Endstation Komfortzone

29. Juli 2012, 17:55
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Britisches Alltagsdesign zeichnet sich durch eine gewisse Resistenz gegenüber Bequemlichkeit und Logik aus. Warum aber ist das so?

Um 16.22 Uhr trifft der First Great Western Express Train aus London Paddington ein. Nach gut zwei Stunden erreicht der Zug den Bahnhof Cardiff Central, rollt langsam ans Gleisende und kommt mit einem leichten Ruck zum Stillstand. Endstation. Und zwar nicht nur für die Passagiere, sondern auch für all das, was man bisher über moderne Mobilität zu wissen glaubte.

Denn anstatt automatisch öffnender Türen kann man beobachten, wie dem Zug plötzlich Gliedmaßen wachsen. Zögerlich werden erst Hände, schließlich ganze Arme durch das Türfenster hinausgestreckt, um sie sodann nach unten abzuknicken und orientierungslos und blind tastend nach der blank polierten Türklinke greifen zu lassen.

"Früher mussten die Passagiere niemals selbst die Tür öffnen, sondern wurden von sogenannten Porters am Bahnsteig in Empfang genommen, die ihnen die Tür aufgehalten haben", erinnert sich Paul Gibbins, Professor an der Cardiff Metropolitan University und Leiter des Bildungsprogramms "Operative Learning". "Daher war eine Türklinke im Zuginneren nicht nötig." Das Service der Zuggesellschaft ist Geschichte, die Öffnungsmethode ist immer noch die gleiche. "Es ist ja nicht so, dass wir die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verschlafen hätten", meint Gibbins, "vielmehr ist das Beibehalten der mechanischen Türentriegelung eine Art Respekt gegenüber der alten Tradition."

Auf der Insel denkt man anders

Und die Briten haben Spaß dabei, die insulanischen Sitten den offenkundig überbewerteten kontinentaleuropäischen Kriterien von Komfort und Ergonomie voranzustellen. Nachdem die Portiere verschwunden waren, zerbrach sich die Monarchie den Kopf darüber, wie diesem Umstand zu begegnen sei, und landete schließlich bei der Idee, die Glasscheibe in der Tür per Griff oder Kurbel versenkbar zu machen, sodass man auch im Zeitalter der eingesparten Personalkosten in der Lage sei, am Wunschbahnhof rechtzeitig den Zug verlassen zu können, und zwar ohne auf wartende oder zusteigende Reisekollegen am Bahnsteig angewiesen zu sein.

"Diese umständliche Methode hat schon ihre Vorteile", erklärt Gibbins. "Keine Klinke zu haben erweist sich etwa als hilfreich in der Senkung der Anzahl von Suizidunfällen." Archaische Unbequemlichkeit prägt auch den Alltag der Postangestellten. Sie wiederum müssen sich nicht strecken, sondern bücken. Und das bei jedem einzelnen der hübschen, historischen Briefkästen, die als rote, überdimensionale Papierhydranten am Straßenrand herumstehen.

Körperpein unter Denkmalschutz

Das Entleeren eines solchen Behältnisses dauert mitunter einige Minuten. Nachdem die schwere gusseiserne Tür aufgesperrt und geöffnet wurde, beginnt eine Abfolge aus Hinhocken, Aufklappen, Aufhalten, Rausschaufeln und ziellosem Abtasten in der Dunkelheit der postalischen Architektur. Gelegentlich verfängt sich ein Brief in dem Gitter, und in solchen Fällen hat man schon beobachtet, wie die Postmänner gleich einer Kalbsgeburt ihren gesamten Arm in der unteren Gitteröffnung verschwinden lassen, um das zum Reisen bestimmte Briefpapier zu Fall zu bringen. "Die roten Post-Boxes stehen unter dem Protektorat der Krone und sind denkmalgeschützt", erläutert Professor Gibbins. "Bequemlichkeit war zu Zeiten von George und Victoria kein Kriterium für die Mitarbeiter des Hofs. Das ist zwar heute anders, aber auch in diesem Fall wiegt die Tradition mehr als der Fortschritt." Dass die Postkästen eines Tages gegen neue, bequemere Modelle getauscht werden, hält der gebürtige Waliser für ausgeschlossen. "Das würde kein Brite verzeihen!"

Auch in den eigenen vier Wänden gibt es im Vereinigten Königreich diverse gestalterische Unzulänglichkeiten. Es gibt Zimmertüren, die sich in die falsche Richtung öffnen, sodass man, statt ins Rauminnere zu blicken, erst einmal an der gesamten Wand entlangschweifen muss, es gibt Lichtschalter, die sich partout auf der falschen Seite des Türrahmens befinden, und es gibt die mittlerweile weltberühmten getrennten Wasserhähne im Bad, bei denen man sich wahlweise eine Verbrühung dritten Grades oder eine eisige Gänsehaut zuziehen kann. Warmwasser, das sich in angenehmer Temperatur über den Handrücken ergießt und wohlig weich die Finger umspült? Ein überbewerteter Komfort.

Sogar der Londoner Designer Jasper Morrison, der für seine schlichten und bequemen Möbelentwürfe bekannt ist, kann der Renitenz der Briten etwas abgewinnen: "Alte Angewohnheiten sind kaum umzubringen", sagt er auf Anfrage des Standard. "Wir Briten nähern uns langsam einer gewissen Modernität an, aber der Hang zu dieser eigenwilligen Unbequemlichkeit, der wird uns wohl für immer bleiben." (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 27.7.2012)

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    Bequem? Bei den britischen Postkästen muss sich der Postmann erst bücken und dann ordentlich schaufeln.

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