Mit allem spielen, was einem in die Hand fällt

25. Juli 2012, 17:08
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Die Retrospektive zu Francis Picabia (1879-1953) in der Kunsthalle Krems stellt den Künstler auch jenseits seiner bekanntesten Werkgruppen vor

Es schält sich das Bild eines unbequemen, unangepassten Zeitgenossen mit Humor und Innovationskraft heraus.

Krems - Heiß - kalt, heiß - kalt. Heurigen Wetterkapriolen durchaus vergleichbar, stürzt uns das OEuvre von Francis Picabia, dem die Kunsthalle Krems eine erste große österreichische Retrospektive widmet, in ein Wechselbad der Gefühle. Denn von bekannten, durchaus fesselnden Werkgruppen, den futuristisch und dadaistisch geprägten Phasen und auch den vom Surrealismus geküssten "Transparences" stolpert man über seine klischeehaften Spanierinnen oder die Bilder von textilscheuen Damen, die sich in ihrer Schwülstigkeit das Prädikat Kitsch wahrlich verdient haben: Nasekräuselnd möchte man sich hier am liebsten abwenden.

Wüsste man nicht von Picabias enger Freundschaft mit Marcel Duchamp, der die moderne Kunst revolutionierte, und würde nicht ein Zitat ums andere sein Wesen als intellektuellen Quergeist offenbaren, so könnte man den 1879 in Paris in gutsituierte Verhältnisse geborenen Maler als einen wenig stilsicheren Spinner abtun. "Ein Bild ist nicht vorhanden, wenn es einen nicht über alle Bilder hinaustragen kann", sagte Picabia. "Die Maler sind Maler, weiter nichts. Was ich mache, wird nie verstanden, auch nicht von mir. Ich bin der Antikünstler überhaupt, ein Ungeheuer."

Rasante Stilwechsel

Monstrum war Picabia trotz seines exzessiven, von Frauen gespickten Partylebens keines, aber seine rasanten Wechsel zwischen den Stilen lassen ihn doch rätselhaft erscheinen - als "Bad Painter", lange bevor dieser Begriff erfunden wurde. "Das Leben eines Menschen ist lang oder schnell genug, um ihm innerhalb von 40 oder 50 Jahren mehrere Erneuerungen zu ermöglichen." Picabias Credo war: "Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann."

Zu Beginn, das vermag die chronologische Ausstellung mit rund 180 Arbeiten zu illustrieren, war die Richtung aber noch ziemlich unklar, und so eignete sich Picabia Stile an, die bereits existierten: Appropriation also statt Innovation. Bis 1908 erprobte er sich mit Landschaften nach Camille Pissaro, dümpelnden Fischerbooten à la Alfred Sisley, malte die Kathe-drale Notre-Dame wie Claude Monet in verschiedensten Lichtstimmungen und war damit - auch wirtschaftlich - erfolgreich.

Trotzdem wandte er sich Neuem zu. Ein Erbe machte Picabia finanziell unabhängig, was sicherlich großen Anteil an seiner - auch menschlichen - Unangepasstheit hatte. "Das Leben ist nur unter der Bedingung wirklich erträglich, unter Leuten zu leben, die keinen Hintergedanken haben, keine Opportunisten sind, aber das heißt, das Unmögliche zu verlangen."

Auch vom Kubismus distanzierte Picabia sich bald, um sich dem gegenstandslosen, starkfarbigen Orphismus und damit auch Rhythmus und Bewegung zuzuwenden. Ein Interesse, das die Dynamik New Yorks bei seinem Besuch 1913 anfachte. Es mündete in Picabias "mechanische Phase", in der er Maschinenzeichnungen in neue, psychologisierende, teils gar erotisch konnotierte Zusammenhänge brachte. "Die Maschine", so Picabia, "ist wirklich ein Teil des menschlichen Lebens ..., vielleicht sogar seine Seele."

Gute Zeit mit Dada

Es war die Zeit des Dada, einer Bewegung, in der sich der "Funny Guy", als der Picabia manchmal Briefe signierte, in seinen Arbeiten am stärksten zeigt: Unter den vielen Titelbildern, die er für die von ihm herausgegebenen dadaistischen Magazine 391 und Cannibale zeichnete, ist ein besonders gelungenes, seinen Humor offenbarendes: Es zeigt einen dicken, expressiv verlaufenden Tintenklecks mit dem Titel La Sainte-Vierge - die heilige Jungfrau.

Ganz anderer Natur waren die Zeichnungen, die er nach einem künstlerischen Misserfolg zur Veröffentlichung in der Zeitschrift Littérature 1923 an den Dada-Kollegen André Breton schickte: Zwölf kleine Zeichnungen, die Lampen, Parfum-Flakons, Schuhe - also Objekte der Werbung, mitsamt ihren anpreisenden Texten und Preisen - zeigte. Picabia war damit nicht sehr weit von Duchamps Urinal Fontaine (1917) entfernt. Für den Künstler und Autor Jean-Jacques Lebel hatte er damit die Pop-Art vorweggenommen, die beinahe vierzig Jahre später im Grunde nichts anderes machen sollte.

Picabia selbst widerstrebten die Ismen allerdings zeit seines Lebens. Als er sich 1920 von den Dadaisten lossagte, verfasste er eine Art Manifest, die Schmähschrift Jésus-Christ rastaquouère, die sich gegen ästhetische Theorien und Protagonisten unterschiedlichster Kunstdoktrinen wandte. Picabia wollte zu jener Zeit nicht als Künstler gelten.

Der "Rastaquär", Bezeichnung für eine zwielichtige Figur aus dem Berliner Schiebermilieu, erschien ihm passender. Picabias erste Frau schrieb: "Der Rastaquär spielt mit allen Gegenständen, die ihm in die Hand fallen; er hat nichts gelernt, aber er erfindet." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 26.7.2012) 

  • Verehrt von Martin Kippenberger oder auch Sigmar Polke: Francis Picabia. 
Hier zu sehen: "L'OEil, Caméra", um 1919-1922, aus der "mechanischen Periode".
    foto: vbk wien / galerie natalie seroussi

    Verehrt von Martin Kippenberger oder auch Sigmar Polke: Francis Picabia. Hier zu sehen: "L'OEil, Caméra", um 1919-1922, aus der "mechanischen Periode".

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