Warum Olympia Saudi-Arabiens Frauen kämpferischer macht

  • Fußballtaining im Verborgenen: Nationalspielerin Rana al-Khateeb legt an.
    foto: ap/dapd/hassan ammar

    Fußballtaining im Verborgenen: Nationalspielerin Rana al-Khateeb legt an.

  • Christoph Wilcke: Keinen Menschen interessiert, wer in einem Parlament sitzt, das nichts machen darf.
    foto: epa/ali haider

    Christoph Wilcke: Keinen Menschen interessiert, wer in einem Parlament sitzt, das nichts machen darf.

Olympiateilnahme zweier Athletinnen gibt saudischen Sportlerinnen Anlass zur Hoffnung

Bei den Olympischen Spielen in London (27. Juli bis 12. August) werden erstmals zwei Frauen für Saudi-Arabien an den Start gehen. Eine Sensation, denn im Königreich sind Frauenrechte stark eingeschränkt. 

Reisen, arbeiten, zum Arzt gehen: gewöhnliche Dinge, die Saudi-Araberinnen jedoch nicht ohne die Zustimmung ihres männlichen Vormunds machen dürfen. In dem arabischen Land haben sich Frauen zahlreichen religiösen und gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen. Meist ist der Vormund der eigene Ehemann oder Vater, in manchen Fällen muss sich aber eine 60-jährige Witwe von ihrem 18-jährigen Enkel begleiten lassen, wenn sie einen neuen Reisepass anfordern will. 

Lesbische Gelüste durch Sport

Banalste Dinge wie der Sportunterricht in der Schule bleiben den saudischen Mädchen untersagt. Bei der Begründung sind die ultrakonservativen Scheichs kreativ: So argumentieren sie unter anderem, dass weibliche Körperbewegungen andere Mädchen zu lesbischen Gelüsten reizen könnten oder Frauen bei übermäßigem Sport Gefahr liefen, ihr Jungfernhäutchen einzubüßen.

Die Olympiateilnahme von Judoka Seraj Abdulrahim Sharkani und 800-m-Läuferin Sarah Attar werde an der Rechtsstellung der Frauen wohl nichts ändern, sagt der Arabien-Experte von Human Rights Watch, Christoph Wilcke. "Die saudische Regierung hat sie ja nicht freiwillig hingeschickt, sondern wurde von allen Seiten geschubst und gezerrt zu dieser Entscheidung." 

Dass die zwei Sportlerinnen trotzdem eine Inspiration und Motivation für saudische Aktivistinnen sind, glaubt Wilcke durchaus. "Die Saudi-Araberinnen werden diese Entscheidung für ihre eigenen Kampagnen nutzen, werden zum Sportministerium gehen und sagen: 'Wenn ihr Sharkani und Attar nach London schickt, warum darf ich dann zu Hause nicht Fußball spielen?'"

Minischritte zu mehr Rechten

Auch wenn die Gefahr einer Festnahme ständig droht: In Saudi-Arabien treten immer mehr Frauen aktiv für ihre Rechte ein. Über soziale Medien wie Facebook und Twitter treten sie untereinander in Kontakt und planen Aktivitäten. Und sie feiern regelmäßig Erfolge - wenn auch nur kleine. König Abdullah gilt als relativ aufgeschlossen für die Anliegen der Frauen. Vor allem im Bildungsbereich kommt er ihnen in kleinen Schritten entgegen. 

So ist die König-Abdullah-Universität die einzige Bildungsinstitution im Land, an der Frauen und Männer gemeinsam studieren dürfen. Menschenrechtsexperte Wilcke relativiert allerdings: "Dort studieren hauptsächlich Ausländer. Wir können bis heute nicht bestätigen, dass überhaupt eine saudische Frau dort studiert." In Saudi-Arabien wird der Wahhabismus, eine puritanisch-konservative Form des Islam, praktiziert. Er sieht eine strenge Trennung zwischen Männern und Frauen vor. 

Viele Saudi-Araberinnen sind gut ausgebildet. "Frauen machen heute bereits rund 60 Prozent der Studenten aus und haben in den letzten Jahren 50 Prozent der Auslandsstipendien bekommen", sagt Wilcke. Viele junge Frauen ziehe es nach Australien, Deutschland oder Österreich. Nach ihrem Studium kommen sie zurück in ihre Heimat - und sind auf die Zustimmung ihres männlichen Vormunds angewiesen, um arbeiten zu dürfen.

Um ihnen den Weg in die Arbeitswelt zu erleichtern, habe sich König Abdullah dafür eingesetzt, dass mehr Bereiche für Frauen geöffnet werden, erklärt Wilcke. "Gerade vor einer Woche kamen vier neue Dekrete heraus, die es Frauen erlauben, als Kassenarbeiterin im Supermarkt oder Betreuerin in Vergnügungsparks zu arbeiten." Natürlich ausschließlich dort, wo sich nur Frauen oder Familien aufhalten, nicht aber fremde Männer. 

Mit einer Quote von 16 Prozent ist Saudi-Arabien aber weltweit Schlusslicht bei der Frauenbeschäftigung. Gerade hier sieht Wilcke viel Potenzial für gesellschaftliche Bewegung: "Der wirkliche Druck, etwas zu verändern, kommt aus der Wirtschaft." 

Symbolische Impulse

Ist König Abdullah also großer Reformer und Modernisierer? Nur bedingt, sagt Wilcke. "Seit 2005, also seitdem der König über Saudi-Arabien herrscht, ist nicht viel passiert. Unterm Strich kamen hauptsächlich symbolische Gesten heraus." 

So wie das Wahlrecht für Frauen. Schon im vergangenen Jahr versprach der Monarch, Frauen bei den Kommunalwahlen 2015 das Stimmrecht einzuräumen und sie auch kandidieren zu lassen. Die Kommunalwahlen sind die einzigen Wahlen, bei denen saudische Bürger - bisher nur Männer - ihre Stimme abgeben dürfen. Gewählt werden nur die Hälfte der Sitze der kommunalen Parlamente, die andere Hälfte bestimmt der König direkt. "Vollkommen unbedeutend" nennt Wilcke den Urnengang. "Die Befugnisse der Kommunalparlamente sind gleich null. Die dürfen ja nicht einmal einen Parkschein ausfüllen." Bei den letzten Wahlen im Dezember 2011 lag die Wahlbeteiligung bei rund fünf Prozent. "Keinen Menschen interessiert, wer in einem Parlament sitzt, das nichts machen darf", sagt Wilcke. 

Freiraum für Forderungen

Und doch ermutigen die symbolischen Gesten von König Abdullah immer mehr Frauen zu kämpfen. "Er gibt ihnen zumindest den Freiraum, ihre Forderungen zu stellen", sagt Wilcke. Wie sich die Frauenrechte unter Abdullahs Nachfolger, Prinz Salman, entwickeln werden, traut sich Wilcke derzeit nicht einzuschätzen. "Das Wichtigste ist, dass Salman bei guter Gesundheit scheint", sagt der Menschenrechtsexperte. Denn: Der kranke König Abdullah könne kaum mehr arbeiten, und das sei für die Frauen ein Problem.

So habe der Monarch mit seinen Maßnahmen die konservativen Kräfte zwar teilweise in die Schranken gewiesen, "aber das alles ist die letzten zwei bis drei Jahre wieder den Bach hinuntergegangen, weil Abdullah durch seine Gesundheit das Ruder nicht mehr richtig in die Hand nehmen konnte". (Sarah Dyduch, derStandard.at, 25.7.2012)

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