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Um 16.22 Uhr trifft der First Great Western Express Train aus London Paddington ein. Nach gut zwei Stunden erreicht der Zug den Bahnhof Cardiff Central, rollt langsam ans Gleisende und kommt mit einem leichten Ruck zum Stillstand. Endstation. Und zwar nicht nur für die Passagiere, sondern auch für all das, was man bisher über moderne Mobilität zu wissen glaubte.
Denn anstatt automatisch öffnender Türen kann man beobachten, wie dem Zug plötzlich Gliedmaßen wachsen. Zögerlich werden erst Hände, schließlich ganze Arme durch das Türfenster hinausgestreckt, um sie sodann nach unten abzuknicken und orientierungslos und blind tastend nach der blank polierten Türklinke greifen zu lassen.
"Früher mussten die Passagiere niemals selbst die Tür öffnen, sondern wurden von sogenannten Porters am Bahnsteig in Empfang genommen, die ihnen die Tür aufgehalten haben", erinnert sich Paul Gibbins, Professor an der Cardiff Metropolitan University und Leiter des Bildungsprogramms "Operative Learning". "Daher war eine Türklinke im Zuginneren nicht nötig." Das Service der Zuggesellschaft ist Geschichte, die Öffnungsmethode ist immer noch die gleiche. "Es ist ja nicht so, dass wir die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verschlafen hätten", meint Gibbins, "vielmehr ist das Beibehalten der mechanischen Türentriegelung eine Art Respekt gegenüber der alten Tradition."
Auf der Insel denkt man anders
Und die Briten haben Spaß dabei, die insulanischen Sitten den offenkundig überbewerteten kontinentaleuropäischen Kriterien von Komfort und Ergonomie voranzustellen. Nachdem die Portiere verschwunden waren, zerbrach sich die Monarchie den Kopf darüber, wie diesem Umstand zu begegnen sei, und landete schließlich bei der Idee, die Glasscheibe in der Tür per Griff oder Kurbel versenkbar zu machen, sodass man auch im Zeitalter der eingesparten Personalkosten in der Lage sei, am Wunschbahnhof rechtzeitig den Zug verlassen zu können, und zwar ohne auf wartende oder zusteigende Reisekollegen am Bahnsteig angewiesen zu sein.
"Diese umständliche Methode hat schon ihre Vorteile", erklärt Gibbins. "Keine Klinke zu haben erweist sich etwa als hilfreich in der Senkung der Anzahl von Suizidunfällen." Archaische Unbequemlichkeit prägt auch den Alltag der Postangestellten. Sie wiederum müssen sich nicht strecken, sondern bücken. Und das bei jedem einzelnen der hübschen, historischen Briefkästen, die als rote, überdimensionale Papierhydranten am Straßenrand herumstehen.
Körperpein unter Denkmalschutz
Das Entleeren eines solchen Behältnisses dauert mitunter einige Minuten. Nachdem die schwere gusseiserne Tür aufgesperrt und geöffnet wurde, beginnt eine Abfolge aus Hinhocken, Aufklappen, Aufhalten, Rausschaufeln und ziellosem Abtasten in der Dunkelheit der postalischen Architektur. Gelegentlich verfängt sich ein Brief in dem Gitter, und in solchen Fällen hat man schon beobachtet, wie die Postmänner gleich einer Kalbsgeburt ihren gesamten Arm in der unteren Gitteröffnung verschwinden lassen, um das zum Reisen bestimmte Briefpapier zu Fall zu bringen. "Die roten Post-Boxes stehen unter dem Protektorat der Krone und sind denkmalgeschützt", erläutert Professor Gibbins. "Bequemlichkeit war zu Zeiten von George und Victoria kein Kriterium für die Mitarbeiter des Hofs. Das ist zwar heute anders, aber auch in diesem Fall wiegt die Tradition mehr als der Fortschritt." Dass die Postkästen eines Tages gegen neue, bequemere Modelle getauscht werden, hält der gebürtige Waliser für ausgeschlossen. "Das würde kein Brite verzeihen!"
Auch in den eigenen vier Wänden gibt es im Vereinigten Königreich diverse gestalterische Unzulänglichkeiten. Es gibt Zimmertüren, die sich in die falsche Richtung öffnen, sodass man, statt ins Rauminnere zu blicken, erst einmal an der gesamten Wand entlangschweifen muss, es gibt Lichtschalter, die sich partout auf der falschen Seite des Türrahmens befinden, und es gibt die mittlerweile weltberühmten getrennten Wasserhähne im Bad, bei denen man sich wahlweise eine Verbrühung dritten Grades oder eine eisige Gänsehaut zuziehen kann. Warmwasser, das sich in angenehmer Temperatur über den Handrücken ergießt und wohlig weich die Finger umspült? Ein überbewerteter Komfort.
Sogar der Londoner Designer Jasper Morrison, der für seine schlichten und bequemen Möbelentwürfe bekannt ist, kann der Renitenz der Briten etwas abgewinnen: "Alte Angewohnheiten sind kaum umzubringen", sagt er auf Anfrage des Standard. "Wir Briten nähern uns langsam einer gewissen Modernität an, aber der Hang zu dieser eigenwilligen Unbequemlichkeit, der wird uns wohl für immer bleiben." (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 27.7.2012)
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Groß, klobig und schiach.
Aber vor allem nicht kompatibel zum Rest Europas – nicht einmal zum flachen Eurostecker.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia... _plugs.jpg
historisch tiefschürfend,
statistisch ausgewogen,
meilenweit entfernt von steretypien.
vielleicht gibt es ja einen zusammenhang: (neoliberale) lifestyle berichte statt (pedantischer) kritik machen es leichter auf (berechtigte) forderungen nach fortschritt verzichten zu können.
diese Wasserhähne sind wirklich genial. Ich denke so erging es jedem der noch so wahnsinnig war und tatsächlich vesuchte diese zu nutzen.
tipp: mit schnellen bewegungen das wasser IM waschbecken vermischen, die verbrühungen halten sich dabei sogar in grenzen.
und habe eine Britin beim Händewaschen beobachtet: Sie hat "einfach" beide hähne aufgedreht und das Becken vollaufen lassen und sich darin dann die Hände gewaschen. Um mit Obelix zu sprechen: die spinnen, die Briten.
Ich hab sie in vielen Punkten sehr gerne, in anderen sind sie eindeutig bekloppt.
Solche alte Zuege, wo man auf diese Weise die Tuer aufmachen muss, kommen heutzutage nur sehr selten vielleicht in einigen Regionalzuegen vor. Der Grossteil funktionert wie ueberall sonst: man drueckt auf einen Knof und die elektrisch-betriebene Zugstuer oeffnet sich automatisch!
auch die hotels halten es mit diesen traditionen. die erwähnten 2 wasserhähne gibt es selbst in noblen 4-sten-hotels, und standard ist auch eine fix montierte brause - man kann sich also nur einmal ganz abduschen, einseifen, und dann trachten, durch diverse verrenkungen die seife wirklich überall wieder runter zu bekommen. flexibler schlauch mit daraufmontiertem kopf? zu kontinental!
Als ich dort wohnte, gab es in ganz London nur 2 Schneeräumgeräte und die waren in Heathrow stationiert.
Die 2cm Schnee im Winter waren kein Problem, schlimmer waren die einglasigen Fensterscheiben und die Gas- und Wasserleitungen, die Oberputz an den Mauern entlanglaufen...
-> dies hat folgenden grund, dass sich der eintretende durch die in den raum aufgehende tür quasi einen "vorraum" schafft, was wiederum dem im raum sich befindenden die chance gibt, sich vorzubereiten. man will ja ne peinliche situation vermeiden. zu den briefkästen fällt mir noch die standortwahl [die sich seit damals nicht verändert hat] ein - nicht auf zentralen plätzen sondern eher willkürlich verstreut, genauso wie die zebrastreifen.
Mah, ich liebe das! Ich sage nur: 10cm hoher Flauschspannteppich im Badezimmer, getrennte Wasserhähne für Heiß und Kalt und die WC-Spülung zum Pumpen.
Auch die seltsame Speckröstvorrichtung am Herd, sowie offene Gasflammen mit Durchmesser 30cm zum Heizen in den Zimmern, naja.
Ich liebe das!
Aber trotzdem: Ich habe einige Zeit dort gelebt (gut, vor 10, 15 Jahren). Manchmal wurde ich nostalgisch - und wuenschte die gute alte Zeit wuerde wieder kommen, wo ein Pfund zwanzig shilling a 12 pence hatte oder Pound und Yard als Masseinheiten noch verwendet wurden..
Die Briten fahren deshalb lins, weil seit jeher die Rechtshänder die Mehrheit stellen. Und wenn sich zwei Adelige beim Duell auf dem Pferd mit Säbeln traktieren reitet man links aneinander vorbei.
War auch in Österreich bis 1938 noch ein Linksverkehr.
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