Welten zwischen Phelps und Comaneci

  • Der US-Amerikaner Michael Phelps (27) ist mit 14 Titeln der erfolgreichste Olympionike der Geschichte.
    foto: epa/barbara walton

    Der US-Amerikaner Michael Phelps (27) ist mit 14 Titeln der erfolgreichste Olympionike der Geschichte.

  • Nadia Comaneci (50) ist eine der Größen des Sports. 1976 und 1980 turnte die Rumänin zu fünf olympischen Goldmedaillen. Heute lebt sie in den USA und engagiert sich für arme Kinder in Rumänien.
    foto: epa/barbara walton

    Nadia Comaneci (50) ist eine der Größen des Sports. 1976 und 1980 turnte die Rumänin zu fünf olympischen Goldmedaillen. Heute lebt sie in den USA und engagiert sich für arme Kinder in Rumänien.

Michael Phelps und Usain Bolt werden als Stars der Sommerspiele prognostiziert. Doch kann London für sie auch von nachhaltigem Wert sein? Abwarten, Tee trinken. Viel verändert hat sich seit Montreal 1976, wo Nadia Comaneci zur Traumnote 10 turnte

London - 7000 Quadratmeter können schon einen Unterschied ausmachen, auch wenn der Unterschied in diesem Fall gar nicht so groß ist. Um 7000 Quadratmeter hängt die Westfield Stratford City im Osten von London die SCS im Süden von Wien ab. Mit also 180.000 Quadratmetern eröffnete sie im September als Europas größtes Einkaufscenter. Noch ist freilich nicht viel los in den 300 Geschäften, 70 Restaurants, 14 Kinosälen, drei Hotels und im größten Casino Englands. Vielleicht ändert sich das, wenn morgen die Olympischen Spiele eröffnet werden und die Massen angehalten sind, vom Bahnhof Stratford durch das Einkaufszentrum zu den Anlagen im nahegelegenen Olympischen Park zu gelangen.

Die Parkhäuser stehen sowieso leer, das haben Sponsoren und Ausrüster genützt, um sich hier breitzumachen. Etliche Firmen zogen zwecks Olympia-Promotion ein, die Atmosphäre ist eher lounchig als garagig. Um Medien anzulocken, werden Termine mit ehemaligen oder aktuellen Stars organisiert, Adidas machte am Mittwoch den Anfang mit Nadia Comaneci, der rumänischen Turnerin, die in Montreal 1976 für ihre Übung auf dem Stufenbarren die nie für möglich gehaltene Traumnote 10 erhielt.

Comaneci ist einer der großen Namen in den Sportgeschichtsbüchern, vielleicht hatte Adidas einen Ansturm erwartet. Beim Empfang musste man sich eintragen, dafür bekam man eine eigene Akkreditierung und die Info: "Beautiful Natasha will take you to your seat." Beautiful Natasha musste dann gar nicht so oft hin und her hirschen, kaum mehr als zwei Dutzend der mehr als 20.000 Olympia-Journalisten wollten Comaneci sehen und hören. Vielleicht war auch die Lounge zu gut versteckt, in einem 180.000 Quadratmeter großen Einkaufscenter musst du erst einmal die richtige von circa 74 Rolltreppen und dann das Parkhaus C und dann noch den Aufzug zu Level 4 finden. Jedenfalls hatte Comaneci auch nicht rasend viel zu sagen. "Es ist lange her", sagte sie. Und: "Ich freue mich, dass sich so viele an mich erinnern."

Lustig war's, dass sie damals auf der Anzeigetafel die perfekte 10 gar nicht anzeigen konnten und deshalb "1,00" aufleuchtete. Weniger lustig war, dass Comaneci vier Jahre später in Moskau von den Punkterichtern böse verschaukelt wurde und sich mit Mehrkampfsilber hinter der Russin Jelena Dawidowa begnügen musste. 1981 beendete sie ihre Karriere, bald danach stand sie quasi unter Aufsicht des Ceausescu-Regimes, weil sich ihr Trainer Bela Karolyi in die USA abgesetzt hatte. Zur Geschichte, die über den Sport hinaus und also auch Menschen interessiert, denen Sport sonst wo vorbeigeht, wurde die Comaneci, als ihr 1989 - über Ungarn und Österreich - ebenfalls die Flucht gelang.

Fuß gefasst

Die Tatsache, dass sie sich an der Seite ihres Fluchtpartners, eines vierfachen Familienvaters, öffentlich zeigte, ramponierte kurzfristig ihr Image. Doch mithilfe ihres ehemaligen Trainers Karolyi fasste sie in Montreal Fuß, später übersiedelte sie nach Oklahoma, wo sie mit ihrem jetzigen Mann, dem ehemaligen Turn-Olympiasieger Bart Conner, ein Turnzentrum betreibt. Comaneci engagiert sich für arme Kinder in Rumänien, sie durfte 1999 als erste Athletin vor der UN-Vollversammlung sprechen.

Bis dorthin ist es ein weiter Weg für Phelps (27), der in der ersten, und für Bolt (25), der in der zweiten London-Woche die meisten Schagzeilen liefern dürfte. Zwar ist der US-Schwimmer mit 14 Titeln schon erfolgreichster Olympionike ever, zwar dürfte er, der bis dato insgesamt 16 Medaillen holte, bald auch die sowjetische Turnerin Larissa Latynina (18) distanzieren. Zwar ist Bolt in Peking 2008 zu drei Olympia- und in Berlin 2009 zu drei WM-Goldenen gesprintet und schnellster Mann der Welt - 100 Meter in 9,58 Sekunden. Doch fehlt beiden Geschichten Entscheidendes, nämlich die Geschichte.

Von Phelps gibt es ein Wasserpfeifenfoto, huch. Und er war in einen Autounfall verwickelt, ohne gültigen Führerschein. Bolt läuft gerne mit offenen Schuhbändern und klopft Sprüche. Ob das reichen wird, dass einer der beiden bei den Spielen 2048 als Testimonial herhalten wird? Dass sie es nicht nötig haben werden, weil sie in eine andere Zeit als Comaneci gefallen sind, steht auf einem anderen Blatt. Auch das unterscheidet Phelps und Bolt von jenen 10.000 Menschen, für die nebstbei im Shoppingcenter neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Für die wäre olympische Nachhaltigkeit, zugegeben, wichtiger. (Fritz Neumann aus London, DER STANDARD 26.7.2012)

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