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Zwei Text-Bild-Bände von Wilhelm Genazino sind wieder greifbar
Wien - "Alle Bilder schweigen; sobald Menschen sie anschauen, fangen sie zu sprechen an", schrieb Wilhelm Genazino in einem Essay. Mit dem Schweigen und Nichtbeachtetwerden kämpfen auch die Romanfiguren dieses Schriftstellers immer wieder.
Seit den frühen 1970er-Jahren wohnen Genazinos Protagonisten dem " Theater des Alltags" lediglich als Publikum bei. Sie leiden unter " Lebenslustlosigkeit", einer "Verwahrlosung des Fühlens", und obwohl ihnen ihr "Ablenkungsleben" bewusst ist, kommen sie nicht ins Handeln. Oft spielen Genazinos Romane im durchorganisierten und verwalteten Angestelltenmilieu, aus dem auszubrechen den Figuren schlicht die Kraft fehlt. Doch, auch das schimmert bei diesem Autor immer durch, wo es innere Tumulte gibt, da muss auch Sehnsucht sein. Unter den Gefühlen des Begehrens sei die Sehnsucht das diffuseste, schreibt er im Band Aus der Ferne. Auf der Kippe (dtv, 15,40 €), mit dem gleich zwei vergriffene Genazino-Bücher wieder erhältlich sind.
Beide nun zwischen zwei Buchdeckeln vereinte Publikationen - Aus der Ferne erschien ursprünglich 1993, Auf der Kippe 2000 - bestehen aus Fotografien, alten Postkarten meist, die der Autor auf Flohmärkten kaufte und mit kurzen Bildlegenden versah. Was Genazinos Prosa so lesenswert macht, das genaue Hinschauen auf nicht Offensichtliches und Details, zeichnet auch diese mal subjektiven, mal essayistischen, dann wieder analytischen Prosaminiaturen aus. Man kann mit Genazino sehen lernen, wenn er über Landschafts- und Stadtfotografien oder ein Porträt Marcel Prousts schreibt.
Viele der Sujets zeigen Unbekannte(s), einen Bahnhofsplatz im Irgendwo, eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten, eine Frau, von hinten fotografiert, ins Weite schauend. Mitten unter den Fotos dann das Bild einer Frau mit einem Kind in den Armen. "Die Frau auf diesem Foto war einmal meine Frau. Das Kind, das sie trägt, war einmal mein Kind. Das Kind ist seit dreißig Jahren tot, die Frau seit sechs Jahren." Und weiter: "Nur die Immer-wieder-Anschauung des Fotos wird eines Tages das richtige Wort hervorbringen. Dann wir es so sein wie immer: Wort und Sache werden griffig und schlackenlos zueinander passen, als wären sie schon immer beisammen gewesen."
Fotos sind gefrorene Erinnerung, sie halten - scheinbar - die Zeit an. Mit
deren Vergehen, den Leerstellen des Lebens und dem "Rätsel des Verschwindens"
(Genazino) befasst sich das Erzählen, die Literatur. Wenn sie, wie in diesem
Fall, gut ist. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 26.7.2012)
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so unbekannt dann auch wieder nicht (spätestens seit dem "regenschirm"). juri steiner bezeichnet ihn in diesem (wunderbaren) gespräch sogar als einen der meistgelesenen deutschsprachigen autoren:
http://www.youtube.com/watch?v=DrxYRXJ21JU
aber es stimmt schon, natürlich eignet sich genazinos literatur nicht für die bestsellerlisten.
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