Angst vor Muren: Die Koffer sind gepackt

25. Juli 2012, 19:07
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440 Helfer bleiben in St. Lorenzen im Paltental im Wettlauf mit dem Regen im Einsatz. Im nahen Gaishorn sind 80 Häuser durch neue Hangrisse bedroht. Salzburg und die Steiermark steckten seit 2002 je weit über 300 Millionen in Schutzmaßnahmen

Graz/Liezen/Salzburg - Keine Entspannung gibt es nach den Unwetterkatastrophen im obersteirischen Paltental. Während in St. Lorenzen die Aufräumarbeiten nach der Mure, die am Wochenende ein Drittel des Ortes wegriss, weitergingen, sah man am Mittwoch angespannt auf dunkle Wolken, die sich immer wieder verzogen. Für den Abend wurde Regen, wenn auch kein starker, erwartet. 440 Einsatzkräfte von Bundesheer und Feuerwehr waren auch am Mittwoch im Einsatz. Der Ort bleibt evakuiert.

"Wenn ein Starkregen kommt, müssen wir die Helfer und das schwere Gerät schnell abziehen", sagte der Sprecher der Einsatzleitung, Michael Feiertag dem Standard. Im rund acht Kilometer entfernten Gaishorn im Paltental sind die Bewohner einer Siedlung im Köberlgraben mit rund 80 Gebäuden seit Mittwoch ebenfalls in Alarmbereitschaft. 240 Menschen " sitzen dort auf gepackten Koffern", so Feiertag, "der Hang oberhalb ihrer Häuser ist gerissen, wenn es in den Riss reinregnet, beginnt alles zu rutschen." Auch Schwarzenbach bleibt in Alarmbereitschaft.

Nach einer Krisensitzung am Mittwochnachmittag sagte Feiertag, dass mehrere Hangrisse im gesamten Paltental entdeckt wurden. Auch "etwa 50 Schadstellen, wie kleinere Verklausungen in diversen Wildbächen", wurden festgestellt und werden nun ausgewertet.

331 Millionen Euro in Salzburg investiert

Österreichweit gilt Salzburg als Vorreiter bei Schutzmaßnahmen vor Hochwasser, Muren oder Lawinen. Allein in den vergangenen zehn Jahren sind nach Angaben der Landesregierung 331 Millionen Euro in 1150 Schutzprojekte geflossen.

Gefahrenzonenpläne existieren für alle Gemeinden - nur das kleine Anif im Süden der Landeshauptstadt fehlt noch. "Viele Bausünden", die in anderen Bundesländern gemacht worden wären, wären in Salzburg aufgrund des genauen Gefahrenzonenkastasters rasch unterblieben, sagt ein Sprecher des ressortzuständigen Landesrates Sepp Eisl (ÖVP).

Salzburger Schutzprojekte

Wo Gebäude in roten Zonen stehen, versucht man durch Schutzprojekte die Zonengrenzen zu verschieben. Ein Beispiel ist der Pinzgauer Ort Hollersbach, der zu einem großen Teil in der roten Zone stand. Eine bauliche Weiterentwicklung des Dorfes war unmöglich. Nach dem Jahrhundert-Hochwasser 2005 wurden insgesamt 2,8 Millionen Euro in den Hochwasserschutz gesteckt. Der Ort ist dadurch weitgehend aus der Gefahrenzone gerückt, und Bauprojekte sind wieder möglich.

Der steirische Katastrophenschutz-Chef Kalcher räumt im Standard-Gespräch ein, dass es in der Steiermark solche Gefahrenzonenpläne nicht für jede Gemeinde gebe, sondern nur für jene 339, durch die ein Wildbach fließe. "Man kann das aber nicht mit Salzburg vergleichen", erklärt Kalcher, "wir haben Flachland-Bezirke wie Feldbach oder Radkersburg, wo das nicht nötig ist."

Gebäude werden Bewohnern abgelöst

Gesetzlich sei es in der Steiermark so geregelt, dass nur Häuser, die von Muren komplett weggerissen wurden, in roten Zonen nicht wiedererrichtet werden dürfen. In St. Lorenzen gilt das derzeit für zwei Gebäude: "Die werden den Bewohnern abgelöst, dann wird ihnen wo anders ein neues Zuhause errichtet", so Kalcher.

Rudolf Hornich, Leiter der Fachabteilung für Wasserschutz in der Steiermark, gibt an, dass auch hier in den letzten zehn Jahren rund 378 Millionen Euro in Schutzmaßnahmen vor Muren, Lawinen und Hochwasser investiert wurden. (cms/neu, DER STANDARD, 26.7.2012)

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    Im obersteirischen Gaishorn am See versuchte man sich am Mittwoch für die nächste Katastrophe zu wappnen. 240 Bewohner einer Siedlung "sitzen auf gepackten Koffern", so ein Sprecher der Einsatzleitung, weil über ihnen ein Hang gerissen ist. Die Angst vor dem nächsten Regen ist allgegenwärtig.

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