HTL Bregenz: Lieber Ex-Direktor als "Sündenbock"

Lisa Nimmervoll
26. Juli 2012, 05:30
  • Der Besuch einer HTL bedeutet auch Werkstättenunterricht - hier eine Schülerin in der HTL Bregenz beim Löten.
    foto: htl bregenz

    Der Besuch einer HTL bedeutet auch Werkstättenunterricht - hier eine Schülerin in der HTL Bregenz beim Löten.

  • Gunter
 Berzler, Direktor der HTL Bregenz, sah "kein Licht am Ende des Tunnels 
mehr, dass sich in diesem System noch etwas ändert" - und trat aus 
Protest zurück.
    foto: htl bregenz

    Gunter Berzler, Direktor der HTL Bregenz, sah "kein Licht am Ende des Tunnels mehr, dass sich in diesem System noch etwas ändert" - und trat aus Protest zurück.

Rücktritt in einer Schule? Ja, so etwas gibt es. Die Geschichte eines Direktors, der von der Schulverwaltung und einigen Lehrern zermürbt wurde - und da nicht mehr mitmachen will

Bregenz/Wien - Wenn ein Direktor einer Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) entnervt zurücktritt - im Doppel mit einem der beiden Abteilungsvorstände seiner Schule -, dann muss der Leidensdruck schon sehr groß sein. An der HTL Bregenz ist genau das passiert. Gunter Berzler und Heimo Breitegger können eine Geschichte erzählen, wie sie von der Schulverwaltung, aber auch einzelnen Lehrern im eigenen Kollegium zermürbt wurden - und schließlich persönliche Konsequenzen zogen.

34 Jahre lang ist Berzler bereits an der HTL Bregenz, seit 2003 als Direktor. Seine letzten zwei Jahre bis zur Pension wird er nun wieder als "ganz normaler HTL-Englisch-Lehrer" arbeiten, weil er in seinen Bemühungen um die Führung der HTL, die für das industriestarke Vorarlberg eine wichtige Ausbildungsstätte ist, "kein Licht am Ende des Tunnels mehr sah, dass sich in diesem System in der Substanz noch etwas ändert".

"Über Jahre" in der "Zwickmühle"

Im STANDARD-Gespräch beschreibt Berzler die "Zwickmühle", in der er als Direktor einer HTL "über Jahre" steckte.

Am Anfang kommt die Politik: Noch heute leiden nicht nur die HTLs unter der Stundenkürzungsverordnung 2003 unter Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP). "Für einen typischen HTL-Absolventen ergibt das in seiner gesamten Schullaufbahn 800 (Aus-)Bildungsstunden weniger", hat Berzler errechnet.

Zusätzlich war seine HTL jahrelang - wie andere HTLs auch, sagt er - "sehr knapp dotiert". Seit Jahren reichen die vom Bund zugeteilten "Werteinheiten", der monetäre Gegenwert des verplanbaren Unterrichts, nicht aus für die HTL für Elektrotechnik und Maschinenbau, die mit vielen Kleingruppen, vor allem im Werkstättenunterricht, arbeitet.

Drei Vollzeitlehrerstellen fehlten

Zuletzt fehlten in Bregenz nach "redlicher Erstellung der Lehrfächerverteilung" 60 Werteinheiten für das nächste Schuljahr, das entspricht drei Vollzeitlehrerstellen.

In dieser "fast Ohnmacht"-Lage beschloss Berzler "schonende Sparmaßnahmen" und glaubte, eine "tragfähige Lösung" erarbeitet zu haben. Im nicht sicherheitsgefährdenden Werkstättenbereich sollte in einigen Klassen statt der Kleingruppe (maximal acht Schüler) an einem Halbtag die Gruppengröße erhöht werden auf maximal elf, um im Rahmen der engen Vorgaben zu bleiben.

Zwei Werkstattlehrer wandten sich daraufhin per Protestbrief an die Schulverwaltung und die Politik gegen die drohende Betreuung größerer Werkstattgruppen. Sie führten pädagogische und sicherheitstechnische Bedenken an.

Daraufhin verlangte die Schulaufsicht laut Berzler ohne Rücksprache mit ihm über seine Sparmaßnahme deren Rücknahme. Ihm wurde die alte Gruppengrößenlösung angeordnet, für die er nicht genug Lehrer hatte. Diesen "Schlag ins Gesicht" beantwortete der Direktor mit seinem Rücktritt: "Ich lass mich von diesem System nicht zum Sündenbock machen."

"Systemverharrer in der Lehrerschaft"

Rückhalt gibt es für Berzler und Breitegger vom Kuratoriumspräsidenten der HTL Bregenz, dem Vorstand beim Seilbahnhersteller Doppelmayr, Christoph Hinteregger: "Sie haben versucht, Reformen umzusetzen, aber sie sind an den Systemverharrern in der Lehrerschaft und der Schulverwaltung gescheitert", sagte der Manager zur Wirtschaftspresseagentur.

Berzlers Zukunftsforderung nach den "nötigen Rahmenbedingungen" hat zwei Adressaten - die Politik und die Lehrer: "Schulen brauchen genügend Zeit und Raum sowie ausreichend qualifiziertes und motiviertes Personal."

Für den Landesschulrat geht es bei dem Streitfall im Kern um die Frage der "Definition der besonderen Sicherheitsgefährdung". Das müsse nun vom Ministerium österreichweit geregelt werden. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 26.7.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 234
1 2 3 4 5 6
Wenn die Bürger wüssten

wie viele Werteinheiten IN DEN LANDESSCHULRÄTEN auf den Weg in die Schulen verschwinden und

wie gut die Schulen einiger POLITISCHER DIREKTORENGÜNSTLINGE versorgt werden

dann würden die Landesschulräte sofort abgerissen werden!

schulaufsicht

es ist ein tatsache, dass die schulaufsicht zu einem grossen teil aus absoluten nieten besteht, die als lehrer schon untragbar waren und ausschliesslich durch die politik nach "oben" kamen.

kann es sein dass wir beide die selben leute kennen?

Es ist überall das gleiche im Bildungssystem

Tja, und in der AHS gilt per Gesetz vorgegeben und vom Ministerium als Meilensteig gefeiert eine Klassengröße von 25. Ist auch gut so. Nur die wird permanent quer durch ganz Österreich in ganz vielen Klassen überschritten.

Der Grund ist ein ganz einfacher: vom Ministerium bzw. Landesschulrat kommen einfach nicht genug Werteinheiten (=Unterrichtsstunden) um die Klassengröße 25 auch umzusetzen.

Alternative: entweder Schüler abweisen, die für den Schultyp (per Gesetz) geeignet sind - erklären sie das mal den Eltern und Schülern - oder eben Klassengrößen überziehen.

Naja,...

Das klingt mir mehr nach einem Missverständnis. Hätte der Rektor vor Erhöhen der Gruppen mit den WS Lehrern geredet und die Sachlage plausibel erklärt, hätten die ihn dann auch nicht übergangen. Oder es war alles abgekartet und es gibt leider doch keine 3 Lehrer zusätzlich.

Verantwortung

Die politische Verantwortung trägt Sigi Stemer ~ der HTL Direktor hatte Format und ist zurückgetreten ~ der Landesschulratspräsident hätte das schon vor vielen Jahren tun sollen ~ einem Kollegen hat er auf die Frage, warum er in die Politik gehe, folgendes geantwortet: Als Lehrer würde ich mir meinen Lebensstil niemals leisten können ! Wie lange bezahlen wir eigentlich noch diese feigen Pseudopolitiker ?

Das Problem

An der ganzen Geschichte liegt darin begründet, dass sich die Verantwortlichen im Bmukk und Landesschulrat seit Jahren davor drücken, den Terminus "erhöhte Gefährdung" zu definieren. Das hat unmittelbare Konsequenzen im Falle eines Unfalls und damit verbunden mit der Frage nach der Verantwortung. Leider Gottes gab es im Werkstättenbereich auch schon Todesfälle. Man stelle sich vor, eine Jurist des Bmukk definiert z.b. arbeiten mit 230/400V als nicht gefährlich und es passiert was. Da drückt man sich doch lieber um die Verantwortung, verweigert die WE für die Kleingruppe und hofft das nix passiert und wenn doch, dann ist die Schule schuld. Wir sind leider schon soweit, dass mit den zugeteilten WE tw. nicht einmal der Regelunterricht geht.

(Gute) Bildung kostet Geld

Niemand seitens der Schulbehörden fühlt sich für die Misere (zuwenig Lehrer) tatsächlich verantwortlich, daher braucht es unbedingt einen "Schuldigen" - der wurde mit dem Direktor rasch gefunden, basta. So agieren die Schulbehörden, völlig undifferentiert.
Wozu sind die eigentlich da, was sind denn ihre primären Aufgaben? Parteipolit. Wünsche abzusegnen? Sieht fast so aus.

Ich begrüße den mutigen Schritt des Direktors und wünsche ihm alles Gute.

das österr. schulsystem

war einmal gut. seit jahren wird es kaputtgespart. eine äußerst aggressive und dumme handflung unserer politiker, denen es nur um den eigenen profit geht.
das ganze ist auch eine tragödie für unsere kinder bzw. für die ganze gesellschaft. und das nur, weil das denken bei den politikern versagt. mit der strickliesl begann der untergang, mit der von nichts eine ahnung habenden schmied gehts weiter...

Gehrer war Volksschullehrerin gewesen,

Schmied hatte sehenden Auges eine ganze Bank in den Sand gesetzt.

Mit welchem Recht können die beiden über höhere Bildung für die Zukunft mitreden?

eig gehts doch nicht darum, dass die gruppengröße nicht erhöht werden darf oder schon (als ausweg)..

sondern primär darum, dass wiedereinmal geld fehlt um den standard zu erhalten. da sollten sich ja beide seiten einig sein..

und noch was anderes:
die kürzungen dank gehrer und anderen zukunftsverweigerern waren auch ein wahnsinn auch wenn nur am rande miterlebt.. die auswirkungen sind jetzt halt schon schön langsam sichtbar..

noch mehr off: warum wird/wurde eig der turnunterricht gekürzt.. sowas sinnloses

turnen wurde unter anderem auch gekürzt, damit es nicht mehr als maturafach in htls gewählt werden kann => lehrer, die maturafächer unterrichten bekommen mehr bezahlt - zumindest hat ma mir des so erklärt

wobei turnen jetzt auch generell gemeint war (VS, HS, AHS etc..) da ist zu wenig bewegung drin^^

Alles wurde gekürzt...Deutsch, Englich, Mathe, alle Lerngegenstände, die Kreativfächer - und eben auch Turnen. Es war ein richtiger Kahlschlag, wobei die erste Kürzungswelle schon unter dem Minister Busek stattfand, unter Gehrer dann die zweite.

Wird halt dort gespart wos am "sinnvollsten" ist... anstatt endlich mal ein ordentliches Bildungssystem zu schaffen, mit einheitlichen Standards und fairen Beurteilungssystemen, in denen die Schüler nicht vom Willen des Lehrers abhängig sind, wird halt an der Zukunft unseres Landes gespart... Die nächsten Generationen werden immer schlechter ausgebildet und leichter kontrollierbar, denn die Dummen lassen sich am einfachsten kontrollieren...

am

ärgsten war es bei behinderten Kindern, hier wurden in den vergangenen 8 Jahren ca. 2000 BetreuungslehrerInnen einfach gestrichen, es gibt bereist viele Kinder, die null förderung bekommen, obwohl sie (schwerst)behindert sind

Planungsfehler

Werkstätte mit 8 Schülern in einer Gruppe ist eine sehr gute individuelle Ausbildung. Eigentlich sind 8 schon sehr viel, wenn etwas schwieriges gemacht wird und jeder beschäftigt sein sollte (Schmieden, Gießen, Tischlerei,Schweißen...) -
Das darf nicht erhöht werden. Weder sicherheitmäßig noch aus pädagogischen Gründen. Mann sieht dass an der Qualität der HTL Absolventen - die können auch im praktischen Breich wirklich was!!
Der Dir. wollte ein gutes Sytem aufweichen und die Ausbildungsqualität verschlechtern. Dass er zuwenig Lehrer hat ist ein Planungsfehler, denn die Planstellen mußte er bereits im April ausschreiben.
Und wenn bei 100 Lehrern der Schule 3 zuwenig sind, ist das ohnehin leicht mit Überstunden (MDL`S) abzuarbeiten.......

Das sehen Sie falsch -

es ist kein Planungsfehler des Direktors, denn wenn er keine Werteinheiten zugeteilt bekommt, dann kann er keine Stellen ausschreiben und schon gar keine Überstunden anordnen.

Hintergründe

vielleicht nicht in diesem Artikel, aber in anderen Artikeln bezüglich des Rücktrittes von Herrn Berzler wurde die Problematik beschrieben, dass ein starker Fachlehrermangel besteht, da laut Herrn Hinteregger von Doppelmayr die Bezahlung eines Lehrlinges im 3. Lehrjahr besser ist als jene eines technischen Fachlehrers. Diese bleiben somit lieber in der Wirtschaft. Daher kommt der Lehrermangel und mit dieser Herausforderung werden die Direktoren alleine gelassen, die nicht einmal eine Entscheidungskraft über das Personal haben. Der Landesschulrat, die Politik sollte (muss!!!) sich hier an die Nase nehmen.

mich tät interessieren

wo in österreichs htls die werkstattgruppen größer sind.

und 2.) es gibt wirklich eine diesbezügliche gesetzliche regelung.
hab ich grad gefunden. allerdings nur gedruckt, vielleicht hat wer einen link.

überall dort

wo kraftmaschinen, hochspannungen usw usf
teilt der 9. aus sicherheitsgründen. (verkürzt)

Und wenn der selbe 14jährige 2Monate später auf

der Baustelle Praktikum macht drückt im der Geselle eine Flex in die Hand und sagt: "schneid, i geh mal was nachschaun" -und weg is er;)
Ich habe vor kurzem übrigens Bau-HTLer auf einer Lehrbaustelle gesehen: stehen am 3m hohen Rohbau und schneiden mit der Kettensäge; ohne Schnitthose, ohne Helm, Absperrgitter oder Seilsicherung Sind sowieso fehlanzeige...
Ich bin schon für Arbeitssicherheit, aber Sie muss auch administriebar sein sonst wird diese nur als Witz verstanden und man hat kleinere Gruppen aber dafür Zustände wie gerade beschrieben!
Und wo die Schüler verantwortungsvolles Arbeiten lernen sollen wenn die Richter verlangen, dass man ihnen bis Sie 16 sind auf jeden Meter "den Popsch abwischt" soll man mir auch noch mal wer erklären!

Also wir hatten in der HTL Salzburg zumindest in der

Schlosserei (feilen) Gruppen mit bis zu 12Schülern. Was steht denn in dem Gesetz genau drinnen?

Nun, feilen stellt aber wirklich kein Sicherheitsrisiko dar. :)

Bei mir wars beim Feilen auch so, dass die Gruppe größer war, als in der Gießerei, Dreherei, Fräserei etc.

Erst in den Laboreinehiten wurden die Gruppen wieder größer.

Posting 1 bis 25 von 234
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.