Deutsche Wirtschaft am Rande der Stagnation

Immer mehr deutsche Firmenchefs machen sich wegen der Schuldenkrise auf einen Abschwung gefasst

München/Berlin - Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Juli bereits den dritten Monat in Folge - um 1,9 auf 103,3 Punkte. Schlechter war die Stimmung in den Chefetagen zuletzt im März 2010, teilte das Münchner Ifo-Institut am Mittwoch zu seiner Umfrage unter 7.000 Managern mit. Diese bewerteten sowohl die Geschäftslage als auch die Aussichten für das kommende Halbjahr schlechter. "Die Eurokrise belastet zunehmend die Konjunktur in Deutschland", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Sein Haus sieht Deutschland am Rande der Stagnation.

Das Lager der Pessimisten wuchs bei den Dienstleistern, in der Baubranche, bei den Großhändlern und besonders in der Industrie. Lediglich der Einzelhandel kann sich dem Abwärtstrend angesichts spürbarer Lohnzuwächse, nachlassender Inflation und steigender Beschäftigung bisher entziehen. "Der Einzelhandel ist der Lichtblick", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe zu Reuters. "Der Konsum ist weiter robust. Der private Verbrauch ist noch nicht von der Krise erfasst." Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändere.

Rezession in Euro-Mitgliedsländern

Die exportabhängige Industrie leidet dagegen unter der Rezession in vielen Euro-Ländern und der schwächelnden Weltkonjunktur. "Die Kapazitäten werden von den Unternehmen klar weniger ausgelastet", sagte Sinn. Ein kleiner Hoffnungsschimmer sind die Exporterwartungen, die sich nur noch leicht eintrübten. Ein Grund dafür ist der schwache Euro, der deutsche Exporte in Übersee verbilligt und die Geschäfte ankurbelt.

Das Ifo-Institut traut der deutschen Wirtschaft nur noch ein Mini-Wachstum zu. Sowohl im zweiten als auch im dritten Quartal werde das Bruttoinlandsprodukt nur um etwa 0,1 Prozent zulegen. Zu Jahresbeginn gab es noch ein Plus von 0,5 Prozent. "Deutschland schlägt sich im Vergleich zum Rest von Europa gut", sagte Wohlrabe. "Es könnte noch schlimmer laufen." Eine Rezession sehe er aber nicht. Die Bundesregierung bekräftigte unterdessen ihre Wachstumsprognose von 0,7 Prozent für 2012. Die Wirtschaft sei sehr widerstandsfähig.

Pessimistische Ökonomen

Viele Ökonomen sind pessimistischer. "Es sieht so aus, als ob die deutschen Unternehmen endlich in der Wirklichkeit angekommen sind", sagte ING-Ökonom Carsten Brzeski. "Der Ifo-Index ist ein klares Warnzeichen, dass auch das stabilste Schiff in einem heftigen Sturm kentern kann." Die DekaBank befürchtet, dass das Bruttoinlandsprodukt im Sommer schrumpft. "Bis vor kurzem konnten die deutschen Unternehmen darauf vertrauen, Absatzprobleme auf dem Heimatmarkt Europa durch Exporte in den Rest der Welt aufzufangen", sagte ihr Konjunkturexperte Andreas Scheuerle. "Mit den rückläufigen globalen Frühindikatoren müssen sie dies nun zumindest mit einem Fragezeichen versehen." Auch die Bundesbank hatte zuletzt zur Vorsicht gemahnt. "Die Perspektiven für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind von großer Unsicherheit geprägt", warnte sie.

Nicht nur das krisengeplagte Europa, sondern auch die weltgrößte Volkswirtschaft USA und wichtige Schwellenländern wie China haben zuletzt geschwächelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,75 Prozent gesenkt, um mit billigem Geld die Konjunktur anzuschieben. Weil die Krise nun auch das lange Zeit immune Deutschland erfasst, dürfte die EZB schon bald nachlegen. "Sie könnte ihren Leitzins bereits Anfang August senken", hieß es bei der Commerzbank. (Reuters, 25.7.2012)

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