Wie London bei Olympia aufklatscht

26. Juli 2012, 13:10
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Während das Olympische Komitee den Mammutanteil der Einnahmen mitnimmt, drohen den Briten verlorene Milliardenausgaben

"Das Geschäft mit den Ringen", so titelten viele Medien über die glänzenden Geschäftszahlen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Veranstalter der Olympischen Spiele freut sich über Milliardeneinnahmen aus dem Verkauf von TV-Rechten und Werbeverträgen. Für London hingegen zeigt sich: Man hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Der Wirt, der heißt nämlich IOC. 2012 hat er seine Tore in London aufgemacht. Und verlangt den britischen Steuerzahlern einiges ab. Rund 15 Milliarden Euro beträgt das Budget von "London 2012". Der Mammutanteil davon stammt aus öffentlichen Geldern. So muss die staatliche Olympic Delivery Authority (ODA) - die für die Infrastruktur verantwortlich zeichnet - mindestens zwölf Milliarden Euro locker machen. Privat finanziert wird hingegen die Durchführung der Spiele selbst. Das dafür gegründete London Organising Committee of the Olympic Games (LOCOG) hat ein Budget von rund drei Milliarden Euro, das sich aus Ticketverkäufen (500 Millionen Euro), Sponsoringverträgen (900 Millionen) und IOC-Geldern (rund 1,7 Milliarden) speist.

IOC nascht immer mit

Pikantes Detail am Rande: Nimmt LOCOG mehr Bares ein, als es ausgibt, nascht das IOC mit. Macht es Verluste, muss der Staat das Komitee schadlos halten - und zahlen. Es sind genau solche Details, die das IOC in Verruf bringen und Politiker nicht gerne an die große Glocke hängen. So auch Gordon Brown, der im Jahr der Bewerbung um die Spiele - 2003 - Finanzminister in der Regierung von Tony Blair war. Er gab dem IOC diese Zusage erst wenige Stunden vor der formellen Einreichung, um politische Diskussionen zu vermeiden, wie ein ehemaliger LOCOG-Manager dem US-Magazin "Vanity Fair" verriet.

Dass das LOCOG Verluste machen wird, die die Allgemeinheit trägt, damit darf gerechnet werden. Diese Sorge hatte das Public Accounts Committee (PAC) - ein Pendant zum österreichischen Rechnungshof - schon im März dieses Jahres bekundet. Da nun auch die private Sicherheitsfirma G4S ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, muss zudem das Heer einspringen. Tausende Soldaten wurden aus dem Urlaub geholt. Auch hier müssen die Briten das IOC schadlos halten.

Geben und Nehmen

Die große Kunst des IOC ist es, durch einen ausgeklügelten Vertragsreigen das Risiko der Finanzierung auf den gastgebenden Staat abzuladen, dabei aber die (Werbe-)Zügel nicht aus der Hand zu geben. Denn mit Werbung im weiteren Sinn verdient die im schweizerischen Lausanne ansässige Organisation ihr Geld. Einerseits sind da die Sponsoren. Knapp 800 Millionen Euro sind laut IOC-Finanzchef Richard Carrion bereits für die Jahre 2013-2016 - dem nächsten Olympia-Zyklus mit Sotschi 2014 und Rio de Janeiro 2016 - geflossen. Das Geld kommt von elf Konzernen, darunter Coca-Cola, McDonald's und General Electric. Ihr olympischer Werbeauftritt ist ihnen im Schnitt 73 Millionen Euro wert und verdankt sich Verbindungen, die schon lange bestehen. Der US-Brausekonzern ist beispielsweise seit 1928 dabei. Damit die Konzerne wirksam werben können, macht London aktuell Jagd auf Kneipen und Händler, die lizenzlos mit Olympia werben (hier geht es zur Nachlese).

Den größten Brocken stellt aber der Verkauf der TV-Rechte dar. Für die Spiele 2010 in Vancouver und 2012 in London löhnten die Sendestationen 3,3 Milliarden Euro. Ganze 1,3 Milliarden Euro davon flossen in "London 2012", ein weitaus kleinerer Teil in "Vancouver 2010". Der Rest bleibt beim IOC. Das sich daher auch über seine Finanzlage freut. IOC-Präsident Jacques Rogge bezeichnete sie am Dienstag bei der 124. Vollversammlung in London als "solide und sehr gesund". 460 Millionen Euro betragen alleine die Rücklagen - womit sie sich seit Ende 2001 mehr als verfünffacht haben.

Für den nächsten olympischen Zyklus mit den Winterspielen in Russland und den Sommerspielen in Brasilien hat das IOC bereits drei Milliarden Euro eingenommen. Dazu kommen die bereits erwähnten 800 Werbemillionen. Erst kassieren, dann zahlen. Damit geht das Komitee ertragstechnisch genau den umgekehrten Weg wie die Gastgeberstaaten. Die müssen vorstrecken.

Cameron'sche Milchbubenrechnungen

Die Politik übt sich dennoch in Optimismus. "Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten vier Jahren über 13 Milliarden Pfund (16,6 Milliarden Euro) durch die Spiele einnehmen werden", entgegnete der amtierende britische Premier David Cameron Anfang Juli jenen Zweiflern, die den ökonomischen Sinn der Spiele in Frage stellen. Geht seine Rechnung auf, schauen für das Königreich unterm Strich ein paar Milliarden Euro heraus.

Dass sie aber aufgeht, darf bezweifelt werden. Einerseits sind es die Infrastrukturbauten wie das Olympiastadion, das Medienzentrum und das olympische Dorf, von denen das oft zitierte "Vermächtnis" der Spiele abhängen wird. Andererseits zeigt sich schon jetzt, dass der prognostizierte Geldregen auf sich warten lässt. So sind die Londoner Hoteliers wegen ihrer deftigen Olympia-Aufschläge von bis zu 300 Prozent auf ihren Betten liegen geblieben. Von den 140.000 Hotelzimmern dürften mehrere zehntausend nicht vermietet werden. Und da auch Reiseveranstalter kräftig zur Kasse gebeten wurden, flog London aus deren Katalogen, berichtet "Der Spiegel". Statt in der britischen Hauptstadt urlaube man nun in Paris, Amsterdam oder Kopenhagen.

Licht und Schatten in Griechenland

Dass Olympia ein kostspieliges Erbe bedeuten kann, zeigt das Beispiel Griechenland. Das Gastgeberland der Sommerspiele 2004 laboriert noch immer an den Kosten des Sportereignisses, die je nach Quellen zwischen sechs und zehn Milliarden Euro betragen. Interessant dabei ist, dass die Schätzung des IOC-Chefs Rogge ("Unter sieben Milliarden Euro") von jener des Chefs des Nationalen Olympischen Komitees, Spyros Kapralos ("Acht Milliarden Euro"), abweicht, berichtet der britische "Guardian". Vor allem nicht genutzte, vorwiegend überdimensionierte Sportstätten verursachen schmerzhafte Kosten.

Den Vorwurf, dass die Sommerspiele die Staatsverschuldung entscheidend nach oben getrieben haben, lässt der Belgier Rogge aber nicht gelten. Es seien lediglich zwei Prozent der Schuldenlast, sagte er im Oktober 2011. Während Rogge vor allem die sinnvollen Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel und den Flughafen anpreist, zeigt sich Kapralos gegenüber der Zeitung selbstkritisch: "Es gab genügend kreative Buchführung. Und viele Arbeiten wurden in solcher Hast gemacht, dass sie mehr gekostet haben, als sie sollten. Ich bin nicht glücklich damit." Es habe zudem keinen Plan für die Zeit nach den Spielen gegeben, meinen Kritiker. Und man hätte - so wie in Sydney - temporäre Sportstätten aufstellen sollen. Fakt ist, heute tut sich Griechenland schon damit schwer, die 60 Millionen Euro aufzubringen, die nötig sind, um die Sportstätten zu erhalten. Schließlich muss man die internationalen Geldgeber wie Österreich, die das klamme Land unterstützen, von der Sinnhaftigkeit der Ausgaben überzeugen.

Dass etwaige Minusgeschäfte nicht im Fokus der Politik stehen, hat sich auch in den Anfängen von "London 2012" gezeigt. Tony Blair, der 2003 als Premier grünes Licht für das Großprojekt gab, war mehr am öffentlichen Image als an einem fundierten Investment interessiert, bekundete er gegenüber "Vanity Fair". Und er steht dazu heute noch: "Wir können uns die Austragung der Olympischen Spiele leisten. Wir sind Großbritannien. Nicht irgendein Dritte-Welt-Land." (Hermann Sussitz, derStandard.at, 26.7.2012)

Wissen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) vereint 204 Nationale Olympische Komitees, die in der Vollversammlung je eine Stimme haben. Geleitet wird das IOC vom Executive Board, dem 15 Personen angehören und dem der Belgier Jacques Rogge vorsteht. Die österreichische Landesorganisation leitet Karl Stoss, Chef der Casinos Austria.

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    Großbritanniens Premier David Cameron (re.) scheint die Richtung vorzugeben. In Wirklichkeit ist es eher IOC-Chef Jacques Rogge (li.).

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    48 Kilometer "Olympic Lanes" wurden für die Spiele gezogen. Sie sind nur für das IOC befahrbar und sorgen vor allem bei Taxifahrern für Unmut.

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