RIM: "Eines Tages wird auch Apple wieder unten sein"

  • Paulo Baptisa erzählt von BlackBerry 10: "Das ist eine brandneue Plattform"
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    Paulo Baptisa erzählt von BlackBerry 10: "Das ist eine brandneue Plattform"

Paulo Baptista über die Zukunft des Blackberry-Herstellers und den österreichischen Markt

Den immer größer werdenden Konkurrenzdruck in der Smartphone-Branche haben viele Unternehmen zu spüren bekommen. BlackBerry-Hersteller RIM befindet sich gerade in einer Phase der Umstrukturierung, um sich diesen Herausforderungen besser anzupassen und in eine neue Ära zu starten. Der WebStandard hat mit Paulo Baptista, Head of Sales für Österreich, Schweiz und Israel gesprochen. Baptista ist seit vier Jahren bei RIM und erzählt über die Herausforderungen und Pläne, die RIM in den nächsten Monaten zu bewältigen hat.

derStandard.at: In den letzten Monaten war die Berichterstattung über RIM hauptsächlich mit negativen Fakten besetzt. RIM scheint sich im Moment in einer schwierigen Phase zu befinden. Ein Nettoverlust von 500.000 US-Dollar und das Streichen von tausenden Arbeitsplätzen waren zwei der Negativ-Meldungen. Denken Sie, dass dieser Prozess rückgängig zu machen ist?

Paolo Baptista: Viele der Berichte inkludieren auch Gerüchte. Ich arbeite bei RIM nun mehr als vier Jahre und ich habe vorher schon in großen Unternehmen wie AT&T gearbeitet. In dieser Branche gibt es viele Zyklen, es ist ein ständiges "Up & Down". Das ist Teil des Geschäfts. Wir befinden uns im Moment im Down, aber ich kann Ihnen sagen: Wir werden wieder oben sein.

derStandard.at: Das klingt ja sehr optimistisch.

Baptista: Als ich bei AT&T gearbeitet habe, war das schon so. Wenn Sie sich zum Beispiel Apple ansehen: Vor zehn Jahren hat Apple fast sein Business aufgegeben und nun sind sie zurück. Eines Tages werden auch sie wieder ein Down erleben. So läuft die Geschichte für jeden. Auch in der Smartphone-Industrie ist das so. Die Hersteller oder das zugehörige Software-Business sind davon nicht ausgenommen. Die Branche arbeitet in Zyklen.

derStandard.at: Was wird RIM konkret tun, um aus dieser Phase herauszukommen?

Baptista: Wenn man wieder oben sein will, muss man ein gewisses Vermögen haben. Ohne dieses Vermögen wird man nicht sehr weit kommen. Was Sie vorhin gesagt haben, stimmt. Aber es gibt eine Veränderung seit der Zeit, in der wir 2.000 Mitarbeiter entlassen haben, was vor über einem Jahr war. Damals haben wir 2.000 Mitarbeiter entlassen, weil wir sehr viele Unternehmen gekauft haben und im Zuge dieser Käufe haben wir über 12.000 Mitarbeiter eingestellt. Wenn man viele Leute innerhalb einer kurzen Zeit einstellt, wird nicht jeder davon seine Arbeit gut leisten. Diese 2.000 Mitarbeiter, die wir entlassen haben, waren eine unumgängliche Restrukturierungsmaßnahme.

derStandard.at: Was waren denn diese Veränderungen, die Sie ansprechen?

Baptista: Die größte Veränderung war, dass wir im Januar diesen Jahres einen neuen CEO bekommen haben, Thorsten Heins. Dieser neue CEO ist aus einem Grund hier: Der Aufsichtsrat hat realisiert, dass wir dringend eine Veränderung brauchen. Wir müssen uns erholen, wir brauchen einen "Turnaround", weil wir uns auf eine neues Gesicht von RIM vorbereiten. Und dieses neue Gesicht heißt BlackBerry 10. Und BlackBerry 10 ist kein Produkt, darauf bestehe ich. Es ist eine brandneue Plattform. Es ist auch keine Evolution der bestehenden BlackBerry-Serie. Es ist eine Revolution. Und alle neuen Produkte, die wir nächstes Jahr launchen werden, werden auf dieser Plattform basieren. Und das ist fundamental. BlackBerry wird zurückkommen.

derStandard.at: Sie haben vorhin von Vermögen gesprochen. Von welchem Vermögen sprechen wir da?

Baptista: Wir haben Cash. Wir haben im letzten Quartal 100 Millionen Dollar Cash gemacht. Wir haben mehr als zwei Milliarden Dollar Cash. Wir können also getrost diese Firmentransformation durchführen. Wir feuern ja nicht nur Leute, sondern stellen auch neue ein. So haben wir einen neuen CMO, einen neuen COO, der vorher bei Sony Ericsson tätig war, und wir haben einen neuen Chef der Rechtsabteilung. Diese drei C-Levels führen die Transformation von RIM an. Wir restrukturieren die Organisation und wir haben eine neue Plattform, die eine Vision ist. Der Weg dorthin ist klar. Ich sage nicht, dass es einfach werden wird. Aber wir wissen, wo wir hin wollen und wir wissen, wie wir das machen werden. Immerhin haben wir heute 78 Millionen Abonnementen. Unser Produkt hat zwar nicht jene Märkte erreicht, die die Konkurrenz erreicht hat, aber unsere Konsumentenbasis wird immer größer. Die Loyalität unserer Kunden ist sehr groß. Das Bild ist also nicht so schlecht, wie Sie es darstellen.

derStandard.at: Abgesehen vom Finanziellen: Ist es schmerzhaft zu sehen, dass sich große Zulieferer, wie Celestica dazu entschieden haben, die Arbeit mit Ihnen aufzugeben? Was bedeutet das für Sie?

Baptista: Ich möchte mich zu Celestica nicht äußern, weil ich nicht alle Details kenne, aber ich kann Ihnen folgendes sagen: Wenn man ein Unternehmen restrukturiert, muss man alles restrukturieren. Celestica will uns vielleicht nicht, vielleicht aber doch. Vielleicht haben wir keinen Weg gefunden, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich bin nicht die richtige Person, um dies zu beantworten. Das ist eben auch ein Teil dieses Zyklus. Man arbeitet nicht 25 Jahre lang mit denselben Menschen zusammen, das ist Teil des Lebens.

derStandard.at: Sie meinten, die Loyalität Ihrer Kunden sei sehr groß. BlackBerry wird von vielen aber als Business-Produkt gesehen, auf der anderen Seite empfinden viele BlackBerry als konservativ und nicht modern. Glauben Sie, dass sich das mit BlackBerry 10 ändern wird?

Baptista: Ja. Sie müssen allerdings bedenken, dass dies sehr unterschiedlich in unterschiedlichen Ländern ist. Wenn wir über Österreich sprechen, ist das wahr. Die BlackBerry-Produkte und -User in Österreich kommen mehr aus dem Business-Bereich als aus dem Customer-Bereich. In Spanien, Englad, Frankreich, Indonesien oder Südafrika sieht das schon ganz anders aus. Wir sind also nicht in jedem Markt gleich stark vertreten. In Indonesien ist BlackBerry im letzten Jahr zum Beispiel stark gewachsen. In Lateinamerika sind wir in vielen Ländern die Nummer eins. Der österreichische Markt ist einer der billigsten. In Österreich bekommt man einen All-Inklusive Vertrag für 25 Euro. In der Schweiz müssen Sie etwa das Dreifache für die gleiche Leistung bezahlen. Für BlackBerry muss man allerdings zehn Euro mehr zahlen. Das heißt, in Österreich würde das für einen BlackBerry-Kunden eine Steigerung von 40 Prozent im Monat darstellen. Wir können die Nutzer mit so einem Preis nicht ansprechen. Deshalb haben wir mit A1 und Orange bereits Lösungen für dieses Problem gefunden. Bei T-Mobile sind wir gerade dran. In Zukunft muss man also als BlackBerry-User nicht draufzahlen. Dieses große Hindernis mussten wir beseitigen.

derStandard.at: Kommt mit BlackBerry 10 eine neue Marketing-Strategie?

Baptista: Unser neuer CMO ist erst seit vier Wochen im Amt. Geben Sie dem Mann noch ein bisschen Zeit. Wir versuchen innerhalb kürzester Zeit Veränderungen einzuführen. Die Marke kennen die meisten ja. Untersuchungen zufolge kennen in Österreich über 80 Prozent BlackBerry. Jetzt geht es darum, dass diese Marke auch gekauft wird.

Deshalb haben wir in Österreich die Preise angepasst. Heutzutage sieht man hauptsächlich Android und iOS, welche beide sehr erfolgreich sind, keine Frage. Wir haben unsere Software und unsere Hardware, ähnlich wie Apple. Microsoft hat mit Windows Phone viel Geld ins Marketing gesteckt. Ebenso Nokia mit dem Lumia. Aber wurden deshalb viele verkauft? Nein. Unsere Zukunft hängt also von keiner Zusammenarbeit mit einer anderen Firma ab. Die Zukunft liegt in unserer Hand. Wir sind die Software, weil wir das Betriebssystem machen, und wir sind die Hardware.

derStandard.at: Warum wurde der Launch von BlackBerry 10 verschoben? Ist das angesichts des Weihnachtsgeschäfts nicht etwas wagemutig?

Baptista: Diese Entscheidungen sind nicht einfach zu fällen. Niemand von uns ist eines Tages aufgewacht und hat sich gedacht: "Diese Woche war schon genug los, verschieben wir den Launch doch!". Wir haben evaluiert und wir wissen, dass dies unsere Shareholder beinflussen wird. Aber wir können kein System ausliefern, das nicht perfekt läuft. Wir dürfen jetzt nicht versagen. Und außerdem wird es nach Weihnachten etwas ruhiger, was uns mehr Raum verschafft. Einige BlackBerry 10 Geräte wurden an Entwickler bereits ausgehändigt. Diese entwickeln bereits Apps dafür. 70 Prozent davon haben vorher noch nie für BlackBerry entwickelt.

derStandard.at: Welche Motivation können Sie Entwicklern geben, um für die BlackBerry-Plattform zu entwickeln?

Baptista: Wir haben 78 Millionen potentielle Kunden. Und die BlackBerry-Premium-Kunden werden Apps kaufen. Wir haben auch Entwickler, die für iOS und Android entwickeln. Das System basiert auf HTML5 und C++. Die Entwicklung kostet nicht so viel, weil sie auf offene Standards trifft. Die Entwickler entwickeln nicht nur zum Spaß. Wir wollen ihnen das Leben so einfach wie möglich machen. Wir wollen beim Launch auch die Geräte mit Apps im Vorhinein ausstatten.

derStandard.at: Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, mit einem anderen Betriebssystem auf den Markt zu gehen?

Baptista: Wenn wir den Plan für das neue System nicht hätten oder uns die Entwicklung eines neuen Betriebssystems nicht leisten könnten, würde ich ja sagen. Aber wir haben Geld, das Wissen und den Plan. Wir haben es nicht nötig. Unsere Kraft liegt nicht allein in unserer Hardware. Wenn wir das tun würden, würden wir zu Herstellern werden. Das sind wir aber nicht. Das Betriebssystem von einem Drittanbieter zu nehmen wäre ein Statement, dass wir es nicht selber können. Wir haben ehrlich gesagt an keinem Punkt darüber nachgedacht. Wir befinden uns auf den letzten Metern, wir werden das mit unserer eigenen Plattform machen.

derStandard.at: Shareholder hatten vor kurzem noch den Plan RIM zu verklagen, weil Thorsten Heins angeblich Fehlinformationen hergab und die Ergebnisse beschönigte. Was sagen Sie dazu?

Baptista: Das war ein Gerücht. Seine Worte wurden missinterpretiert. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Thorsten Heins ein Deutscher ist. Und Deutsche sind sehr geradeaus. Sie sagen, was sie tun und sie tun, was sie sagen. Ich glaube nicht, dass er gelogen hat. Er versucht zu erklären, was wir machen und wo wir hinwollen. Natürlich lesen die Leute lieber negative als positive Schlagzeilen. Wir sind optimistisch, wir konzentrieren uns auf BlackBerry 10. Alles, was Heins nach außen kommuniziert, passiert auch intern.

derStandard.at: Im März hieß es, dass ein PlayBook mit LTE kommt? Ist das noch gültig?

Baptista: Immer, wenn ein Tablet kommt, kommt es zuerst in der WLAN-Variante und wird dann durch eine 3G-Variante erweitert. Unser PlayBook hat sich eine Million Mal verkauft. Es hat sich zwar nicht so gut verkauft, wie das eines Konkurrenten, aber es ist eine nette Zahl. Das PlayBook ist als Erweiterung des BlackBerry gedacht.

derStandard.at: Also gibt es schon ein Erscheinungsdatum?

Baptista: Solange wir es nicht offiziell ist und wir es nicht ankündigen, ist dies nicht offiziell.

derStandard.at: Wenn man Ihnen so zuhört, dann scheint auch an den Gerüchten um eine Partnerschaft mit Microsoft oder dem Kauf durch Facebook oder Amazon nichts dran zu sein. Können Sie das bestätigen?

Baptista: Vor vier Jahren gab es schon dieselben Gerüchte über RIM. Jeder kann jeden zu jedem Zeitpunkt kaufen. Niemand hat gedacht, dass Google Motorola kaufen wird. Und dennoch haben sie es getan. RIM ist definitiv nicht zu verkaufen. Wir bewegen uns mit unserer eigenen Strategie fort und wir müssen mit niemandem Partnerschaften eingehen. Diese Gerüchte werden sie jede Woche dennoch wiederfinden. (iw, derStandard.at, 29.7.2012)

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