Wissenschafterstreit: Ökonomen als Störfaktoren

Kommentar25. Juli 2012, 18:17
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In entscheidenden Momenten kann die Politik mit den Fachmeinungen wenig anfangen

Es ist die verbreitete Ansicht vieler Bürger (und Medien), dass die Politik gut daran täte, die Meinungen von Experten in schwierigen Sachfragen 1:1 umzusetzen. Die Stunde der Fachleute scheint vor allem mit dem Ausbruch der Eurokrise gekommen zu sein: Nirgends wurde das so augenscheinlich wie in Italien und (bis vor kurzem) in Griechenland, wo zur Lösung der Probleme Politiker ab- und Expertenregierungen eingesetzt wurden.

Der tobende Streit unter deutschen Ökonomen offenbart nun eindrucksvoll, dass die Politik in entscheidenden Momenten mit den Fachmeinungen wenig anfangen kann. Bankenunion, mehr Geld für den Rettungsschirm, mehr Haftungen für reiche Länder: Die deutschen Wirtschaftswissenschafter sind in den entscheidenden Fragen zur Eurokrise völlig gegensätzlicher Meinung. Sie argumentieren dabei fast ausschließlich ideologisch: Kein seriöser Wissenschafter könnte ansonsten Expertisen darüber abgeben, was bei einem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion passieren würde - das weiß schlichtweg niemand.

Wirklich unpolitische Expertise ist bestenfalls in den Naturwissenschaften möglich. Für die Politik sind die Stimmen der Ökonomen höchstens produktive Störfaktoren, denn sie muss trotz der vielen Meinungen irgendwann Entscheidungen treffen. In der öffentlichen Debatte wäre es an der Zeit, dem Fetisch Expertenregierungen die Forderung nach einer Repolitisierung entgegenzusetzen. (András Szigetvari, DER STANDARD, 26.7.2012)

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