Pekings Adler und der Konflikt im Süden

Reportage26. Juli 2012, 12:21
20 Postings

Im Bemühen um mehr Offenheit zeigte Chinas aufrüstende Armee Auslandskorrespondenten erstmals eine Eliteeinheit mit Kampfhelikoptern. Zum Konflikt im Südchinesischen Meer schweigen die Militärs

Militärpilot Zhao Derong fliegt mit seinem schweren Kampfhubschrauber vom Typ Z-9 nur 15 Meter über dem Boden. Er scheint mit der Maschine tanzen zu wollen. Er schwingt mit ihr vor und zurück, schraubt sich in Pirouetten in die Höhe, kreist um sich selbst und lässt sie dann in der Luft stehen. Die Kunstflug-Aufführung trägt dem 38-jährigen Oberst mit seinen 3000 Flugstunden Applaus ein.

Die Szene spielt in Tongzhou, einem 30 Kilometer östlich von Peking liegenden Vorort. Erstmals hat das Informationsamt beim Staatsrat chinesischen und ausländischen Journalisten erlaubt, das dort stationierte, geheimnisumwitterte Vierte Hubschrauber-Regiment zu besuchen. An die Eliteeinheit kamen bisher nicht einmal die Militärattachés der Pekinger Botschaften heran.

"Höher, weiter, besser"

Die Volksbefreiungsarmee, die bei Chinas Nachbarn wegen ihrer Aufrüstung und ihrer Intransparenz derzeit Unbehagen und Furcht auslöst, lädt vor dem 85. Jahrestag ihrer Gründung (1. August 1927) die Medien zu einem "Tag der offenen Tür" ein. Kommandant Oberst Zhang Zhilin hat für den erstmaligen Kontakt mit Journalisten Werbefilme über seine Truppe auf CD pressen lassen. Er nennt seine Piloten Chinas "Adler". Er stellt sie als "loyal, tapfer, gewissenhaft und pragmatisch" vor, dem Frieden verpflichtet. Ihr einziges Anliegen sei "höher, weiter und besser" zu fliegen.

Das Hubschrauber-Regiment untersteht direkt dem Generalstab der Luftwaffe. Es kann auf eine eindrucksvolle Bilanz verweisen: Seine Piloten überwachten 2008 den Luftraum von Peking während der Olympischen Spiele. Sie flogen waghalsige Rettungseinsätze in den Trümmerfeldern um das Epizentrum des verheerenden Sichuaner Bebens und legten Luftbrücken. Sie bargen auch alle Astronauten, die in ihren Raumkapseln in der Inneren Mongolei an Fallschirmen niedergingen.

Das Verteidigungsministerium hielt bisher Abstand zu ausländischen Journalisten. Nun bastelt sich Peking mit der neuen Geste ein weltoffeneres Image. Doch bei manchen Themen schrecken die Militärs zurück. Auf Fragen des STANDARD, ob die Hubschrauber-Einheit künftig auch im territorial umstrittenen Südchinesischen Meer an Manövern teilnehmen werde, und ob sie, wenn es zum Konflikt mit Nachbarstaaten kommt, als Kampfgruppe eingesetzt werden könnte, sagt Kommandant Zhang kurz angebunden: "Zur ersten Frage: Über unsere Stationierung entscheiden die höheren Stellen. Und zur zweiten Frage: Darauf antworte ich nicht."

Auf dem Fliegerhorst führen die Piloten mit ihren Z-9 präzise Formationsflüge vor. Peking ließ die Maschinen in den 1980er-Jahren in Lizenz als Nachbau des französischen Mehrzweckhubschraubers Aérospatiale Dauphine (heute Eurocopter) fertigen. Nach dem Tiananmen-Massaker des 4. Juni 1989 und dem westlichen Waffenembargo gegen China endeten Europas Kooperationen. Die Harbiner Flugzeugwerke bauten den "Haitun" (Delphin) dann zum chinesischen Kampfhubschrauber Z-9 weiter um und aus.

Auf Fragen nach neuem Fluggerät, wie dem modernen Angriffs-Kampfhubschrauber Z-10, den die Luftwaffe längst besitzen soll, antworten weder Kommandant noch Piloten. Chinas Militärs haben sich zu anderen, offensiven Waffensystemen öffentlich bekannt, etwa zum Prototyp eines seit 2011 flugfähigen Tarnkappenbombers oder zu ihrem ersten Flugzeugträger, der auf See erprobt wird.

Umstrittene Oberhoheit

Die "Tage der offenen Tür" bei Chinas Armee sorgen für mehr Transparenz. Aber sie übertönen nicht die Missklänge, die vom Konflikt im Südchinesischen Meer herüberschallen, der sich wieder zuspitzt. Peking hat die zu den Xisha (Paracel) gehörende Yongxing-Insel zum Sitz seiner neu erschaffenen zentralen Stadt Sansha gemacht. Zwar wohnt da kaum jemand, aber die Stadt hat schon ihren eigenen Volkskongress und einen Bürgermeister erhalten. Sie beansprucht die Verwaltungshoheit über alle Inseln bis zu den Nansha (Spratley) und über 2,6 Millionen Quadratkilometer Meer, ungeachtet aller Proteste von Vietnam, den Philippinen oder anderen Anrainern.

Jüngster Schachzug von Peking: Es will in Sansha so schnell wie möglich ein Kontingent seiner Truppen stationieren. Auch mit Kampfhubschraubern? Auf dem Pekinger Fliegerhorst weichen alle der Frage aus, ob auch sie künftig mithelfen sollen, Chinas Herrschaft über die Inseln zu sichern. Der Sprecher des chinesischen Verteidigungsministerium verspricht, Ende Juli auf einer Pressekonferenz auch für ausländische Korrespondenten auf alle Fragen zu antworten. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 26.7.2012)

  • Der Z-9 ist die chinesische Weiterentwicklung eines französischen Modells.
    foto: standard/erling

    Der Z-9 ist die chinesische Weiterentwicklung eines französischen Modells.

  • Kampfhubschrauber mit Besatzung.
    foto: epa/adrian bradshaw

    Kampfhubschrauber mit Besatzung.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lokalaugenschein in Tongzhou.

  • Chinesische "Adler".
    foto: epa/adrian bradshaw

    Chinesische "Adler".

Share if you care.