so etwas lese, wird mir schlecht.

Es gibt so gute Umfragen und es gibt so schlechte Umfragen, und die schlechten Umfragen machen glaube ich die ganze Branche kaputt. Irgendwann entsteht das Gefühl: Umfragen - das ist eh alles Blödsinn. Wenn die Politikwissenschaftler die Umfragen verstehen und richtig interpretieren und die guten von den schlechten Umfragen unterscheiden können, ist schon etwas gewonnen.

Das zweite Ziel, das ich habe, ist, dass die Studierenden, die in der Wissenschaft bleiben wollen, wissen, dass es diese Methoden gibt, und sich dann weiter dafür interessieren und noch mehr lernen können. Das, was man im Studium lernt, ist ein Grundstock, und auf den muss man aufbauen und dazulernen.

derStandard.at: Haben Sie ein Karriereziel, das Sie erreichen möchten?

Zeglovits: Ich könnte jetzt natürlich sagen, mein Karriereziel ist, dass ich irgendwann eine Professur bekomme. Das ist aber völlig unrealistisch. Dazu bin ich vermutlich zu spät in die akademische Forschung eingestiegen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich in den nächsten 15 Jahren alle zwei Jahre meinen Wohnsitz wechsle. Es gibt einen Druck, mobil zu sein. Aber in meinem Fall heißt das, dass nicht nur ich selbst, sondern meine ganze Familie mobil sein muss. Mobilität ist schwieriger, wenn man einen Partner und Kinder hat. Welcher Partner ist schon bereit, seinen eigenen Beruf hintanzustellen und zu sagen: Ich werfe alles hin und folge dir, wohin auch immer du gehst? Das ist für mich ein großes Fragezeichen, wie das mit meinem Leben zusammengehen soll. Aber es gibt Vorbilder, die das schaffen.

Ich hätte natürlich gerne einen unbefristeten Job. Das gibt es an der Uni schon. Wenn eine derartige Stelle ausgeschrieben ist, gibt es wahrscheinlich unzählige Bewerbungen. Da muss man dann schon unglaublich gut sein, um diese Stelle zu bekommen. Im Moment habe ich aber keine echte Karriereplanung, weil ich eben nicht weiß, wie das nach diesen Befristungen weitergeht. Es gibt ja auch nur eine begrenzte Anzahl an Verlängerungen, und irgendwann einmal ist Schluss. Dann muss man weg. Dann schaue ich, was auf mich zukommt. (Lisa Aigner, derStandard.at, 27.7.2012)

Eva Zeglovits, seit 2010 Universitätsassistentin am Fakultätszentrum für Methoden der Sozialwissenschaften, davor 13 Jahre in der außeruniversitären Forschung bei SORA - Institute for Social Research and Consulting beschäftigt. Sie ist Mitglied im Team der österreichischen nationalen Wahlstudie (AUTNES). Zeglovits ist verheiratet und hat zwei Kinder, vier und sieben Jahre alt.

  • "Uh, Statistik das wollte ich noch nie machen" - Vorurteile der Studierenden gegenüber Zahlen sieht Zeglovits als Herausforderung. 
    foto: privat

    "Uh, Statistik das wollte ich noch nie machen" - Vorurteile der Studierenden gegenüber Zahlen sieht Zeglovits als Herausforderung. 

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