Galante Perfektion des L'Amour-Hatschers

Im Burgtheater zeigt Impulstanz eine Ballettgala zum Thema Liebe und Leidenschaft

Gestaltet hat sie der Leiter des Wiener Staatsballetts, Manuel Legris. Und er tanzt auch mit. Neben ihm glänzen Tamako Akiyama, Patrick de Bana und Aurélie Dupont.

Wien - Wer meint, dass dem Tänzer Manuel Legris (47) sein Alter nichts anhaben könnte, tut ihm ein wenig unrecht. Denn wie er anlässlich der von ihm als Leiter des Wiener Staatsballetts zusammengestellten Gala bei Impulstanz im Burgtheater zeigt, wird die Qualität seiner Bewegungen immer besser.

Dieser hervorragende Ballerino hat gute Freunde eingeladen, um mit ihnen zu zeigen, wie im Ballett die Themen Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft thematisiert werden. Sein Protegé Patrick de Bana bestreitet ein Drittel des aus neun Stücken komponierten Programms. Weiters ist je eine Arbeit von de Banas künstlerischem Ziehvater John Neumeier sowie von Jirí Kylián, Helena Martin, Nacho Duato, Angelin Preljocaj und Natalia Horecna zu sehen.

Die Liebe ist ein gutes Motiv, weil seit einiger Zeit eine breite Debatte über das Klischee der romantischen Liebe gärt - was allerdings dem Bombengeschäft mit musikalischen, literarischen, filmischen oder tänzerischen L'Amour-Hatschern mittelfristig keinen Abbruch tun dürfte. Horecna und Kylián bringen mit ihren ironischen Stücken auch tatsächlich ein wenig Ambivalenz in die Gala. Die weiteren Stücke unterstreichen die gewohnten Erschütterungen eines streng heteronormen Begehrens. Mit stolzer Haltung, großer Geste und berückend reinlichem Pathos.

An den Qualitäten der Tänzerinnen und Tänzer gibt es nichts zu deuteln. Vor allem Tamako Akiyama, Patrick de Bana und Aurélie Dupont glänzten neben Legris in ihren Partien. Leise Zweifel dagegen mögen an Legris' Versuch aufkommen, das Ballett in ein gegenwartsgemäßes Verhältnis zum zeitgenössischen Tanz zu setzen. In einem Interview für das Programmheft meint er: "Ich respektiere und schätze auch den zeitgenössischen Tanz. Das sieht man auch in dem Programm, das ich an der Oper mache." Tatsächlich ist Legris da offen für qualitätsvolles modernes Ballett.

Im zeitgenössischen Tanz allerdings ist das Ballett als klassische europäische Tanzkunst heute ein eher schmales Segment. Aus dem Ballett sind jene Tanzformen, die in nichteuropäischen Kulturen entstanden sind und auf wesentlich ältere Traditionen zurückgreifen können, kategorisch ausgeschlossen. Und es gibt darin auch eine gewisse Reserviertheit etwa gegenüber schwarzafrikanischen Körpern. Warum das so unhinterfragt der Fall ist, darüber müsste noch diskutiert werden. An den technischen Fähigkeiten dieser Körper kann es jedenfalls nicht liegen, wie der moderne und zeitgenössische Tanz ebenso zeigen wie Urtraditionen des afrikanischen Tanzes.

Auch dass Legris etwa den Tänzern bei Jan Fabre ihre Kunst abspricht (" Das ist nicht mehr Tanz"), ist bedauerlich. Denn natürlich ist es nicht mehr so, dass Tänzer eine klassische Ballettausbildung brauchen, um einen Pass ins Reich des Tanzes zu erhalten. Das ist unter anderem auch am Angebot des Impulstanz-Workshop-Festivals gut zu sehen. Mag sein, dass Balletttänzer "genauso barfuß tanzen und neue Bewegungsabläufe zeigen" können wie die zeitgenössischen. Aber sie werden nie so tanzen können wie Koffi Kôkô, Steve Paxton, Ko Murobushi oder Philipp Gehmacher.

"Sogenannte Performer ohne klassische Ausbildung können niemals in einem klassischen Ballett auftreten", begründet der Ballerino schließlich den Maßstab, den das Ballett aus seiner Sicht setzt. Gut, dass es dafür Balletttänzer gibt, die gar nicht "sogenannt" sein müssen, sondern etwa Manuel Legris heißen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 26.7.2012)

Bis 27.7.

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3 Postings
Na das ist ja witzig...

Da werden Postings lange nicht freigeschalten - erscheinen nach Stunden doch - und sind am nächsten Tag plötzlich wieder weg.

Darf man die Ansicht von Herrn Ploebst - es gebe im Ballett strukturelle Vorbehalte gegen eine Ethnie (oder ihren spezifischen Körper) - etwa nicht für Unsinn halten?

Ja - Reggie White, Serena Williams oder Jessye Norman könnten nie BallettänzerInnen werden; Joan Sutherland, Bryn Terfel und Danny deVito aber auch nicht.

Hat aber in den genannten Fällen keine ethnischen sondern einzig physische Gründe - klassisches Ballett verlangt einen spezifischen Körper. Das kann man bedauern/verurteilen - aber man kan es icht wegwischen oder als Rassismus hinstellen.

Sorry, aber ...

lieber hätte ich statt dieses Geschwurbels über dieses und jenes eine Kritik des Abend gelesen. Und die Wahrheit ist doch, dass Legris' Gäste - jeder auf seine Art - zündende Choreographien begeisternd tanzten, während Legris und Dupont technisch (ziemlich) brilliant waren, aber nur parfümierten Kitsch zu bieten hatten. Das war auch am Applaus zu messen, der beim Anfangsstück nicht einmal für einen Vorhang reichte - diesen mußte Legris erst erzwingen, indem er vor dem stummen, erstaunten Publikum einfach nochmals den Vorhang hochziehen ließ.

Ein großer - und vor allem wunderschöner - Abend

Ja, es darf auch mal so sein: ein Abend wunderschöner intensiver moderner Ballettminiaturen - hineinsetzen, genießen. Und die Qualität des Dargebotenen ist herausragend.

Zum ideologischen des Artikels:
Tschuldigung, Fabre ist bemerkenswert, aber ob das noch "Tanz" ist, darf über weite Strecken durchaus als Ansichtssache gelten. Ändert ja nichts an der Leistung selbst. So ähnlich wie Gesang im Freejazz. Und klar, dass klassische Ballettmenschen hier eher engere Grenzen ziehen.

Und Murobushi, Koko, u.a. machen zwar zweifelsfrei Tanz - aber halt einen aus einer gänzlich anderen Tradition (glaube aber nicht, dass Legris das in Frage stellt).

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