Heiliges Grün

  • Die Briten können das. Seit Menschengedenken tauschen sie Rezepte zu Samenmischungen aus, 
halten ihre Gießzeiten geheim und geben nur selten ihre Düngetipps 
weiter.
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    Die Briten können das. Seit Menschengedenken tauschen sie Rezepte zu Samenmischungen aus, halten ihre Gießzeiten geheim und geben nur selten ihre Düngetipps weiter.

Wenn es ums Gras geht, dann haben mit wenigen Ausnahmen die Briten die Nase vorn - Gregor Fauma analysiert die Beziehung des Inselvolks zu seinem liebsten Bodenbelag

Der Mensch macht sich das Leben der Mitlebenden gerne untertan. Er trachtet, aus dem Wilden das Kultivierte, aus der Bestie das Kuscheltier und aus einem ledrigen Urapfel einen glänzenden Gloster zu machen. Beim Wolf ist ihm das ganz gut gelungen, auch bei den Katzen kann man von Erfolg sprechen.

Viel erfolgreicher noch ist er beim Domestizieren der Pflanzen. Ob Obst oder Gemüse, alle wurden sie darauf hingetrimmt, maximal saftiges, maximal süßes, maximal verdaubares Fruchtfleisch zu entwickeln. Selbst der Weizen, der dieser Tage gemäht wird, ist Produkt einer extremen Zuchtserie, quasi der Golem unter den Gräsern.

Mit den Gräsern hat es ja der Mensch. Ob als Basis für Mehl und folglich Brot, ob als schicke Bambushecke oder als glosender Inhaltsstoff eines Nachmittagshörndls - Gras ist vielseitig einsetzbar und daher mehrheitlich beliebt.

Sattes Grün und vier Zentimeter Höhe

Aus Gras kann man aber auch die allseits geschätzten Rasenflächen bauen - und hier haben die Briten eigentlich das Copyright darauf. Der englische Rasen steht für sattes Grün, vier Zentimeter Höhe, weichen Tritt und adstringierenden Abgang. Die Briten können das. Seit Menschengedenken tauschen sie Rezepte zu Samenmischungen aus, halten ihre Gießzeiten geheim und geben nur selten ihre Düngetipps weiter.

Sie sind stolz auf ihren Rasen, und eine Wiese käme für sie nie infrage. Da könnten ja andere Kräuter, Blumen und am Ende gar Moose gedeihen, "my goodness". Nein, ein Rasen ist keine Bastardenfläche, sondern reinrasig und auf steifen Kurzwuchs hingetrimmt. Was macht den englischen Rasen so besonders?

Da ist natürlich die Leidenschaft für den Schnitt verantwortlich. Schweigend steht der Brite vor seinem Grün, hört den Halmen beim Wachsen zu und wartet in dieser Ruhe drei Tage ab. Zeit den Rasen zu mähen, Schatz, ist es nicht? Und schon wird wieder auf vier Zentimeter heruntergestutzt, die Mahd sauber zusammengerecht und wieder die lauernde Position für die nächsten drei Tage eingenommen. Innert einer Woche sollte der Rasen aber auch siebenmal gegossen werden. Das übernimmt im Vereinigten Königreich in der Regel das Wetter, sollte es jedoch einmal eine aride Periode von eineinhalb Tagen geben, "oh dear", dann greift der Brite zur Brause und nässt das Grün von Hand.

Game, Set and Match

Aber nicht nur das Wetter, auch das Klima spielt ihm in die Hände. Es friert selten, und es ist auch nur selten wirklich heiß. Denn der Rasen liebt die Milde und dankt es mit tiefem Wurzelwachstum, sattem Grün und dichtem Wuchs. Über das Düngen wird natürlich nicht gesprochen, keiner tut es, und man fragt auch nicht danach.

Wer tatsächlich zweimal pro Woche den Rasen mäht, schnippelt nur ganz kurze Halmspitzen ab, die selbstverständlich liegen bleiben können und als Mulch dienen. Wer seltener mäht, muss die Mahd entfernen, sonst "erstickt" der lebende Rasen darunter. Das Entfernen des Schnittguts bedeutet aber auch ein Entfernen der Biomasse, die aus Licht, Wasser und Mineralstoffen entstanden ist, und es gilt diese nachzureichen, sonst wird der Boden karg und karger. Seltenes Mähen spart somit kaum Zeit, da man sonst mit Zusammenrechen und Düngen beschäftigt ist. Hat man nun seinen schönen Rasen vor dem Haus, gilt es, ihn auch zu nützen. Kein Wunder, dass Golf und modernes Tennis Inselerfindungen sind und gerade bei Letzterem die Kombination aus heiligem Rasen, Champagner und "strawberries and cream" zu einem jährlichen "Game, Set and Match" durch Herrn Federer führt. "Cheers, mate!" (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 27.7.2012)

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