Quintessenz trauert um Harald Wosihnoj

26. Juli 2012, 11:01

Der Bürgerrechtler, Netzaktivist und Journalist war von 1997 bis 2001 der erste Präsident des Vereins Quintessenz

Harald Wosihnoj ist am Wochenende im Alter von 50 Jahren verstorben. Der Bürgerrechtler, Netzaktivist und Journalist war von 1997 bis 2001 der erste Präsident des Vereins Quintessenz. Als Wissenschaftsjournalist war Wosihnoj unter anderem für seine Tätigkeit bei der ORF futureZone in deren Anfangsjahren sowie den Falter bekannt.

Gesundheitlich hatte Wosihnoj wiederholt mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Im Laufe seines kurzen Lebens musste er dreimal Grundfertigkeiten erlernen. Der Standard möchte seiner Familie, seinen Freunden und Mitstreitern seine Anteilnahme an dem schweren Verlust ausdrücken.

Früher Neztaktivist

Bereits in den 1990er Jahren beschäftigte sich Wosihnoj mit dem in Mode kommenden Internet, vom Usenet über Mailboxen wie der Wiener Blackbox bis zum WWW. Dabei erkannte er auch Risken in Form von Überwachung und Zensur. Journalistisch behandelte er wiederholt das Themenfeld rund um Privatsphäre und Datenschutz.

Abseits seines Berufes engagierte er sich bei der Quintessenz, organisierte die ersten Big Brother Awards Österreichs und lancierte mehrere Kampagnen. Dazu gehörten beispielsweise der Kampf gegen Softwarepatente und gegen Klagen der Filmindustrie, die gegen Programmierer von Open Source DVD Abspielsoftware vor Gericht gezogen war.

Abseits der digitalen Szene war Wosihnoj sowohl umweltpolitisch als auch ethisch bewegt und engagierte sich beispielsweise gegen die Freisetzung gen-manipulierter Pflanzen und Tiere.

Ein Land ging offline

Nicht weitläufig bekannt ist, dass Wosihnoj eine der treibenden Kräfte bei der legendären "Ein Land geht offline" Protestwelle spielte. Polizisten hatten am 20. März 1997 die komplette IT-Infrastruktur des Internet Service Providers ViP beschlagnahmt und damit nicht nur viele Nutzer abgeklemmt, sondern dem Provider auch seine Existenzgrundlage entzogen. Anlass war eine Münchner Anzeige gegen Unbekannt aus dem März 1996 (!) gewesen.

Zum Zeitpunkt der Beschlagnahme ein Jahr später war der Verdächtige den Ermittlern bereits bekannt. Er war bloßer Kunde von ViP, gegen den Provider selbst oder dessen Mitarbeiter lag nichts vor. Obwohl die interessanten Daten längst gelöscht waren, beschlagnahmte die Polizei alle Computer und Festplatten von ViP, selbst solche ohne Netzwerkanschluss. Grundlage war ein Durchsuchungsbefehl der Untersuchungsrichterin Helene Patrik Pablé, damals Justizsprecherin der zu dieser Zeit als "F" bekannten Parlamentspartei.

Als Protest gegen diese Vorgehensweise und zur Unterstreichung der Forderung nach klaren gesetzlichen Regeln stellten fast alle österreichischen Provider am 25. März 1997 ihre Dienste für zwei Stunden ein. Damit übten sie erfolgreich Druck auf ÖVP und F aus, die mit dem damals in Vorbereitung befindlichen Telekommunikationsgesetz 1997 die Provider für die durchgeleiteten Daten haftbar machen wollten.

ISPA-Gründung

Dieses Problem einigte neben dem Streit um verweigerte "Postgenehmigungen" für Modems die damals bunte Gruppe der österreichischen ISP. Folge war die Gründung des Branchenverbandes ISPA (Internet Service Provider Association Austria). Dessen Presseaussendung zur Aktion "Ein Land geht offline" ist von Michael Haberler, Peter Rastl, Peter Wlcek und Madeleine Fuchs gezeichnet. Heute stellt sie ein Stück österreichischer Internetgeschichte dar.

Quintessenz

Der Verein Quintessenz setzt sich für die Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter ein. Er ist als Veranstalter der Big Brother Awards sowie der Linuxwochen bekannt. Unter dem Titel q/talk wird seit fünf Jahren monatlich zu Vorträgen samt Diskussion im Wiener Museumsquartier geladen. Nun muss sich die Quintessenz von einem ihrer Gründerväter verabschieden. (Daniel AJ Sokolov, derStandard.at, 26.07.2012)

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