Wiggins' Koteletten, der Windkanal und eine Herde Schafe

25. Juli 2012, 18:39
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Großbritanniens Olympisches Komitee investiert Millionen in Hightech. Sportler können von U-Booten, Kampfjets, Raketen und Formel-1-Autos etwas lernen. Von Schafen natürlich auch.

London - Kurz wirkt es, als säße ein alter Südstaaten-General auf der Rennmaschine im Windkanal für Kampfjets. Deshalb wünschen sich die Ingenieure der britischen Olympia-Mannschaft wohl, dass Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins seine Koteletten endlich abrasiert. Der Fahrtwind würde sich nicht mehr in den struppigen Haaren verwirbeln, sondern könnte über glatte Haut ins Nichts gleiten. Mit Hightech und Millionen haben die Briten aufgerüstet, um die 542 Athleten des Teams GB zu Gold zu treiben. Da sollen banale Dinge wie Haare nicht stören.

Die Jagd nach Tausendsteln ist ein Blick in die Zukunft des olympischen Sports. Schwimmer schicken die Briten in den Strömungskanal und binden ihnen Stoffstreifen um, mit HD und in Superzeitlupe wird anschließend jede Bewegung analysiert. Kanuten optimieren ihren Paddeleinstich in einem 270 Meter langen U-Boot-Testbecken. Freiwasserschwimmer können virtuell die Strecke kennenlernen, auf der sie nicht trainieren durften. Doch bei Wiggins beißen sie auf Granit. Die Koteletten bleiben.

"Eigentlich wollte ich sie wirklich abrasieren, aber jetzt sind sie zum Gesprächsthema geworden. Sie sind mein Glücksbringer", sagte der 32-Jährige. Über Olympiagold freilich wird kaum der Bartwuchs entscheiden. Zudem sind Koteletten wieder ein Trend wie in den Zeiten von Elvis und George Best. Am Dienstag druckte The Sun eine kleine Karikatur zum Einmarsch der Briten ins Olympiastadion. Auch die Damen tragen "Wiggins-Teppiche".

Ein Hauch modischer Grausamkeit also ist bei aller Optimierung erlaubt. Sprinterinnen dürfen auch ihre langen Fingernägel behalten, mit Ohrringen antreten, auch wenn es das Team hinter dem Team schmerzt. "Wir legen großen Wert auf Stromlinienform, wie bei Solarfahrzeugen", erklärt Professor Greg Whyte, Forschungsdirektor beim britischen Olympischen Komitee (BOA): "Wie kann ein Schwimmer den Widerstand verringern? Wie kann er die Welle seines Beinschlags optimal formen?"

Fragen, die ein Wissenschafter-Team in akribischer Arbeit beantwortet hat. Es hatten ja sieben Jahre Zeit seit der Olympia-Vergabe an London. Beteiligt sind Universitäten, BMW, Ingenieure, Erfinder, Experten und Vertragspartner des Verteidigungsministeriums. McLaren hilft mit Know-how aus der Formel 1, die Bahnradfahrer werden von einem Laserscanner erfasst, um die individuellen Rundenzeiten der Athleten auch im Pulk bestimmen zu können.

1996, nach dem enttäuschenden 36. Platz im Medaillenspiegel von Atlanta, wurde das Programm lanciert, finanziert mit Lotterie-Millionen. " Inzwischen", sagt Marco Cardinale, "haben uns nur die Amerikaner noch etwas voraus." Seit 2008 wurden 400 Millionen Euro investiert. Cardinale steht bei der BOA in der Verantwortung für die sportwissenschaftliche Forschung. Er spielt Doppelpass mit Scott Drawer, der das Regierungsprogramm UK Sport leitet. Auch hier geht es darum, was Sportler von Kampfjets, U-Booten und Raketen lernen können.

Geschwindigkeiten und Bewegungen der Langstreckenläufer beispielsweise können mit GPS und zahlreichen Sensoren ideal berechnet werden. Die Erkenntnisse fließen in Rennstrategien. Getestet wurde buchstäblich auf einem anderen Feld: "Wir haben die Sensoren zunächst an Schafen angebracht, da sich an Herden Verschiebungen im Läuferpulk simulieren lassen", sagt Professor Stephen Hailes vom University College London. (sid, red, DER STANDARD, 26.7.2012)

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