Zinsdschungel: Wie der Euribor das Sparschwein zwickt

25. Juli 2012, 13:39
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Während alle Welt sich mit Euribor, Anleihen-Renditen und Leitzinsen beschäftigt, bringen einen die Sparbuchzinsen zum Weinen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat

Zinssätze schwirren momentan durch so gut wie jede Meldung im Wirtschaftsressort. Da hätten wir einmal die Anleihenzinsen, die entweder verdächtig niedrig sind - Deutschland hat es sogar schon auf einen negativen Zins gebracht - oder zu hoch zum Überleben - wie bei Spanien und Italien. Auch ein Libor-Skandal sorgt für helle Aufregung, seine Aufklärung derzeit für teils blankes Entsetzen. Und vom Euribor hört man auch ständig, ebenfalls in Verbindung mit Manipulationen. Fast vergessen ist, der Leitzins der Europäischen Zentralbank wurde unlängst auf ein Rekordtief gesenkt. Auf einem ähnlichen Rekordtief sind aber auch die Zinsen auf den Sparbüchern. Von denen ist aber eher selten die Rede, auch wenn jeder Sparbuch-Besitzer heimlich über die Verzinsung weint.

Im Zins-Dschungel ist der Laie jedenfalls schnell verloren, vor allem wenn die Frage aufkommt, was das Ganze überhaupt mit dem Sparbuch oder dem Häuslbauerkredit zu tun hat. derStandard.at hat einen kleinen Kompass gebastelt, der den Weg weisen soll.

Wie berechnet eine Bank eigentlich, welche Zinsen sie für ein Sparbuch hergibt oder wie viel an Zinsen für einen Kredit anfällt? Zinsen im privaten Kredit-, aber auch Sparbereich müssen immer an einen "Referenzzinssatz" gebunden sein. Was so hochgestochen klingt, ist einer der vorhin genannten Sätze, erklärt der Bankenexperte Stefan Föger im Gespräch mit derStandard.at.

Beispiele

Bei einem Sparbuch klingt das dann zum Beispiel so: "Der Zinssatz ist an die Sekundärmarktrendite für Emittenten gesamt gemäß Tabelle 2.11 OeNB Heft - Statistiken Daten & Analysen gebunden, jedoch verringert um einen Abschlag von gewählte Laufzeit 1 Jahr - 2,00%-Punkte, gewählte Laufzeit 2 Jahre - 1,75%-Punkte ..."

Oder so: "Der vereinbarte Zinssatz wird an die Veränderungen des Zinsniveaus in folgender Weise angepasst: Als Indikator wird der 3-Monats-EURIBOR (3M) festgelegt. Liegt der veröffentlichte 3-Monats-EURIBOR (3M) im Beobachtungsmonat vor der Zinsanpassung über der Sekundärmarktrendite für Österreichische Bundesanleihen (= SMR/Bund), dann erfolgt die Zinsanpassung nach Maßgabe der Sekundärmarktrendite für Bundesanleihen."

Zeit, die Begriffe ein wenig auseinanderzunehmen. Die zitierte Sekundärmarktrendite ist die durchschnittliche Rendite aller an der Wiener Börse notierten Anleihen des Bundes mit einer Restlaufzeit von mindestens einem Jahr. Ihre durchschnittliche Rendite wird von der Österreichischen Kontrollbank täglich errechnet und kann hier abgerufen werden.

Ausgehebelt

Bei Staatsanleihen zahlt der Staat dafür, dass ein Investor ihm Geld leiht. Diese Rendite ist wesentlich für Anleger, die so mehr aus ihrem Geld machen können. Genau dieser Mechanismus ist im Moment zumindest teilweise ausgehebelt. Negativzinsen bzw. enorm tiefe Zinsen machen aus Staatsanleihen Österreichs oder Deutschlands für Investoren ein denkbar schlechtes Geschäft. Negative Zinsen bedeuten nämlich, dass der Investor quasi dem Staat Geld nicht nur gratis borgt, sondern sogar dafür bezahlt.

Damit ist die ganze Logik des Investierens eigentlich auf den Kopf gestellt. Man muss sich natürlich fragen, warum Investoren sich das gefallen lassen. Ganz einfach: Institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherer müssen einen Teil ihrer Gelder in festverzinsliche Anlagen investieren. Staatsanleihen galten nämlich bis vor wenigen Jahren als unkaputtbare, sichere Anlagemöglichkeit. Das hat sich spätestens mit der Staatsschuldenkrise geändert.

Da bleibt im Moment nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder investieren in unsichere Kandidaten wie Italien oder Spanien, wo die Rendite zwar hoch ist, das Risiko aber auch. Oder lieber die sicheren Anleihen nehmen und dafür entweder nichts bekommen oder sogar ein bisschen etwas draufzahlen. 

Libor und Euribor

Libor und Euribor sind ein Geschwisterpaar. Die London Interbank Offered Rate (Libor) und die European Interbank Offered Rate (Euribor) sind jene Zinssätze, zu denen sich Banken untereinander Geld borgen - in der jeweiligen Währung. Für Geschäfte in britischem Pfund gilt der Libor, für Euro-Geschäfte der Euribor. Pendants dazu gibt es rund um die Welt. Die Zinssätze werden täglich neu berechnet, auf Basis der Daten, die die Banken selbst melden. Bisher waren das in Euroland 43 Institute, von österreichischer Seite sind Erste Bank und Raiffeisen Bank International (RBI) sowie die Bank-Austria-Mutter UniCredit mit dabei. Diese sogenannten Panel-Banken übermitteln täglich die Sätze, zu denen die Bank einer anderen Kredite anbietet. Der Finanzdienstleister Thomson Reuters berechnet um 11 Uhr an jedem Werktag den arithmetischen Durchschnittszinssatz - den Euribor - für verschiedene Laufzeiten. 

Genau dieses Prozedere führte zum jüngsten Skandal - Banken sollen nach Absprache falsche Angaben gemacht, den Libor und auch den Euribor so künstlich nach unten gedrückt und damit Vorteile erwirkt haben. Derzeit wird geprüft, ob der Euribor überhaupt noch weiter in dieser Form bestehen soll oder ob er unter die Kontrolle zum Beispiel der EZB oder einer europäischen Börsenaufsichtsbehörde fällt. 

Automatisch angepasst

Wie dem auch sei. Derzeit ist der Drei-Monats-Euribor (3M) neben der Sekundärmarktrendite einer der wichtigsten Referenzzinssätze für so gut wie alles, was sich in den Schatullen der Europäer befindet. Schließlich ist das Sparbuch immer noch die Anlageform Nummer eins. In den meisten Fällen ist es der Drei-Monats-Euribor, also jener Zinssatz, der für geparktes Geld von Bank A bei Bank B gezahlt wird. Mit sogenannten Zinsgleitklauseln versehen, ändern sich die Zinssätze quartalsmäßig. Das macht die Bank von sich aus. Vereinfacht gesagt heißt das: Geht es mit dem Euribor nach unten, geht es auch mit den Zinsen am Sparbuch nach unten. Geht es nach oben, passiert dasselbe. Was für ein variabel verzinstes Sparbuch nicht sonderlich viel Spaß macht, ist bei einem variablen Kredit durchaus auch etwas Schönes.

In diesem Beispiel sind wir eine nette Bank und bieten unseren Kunden ein Sparbuch, gebunden an den 3-Monats-Euribor, darauf schlagen wir je ein Prozent drauf.


Einen Schritt weiter geht es mit dem Leitzins. Dieser wird von den nationalen Zentralbanken einmal im Monat festgelegt. Für Österreich gilt jener Leitzins, den die Europäische Zentralbank für den gesamten Euroraum an jedem ersten Donnerstag im Monat festsetzt. Der Leitzins ist jener Zinssatz, zu dem Banken sich Geld von der Zentralbank borgen können.

Zwischen dem Leitzins und dem Euribor gibt es keinen direkten Zusammenhang. Indirekt bewegt jede Leitzinsentscheidung aber auch den Interbanken-Zinssatz. Bankenexperte Föger erklärt es in einem Beispiel so: "Wenn EZB-Chef Draghi in seiner monatlichen Pressekonferenz sagt, der Leitzins könnte gesenkt werden, dann reagiert der Interbankenmarkt sofort, und der Euribor wird relativ schnell sinken. Wenn dann der Leitzins selbst gesenkt wird, passiert beim Euribor wahrscheinlich kaum mehr etwas." 

Aufschlag, Abschlag

Banken orientieren sich zwar an den Referenzzinssätzen, diese entsprechen aber nicht eins zu eins jenen Zinsen, die man auf einem Sparbuch bekommt oder für einen Kredit bezahlt. Bei Krediten wird häufig der Durchschnitt aus Euribor und Sekundärmarktrendite hergenommen. Darauf schlägt die Bank dann einen Aufschlag, der in der Höhe vor allem von der Bonität des Kunden abhängt. Je kreditwürdiger, desto geringer fällt der Aufschlag aus. Bei Sparbüchern sind Banken selten wahnsinnig großzügig, wenn es um Aufschläge geht. Allerdings raten Konsumentenschützer, auf jeden Fall über höhere Zinsen zu verhandeln. Aber auch, den Zinssatz im Auge zu behalten. Denn wie bereits erwähnt, die Zinsen sinken und steigen mit dem Referenzzinssatz mehr oder weniger in Einklang. Die quartalsmäßige Anpassung erfolgt automatisch, ein gut verhandelter Zinssatz am Sparbuch kann also drei Monate später schon wieder weg sein. 

Bei den derzeit niedrigen Zinsen stellt sich sowieso die Frage, ob der Notgroschen nicht unter der Matratze besser aufgehoben ist. So riet unlängst auch der - nicht ganz unumstrittene - deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn Privatanlegern: "Renovieren Sie doch ihr Bad." (Text: Daniela Rom, Grafiken: Florian Gossy, derStandard.at, 25.7.2012)

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    Das Sparschwein ist zurzeit eine arme Sau. Vor allem wenn das Geld auf einem Sparbuch gelagert wird, ist damit kein Geld zu verdienen.

  • Kein Wunder, wenn auch die relevanten Zinssätze auf historisch tiefe Niveaus sinken oder abgesenkt werden. Darüber freuen sich dann die Kreditnehmer, denn da wird es billiger.
    foto: epa/roessler

    Kein Wunder, wenn auch die relevanten Zinssätze auf historisch tiefe Niveaus sinken oder abgesenkt werden. Darüber freuen sich dann die Kreditnehmer, denn da wird es billiger.

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