US-Bürger trauen Waffen mehr als neuen Gesetzen

25. Juli 2012, 18:44
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Seit dem Kinomassaker werden in Colorado deutlich mehr Waffen verkauft - auch solche aus Österreich. Glock liefert jährlich zigtausende Pistolen in die USA, auch der Schütze von Aurora trug eine bei sich

In den ersten vier Tagen nach dem Kinomassaker im US-Bundesstaat Colorado sind die Verkaufszahlen für Schusswaffen dort massiv gestiegen: Von Freitag bis Montag seien 3647 Genehmigungsanträge eingereicht worden, teilten die Behörden mit - das sind rund 40 Prozent mehr als im jeweiligen Zeitraum der beiden Wochen zuvor.

Das Phänomen war schon nach früheren Amokläufen zu beobachten: Viele Amerikaner versprechen sich vom Gang ins Waffengeschäft mehr Schutz als von schärferen Waffengesetze. Der Tenor der Lobbyisten lautet: Wenn achtbare Bürger im Kino von Aurora hätten Waffen tragen dürfen, wäre dem Schützen früher das Handwerk gelegt worden.

Kein Thema im Wahlkampf

Konservative mahnen nun, nach der Katastrophe keine ideologischen Debatten anzufangen, weil sie wissen, dass mit dem zeitlichen Abstand auch die Gleichgültigkeit wächst. Der Präsident und sein Herausforderer meiden das Thema im Wahlkampf. Dabei geht es gar nicht um ein komplettes Verbot. Die meisten Reformer wollen nur Sturmwaffen verbannen und den Zugang zum Rest erschweren.

Laut Uno werden in Deutschland von 100.000 Einwohnern pro Jahr 0,2 absichtlich mit Schusswaffen getötet, in Frankreich und Großbritannien 0,1. In den USA sind es dagegen ganze drei: zwischen 9000 und 10.000 Menschen jedes Jahr. Schuld daran sind auch leicht verfügbare Schusswaffen, sagen Kritiker. Seit New York 2006 rigide Waffengesetze eingeführt hat, ist die Mordrate dort erheblich gesunken.

Ruf nach Bill Clinton

James Holmes, der Verdächtige von Aurora, hat seine Ausrüstung legal erworben, darunter auch das halbautomatische Maschinengewehr und seine schusssichere Kampfmontur, die kein Mensch zur Selbstverteidigung braucht.

Viele Demokraten sehnen sich nach dem früheren Präsidenten Bill Clinton zurück, der 1994 den Federal Assault Weapons Ban unterzeichnete: Das Gesetz beschränkte die Magazingröße für zivile Waffen auf zehn Schuss, lief aber 2004 aus. Amtsinhaber Barack Obama hat sich als Kandidat für eine Neuauflage ausgesprochen, schweigt aber seither. Sein Gegner Mitt Romney brüstete sich bis vor wenigen Jahren, als Gouverneur von Massachusetts selbst für strenge Gesetz eingetreten zu sein. Als er sich fürs Weiße Haus zu interessieren begann, änderte er seine Meinung und trat der National Rifle Association bei.

Eine Million Waffen aus EU

In Europa sollte man mit Kritik derweil vorsichtig sein: Der Attentäter von Aurora hatte eine österreichische Glock-Pistole - so wie zahlreiche seiner Vorläufer. 2010 wurden laut Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives 431.118 Glocks in die USA exportiert, die meisten davon für Zivilisten. Nummer zwei bei den europäischen Lieferanten ist Deutschland (230.447 Waffen), dann folgt Italien. Zusammen ließ die EU knapp eine Million Handfeuerwaffen in die USA verschiffen - in den eigenen Grenzen gibt man sich auf dem alten Kontinent zwar strikt, aber außerhalb darf das Geld ruhig fließen.

Solche Doppelzüngigkeit wird in den USA durchaus registriert. Für den Fall, dass Holmes zur Todesstrafe verurteilt wird, erinnerte die Washington Post sarkastisch daran, dass die EU immerhin die Ausfuhr von Medikamenten beschränkt, die in den USA bei Hinrichtungen verwendet werden: "Gott sei Dank würde sein Blut nicht an Europas Händen kleben." (Jens Schmitz aus Washington, DER STANDARD, 26.7.2012)

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    Eine junge Frau zeigt ihr neues Tattoo am improvisierten Mahnmal für die Opfer des Attentats von Aurora in Colorado.

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