Ein Mann sieht Grün

31. Juli 2012, 17:09
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Im Hutter-Gastgarten über Krems ringt Saibling mit roten Rüben, Fidler mit Hecke und Reh - Dazu ein erster Blick und Biss in den dritten Vikerl

Ihr Gleichgewicht suchen manche ein ganzes Leben. Und hier geht es nicht um Existenzfragen im Promillebereich. Wobei, zugegeben, mein Lokalaugenschein fiel auf einen Sonntag nach einem ordentlichen Geburtstagsfest. Aber 20 Stunden nach einem von Spanferkel und Weißweinen nicht freien, aber vernünftig kurzen Samstagabend sollte der Blick schon wieder recht klar sein und der Rücken einigermaßen gerade.

Ab durch die Hecke ...

Der Rücken und der Blick, scheint mir, spielen hoch über Krems eine wesentliche Rolle. Ich bin nicht groß, aber zumindest im Sitzen auch nicht winzig. Zu meiner Freude finde ich vor dem Sonntagabendgewitter im wirklich lauschigen Gastgarten vor dem Gasthaus Hutter einen Platz in der vordersten Reihe. Der verspricht mir Sicht über die Donau nach Süden, wo hoch auf den Hügeln, die hier vermutlich Berg heißen, etwa das Stift Göttweig auf das Auge wartet.

... mit der passenden Schere

Liebe Senftenberger Nigls, die Ihr jetzt den Hutter bespielt, wie ich gelesen habe, könntet ihr vielleicht die Hecke vor dem Panorama für Menschen wie mich ein bisschen tieferlegen? Dann muss ich mich zum Essen nicht in den sonntäglichen Boulevard vertiefen. Okay, das richtige Maß ist auch hier schwierig - den Leiner unten am Hügel, Interspar und Bühlcenter sollen die Größeren ja wieder nicht sehen müssen. Im Panorama, im Boulevard inserieren sie ohnehin.

Vielleicht konnte man's mir an dem Sonntag ja auch nicht ganz recht machen: Ich war zufrieden nach drei Gängen, aber nicht restlos überzeugt. Vielleicht fehlte mir das Gleichgewicht, vielleicht an dem Tag manchen Speisen. Den marinierten Seesaibling fand ich astrein, Quinoa störte nicht weiter, die angekündigte Rübe war rot und ausgesprochen gut, aber der Saibling hatte keine Chance gegen sie. Gut, auch Konfliktfreude enthält Freude.

ButterMILCH, Fidler!

Im zweiten Gang fehlte eindeutig mir der Überblick. Geeiste Erbsensuppe seh ich auf der Tageskarte, und vor lauter Euphorie über grünes Glück, ob nun warm oder geeist, ignoriere ich einen wesentlichen Teil der Ankündigung. Denn: Wer, außer dem Fidler, ist über milchige Komponenten seiner Erbsensuppe irritiert, wenn ausdrücklich geeiste Erbsen-BUTTERMILCHSUPPE mit Melisse in der Karte steht? Eben.

Übermut kann lohnen. Wirklich, wirklich, fast irritierend heißen, aber wunderbar saftigen Rehschlögel mit glasig-dicker Sauce an einem gewittrig-schwülen frühen Sonntagabend zu bestellen. Mit wunderbar knackigen Fisolen und Emmerrisotto, das hier im Raum Krems/Mautern gern geboten wird. Man braucht schon einigen Übermut dafür und Kraft, die landgasthauswürdige Portion als dritten Gang auch nur einigermaßen zu bewältigen. Aber eine angenehme Schwere kann einem ja auch für ein paar Stunden das Gefühl geben, man wäre nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

PS: Weingut Hutter würde natürlich nahe legen, auch die Weine zu kosten: Nächstes Mal gern! Diesmal doch lieber Apfelsaft naturtrüb, passte an dem Tag besonders gut zu mir.

PPS: Vikerl, die Dritte

Wo wir schon beim Gastgarten sind: Vikerl im 15. hat auch einen neuen. Ausblickmäßig hilft hier auch Hecken schneiden nix, aber für 1150 sitzt es sich hier erstmals auch im Freien gut, kann ich soeben praktisch ofenfrisch berichten. Anna & Jagetsberger heißt die dritte (mir bekannte) Inkarnation des Vikerl in der Würffelgasse 4. Liegt mir schon deshalb am Herzen, weil hier ja vor bald sechs Jahren Schmeck's enstand. Hach.

Für Innereien- und Experimentierfreunde wie mich ist Vikerl 3.0 nicht mehr ganz so spannend wie Bittermann oder Balogh, aber schon ziemlich gut: Soviel kann ich sagen nach einem Tatare mit gebratenen Steinpilzen, einem vielleicht einen Hauch zu durchgebratenen Saibling auf knackigem, ich tät sagen: Stangenzeller sowie Selleriecreme und einem Eck vom schön rosa, angenehm bissfesten Beiried als Begleiter eines Eierschwammerlgulaschs. Kann man nehmen. Demnächst hierorts womöglich mehr über die angenehm entspannte Neueröffnung. Wer's rascher selbst probieren will: 0660/7703610. 95 Euro für zweimal zwei Gänge, Gedeck, Wein, Apfelsaft, Kaffee.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Der Seesaibling unterlag den roten Rüben klar: Trotzdem schöner erster Gang im schönen Weingut Hutter in Krems.
Drei Gänge, Apfelsaft, Kaffee: 39,80 Euro
    foto: harald fidler

    Der Seesaibling unterlag den roten Rüben klar: Trotzdem schöner erster Gang im schönen Weingut Hutter in Krems.

    Drei Gänge, Apfelsaft, Kaffee: 39,80 Euro

  • Geeiste Erbsensuppe, mir doch etwas zu milchig. Aber was erwartet der Fidler schon von einer Erbsen-Buttermilch-Suppe?
    foto: harald fidler

    Geeiste Erbsensuppe, mir doch etwas zu milchig. Aber was erwartet der Fidler schon von einer Erbsen-Buttermilch-Suppe?

  • Rehschlögel. Sehr heiß, sehr mächtig, sehr saftig - schon ziemlich gut.
    foto: harald fidler

    Rehschlögel. Sehr heiß, sehr mächtig, sehr saftig - schon ziemlich gut.

  • Schöner sitzen: Gastgarten bei Hutters, die ja eigentlich jetzt Nigls sind, wenn ich das richtig las.
    foto: harald fidler

    Schöner sitzen: Gastgarten bei Hutters, die ja eigentlich jetzt Nigls sind, wenn ich das richtig las.

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