Die Krise trifft Siemens mit voller Wucht

26. Juli 2012, 12:57
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Noch sind Gewinn und Umsatz gestiegen, aber der Auftragseingang brach um ein Viertel auf 17,8 Milliarden Euro ein

München - Die aufziehende Wirtschaftskrise verdirbt Siemens die Geschäfte. Der aus Österreich stammende Konzernchef Peter Löscher stimmte Investoren und Belegschaft am Donnerstag nach einem herben Auftragseinbruch auf schlechtere Zeiten ein. Das Jahresziel, ein Gewinn aus fortgeführtem Geschäft von mindestens 5,2 Mrd. Euro, stellte er unter Vorbehalt: "Angesichts des verschlechterten Umfelds ist es schwieriger geworden, unsere Prognose für das Geschäftsjahr zu erreichen."

Zudem sei es nicht mehr möglich, die Tochter Osram neuen Investoren schmackhaft zu machen: Siemens will die Leuchtmittelfirma nun im Frühjahr 2013 seinen eigenen Aktionären schenken und einen Minderheitsanteil behalten.

Auftragseingang sackt ab

Der Auftragseingang sackte im dritten Geschäftsquartal um ein Drittel auf 17,8 Mrd. Euro ab. Vor allem in China und Europa werde weniger bestellt, gerade Großprojekte wie Kraftwerksbauten oder große Zugaufträge blieben aus, klagte der gebürtige Villacher Löscher. Das hochrentable Geschäft mit Industrieausrüstung habe "erheblich abgenommen", sagte Finanzchef Joe Kaeser. "Wir spüren eine zunehmende Investitionszurückhaltung bei unseren Kunden und einen stärkeren konjunkturellen Gegenwind, vor allem in den industriellen kurzzyklischen Geschäften", erklärte Löscher. Die Börsenreaktion fiel eindeutig aus. Die Siemens-Aktie knickte um vier Prozent ein und gehörte damit zu den größten Dax-Verlierern.

Im abgelaufenen Quartal profitierte Siemens - das Unternehmen beschäftigt in Österreich unter anderem in Wien (weltweites Kompetenzzentrum für Personenbahnen) und Klagenfurt 7.500 Mitarbeiter - noch von dem hohen Auftragsbestand und steigerte den Umsatz um ein Zehntel auf 19,5 Mrd. Euro. Der Gesamtgewinn der Münchner legte wegen hoher Sonderlasten im Vergleichszeitraum um 70 Prozent auf 850 Mio. Euro zu, blieb aber deutlich hinter den Erwartungen der Analysten zurück.

Der Pessimismus der Münchner stand am Donnerstag im starken Gegensatz zu den Aussagen des kleineren Schweizer Rivalen ABB. Die Zürcher hielten dank ihres Expansionskurses ihren Auftragsbestand stabil und gaben einen optimistischen Ausblick. Speziell den Geschäftsfeldern, die bei Siemens schlecht laufen, stellte ABB-Chef Joe Hogan eine rosige Zukunft in Aussicht. "Die Quartalszahlen machen deutlich, dass wir mit unserem ausgewogenen Geschäftsportfolio, unserer breiten regionalen Aufstellung und einem soliden Kostenmanagement auch in uneinheitlichen Märkten solide Ergebnisse erzielen können", triumphierte er. Siemens-Chef Löscher reagierte trotzig auf den Optimismus des Kontrahenten. Es werde sich schon herausstellen, wer mit seiner Einschätzung recht habe, sagte der Siemens-Chef.

ABB will weiterhin mit seiner Stromübertragungstechnik im weltweiten Netzausbau kräftig Kasse machen. Siemens verlor indes eine halbe Mrd. Euro mit dem verspäteten Anschluss von Umspannwerken für Offshore-Windparks. Die nächsten acht Quartale würden in dem Geschäft kein Spaß, kündigte Siemens-Vorstand Kaeser an. Es drohe weiterer Ärger.

Unmut über verlorene Entwicklungsmilliarden

In der Siemens-Spitze wächst der Unmut über verlorene Entwicklungsmilliarden. "Innovationen dürfen sich nicht nur in den Investitionen niederschlagen", murrte Kaeser. Die acht Mrd. Euro, die sein Haus in den vergangenen Jahren für Neuentwicklungen und Umsatzwachstum ausgegeben hat, "haben noch nicht das gebracht, was man sich wünschen würde". Von derzeit rund 74 Mrd. Euro Jahresumsatz will Siemens eines Tages auf 100 Mrd. Euro kommen.

Kaeser räumte auch Fehlentscheidungen ein. "Die Solar-Investitionen haben sich nicht gelohnt", sagte er. Das Feld, das mehr Verlust als Umsatz macht, müsse neu aufgestellt werden. Weil auch die Windanlagen-Sparte mit Problemen kämpft, knickte der Gewinn der Division Erneuerbare Energie um die Hälfte auf 36 Mio. Euro ein. Der "grüne Infrastrukturriese" verdient weiter am besten mit Gaskraftwerken und Ausrüstung zur Stromgewinnung aus fossilen Quellen.

Auf die Entwicklungen reagiert Siemens wie üblich mit Einschnitten. Im Herbst will Löscher ein Programm vorstellen, mit dem der Konzern auf geringere Kosten und mehr Effizienz getrimmt werden soll. Fragen nach einem bevorstehenden Stellenabbau ließ der Vorstandschef offen.

Osram-IPO-Pläne begraben

Angesichts des unwirtlichen Börsenumfelds begrub Siemens seine IPO-Pläne für die Tochter Osram endgültig. Löscher will nun im kommenden Frühjahr die Mehrheit an dem Leuchtmittelhersteller an die Aktionäre verschenken. Sie sollen auf der Hauptversammlung zu Jahresbeginn das Vorhaben absegnen und später dann die Papiere an der Börse handeln können. Der Stopp der ursprünglichen Pläne schlägt Siemens ins Kontor: Aus bilanziellen Gründen muss die Mutter Osram-Abschreibungen der letzten sechs Quartale über 443 Mio. Euro im Zwischenabschluss nachholen, was den Konzerngewinn deutlich schmälerte.

Was die Aktionäre mit den Osram-Aktien bekommen, wird unterdessen immer unklarer. Siemens gibt kaum noch konkrete Zahlen preis. Der Umsatz habe zuletzt wegen Währungseffekten rund zwölf Prozent zugenommen, die operative Marge liege bei fünf Prozent, sagte Kaeser lediglich, ohne die Summen zu nennen. Rund 180 Mio. Euro habe Osram ausgegeben, um sich hübsch für die Börse zu machen. Dem Leuchtmittelhersteller steht eine ungewisse Zukunft bevor. Siemens will nicht mehr in die Tochter investieren und die Konkurrenz aus Asien wird immer härter. (Reuters, 26.7.2012)

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