Das Gellen der Rebellen

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Die US-Springsteen-Verehrer The Gaslight Anthem und ihr neues Album "Handwritten"

Als die deutsche Plattenfirma 1995 für die angesagten Musikfernsehsender VIVA und MTV Germany anlässlich eines neuen Greatest-Hits-Albums von Bruce Springsteen ein aktuelles Video benötigt, werden für den Dreh in einer kleinen Kneipe im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg nicht nur die genialischen österreichischen Regisseure Dolezal und Rossacher engagiert. Diese hatten zuvor schon Clips für die Rolling Stones, Bob Dylan oder Queen in deren künstlerisch besten Phasen gedreht.

Anstatt der aus Kostengründen zu Hause gebliebenen E Street Band buchte man als Begleitpartie den Kölschrocker Wolfgang Niedeken von BAP und seine Musiker. Der glühende Springsteen-Fan Niedeken hatte damals gerade sein Soloalbum "Leopardefelle" mit kölschen Dylanliedern am Start. Springsteen war davon begeistert und gemeinsam rockte man zum 15 Jahre alten Boss-Hit "Hungry Heart" bis in die frühen Morgenstunden. Das Video ist heute längst Kult.

Wenn man Wolfgang Niedeken durch die Berliner Punk-Band The Beatsteaks ersetzt, einen Kübel Tätowierungen über die Band kippt und das Ganze mit jeder Menge Joe Strummer und The Clash in deren barocker "amerikanischer" Phase ab dem legendären Doppelalbum "London Calling" anreichert, bekommt man einen Eindruck davon, was Brian Fallon und seine so wie Springsteen aus New Jersey stammende Kombo The Gaslight Anthem werden wollen. Sie wollen Bruce Springsteen für die Generation heutiger junger Leute sein.

Auf ihrem mittlerweile vierten Album "Handwritten" klappt das ganz prächtig. The Gaslight Anthem sind nicht nur in ihrer Stadionrockphase angekommen, ohne wirklich entsprechend magische Hits aufweisen zu können. Auch die zu mächtigen Soundgebirgen aufgeschichteten Gitarrenspuren und Fallons ergriffen-angerauter Gesang erinnern an Springsteen in dessen Welteroberungsphase ab den 1980er-Jahren.

Seine Komposition "HungryHeart" wollte Springsteen damals übrigens der New Yorker Gründerväter-Punkband Ramones geben. Sein Manager hat es ihm verboten. Zuvor schon geriet "Because The Night", eine weitere Springsteen-Nummer, in der Version Patti Smiths zum Hit - und in New Jersey schaute man etwas blöd durch die Finger, während man sich mit den Tantiemen tröstete.

Apropos The Clash und "London Calling". Dieses Album und der gleichnamige düstere, als apokalyptische Klage gegen existentielle Langeweile angelegte Hit wurden 1979 veröffentlicht, ein Jahr bevor Springsteen "Hungry Heart" auf seinem Opus Magnum "The River" platzierte. Nachdem sehr, sehr viel Wasser die in "London Calling" erwähnte Themse ("I live by the river!") hinuntergeflossen war, coverte Bruce Springsteen dieses Lied live in London und wurde deswegen vom britischen Unterhaus zum Gouverneur des US-Bundestaates Albion auf Lebenszeit ernannt.

Wir sehen, beim Hören von "Handwritten" von The Gaslight Anthem und deren bewegten, herzensvollen und immer wieder mitgröhlbaren Rebellenliedern, bei denen man auch sehr gut die Faust recken kann, kann man ganz schön ins Schwärmen geraten.  (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 27.7.2012)

The Gaslight Anthem - Handwritten (Universal)

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