Trio der Firma Ikarus in Wien vor der Richterin

24. Juli 2012, 20:57
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Trio soll Kunden um 1,6 Millionen Euro betrogen haben

Wien - Entweder Martin S., Michael T. und Patrick S. haben wenig Ahnung von griechischer Mythologie. Oder einen seltsamen Sinn für Humor. Denn der Grund, warum sie seit Dienstag unter dem Vorwurf des schweren gewerbsmäßigen Betruges in Wien vor einem Schöffensenat unter dem Vorsitz von Helene Gnida sind, ist eine Firma namens Ikarus.

Die hat in eigenen Internet-Shops diverse Geräte zu günstigen Preisen angeboten. Sicher ist, dass sie zu günstig waren. Denn als das Unternehmen im Dezember 2006 in Konkurs ging, hatten Kunden, die vorab gezahlt haben, in tausenden Fällen insgesamt rund 1,6 Millionen Euro verloren.

"Ja, der Schaden ist fürchterlich hoch" stellt der Erstangeklagte Martin S. nüchtern fest. Nur: Er habe damit überhaupt nichts zu tun, sei nur ein kleines Rädchen gewesen. "Ich nehme mir persönlich übel, dass ich nicht erkannt habe, wie schlecht es um die Firma steht. Aber strafrechtlich habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen", erklärt er.

Der 34-Jährige verkörpert insgesamt den Typus des smarten Jungmanagers, makellose Frisur, gut sitzender Anzug. Eloquent erklärt er das Geschäftsmodell des Unternehmens und sein umfassendes Know-how. Sein Problem: Er ist vorbestraft. Wegen betrügerischer Krida. Mit einem Webshop. "Ihr Know-how hat sich jetzt schon mehrmals nicht realisieren lassen", merkt Vorsitzende Gnida an.

Im Knast kennengelernt

Kennengelernt hat S. den Zweitangeklagten Michael T., der übrigens auch einschlägig vorbestraft ist, in der Haft. In Freiheit kam man ins Geschäft, im Herbst 2005 startete man das Online-Geschäft. Das aber ziemlich davon abhängt, auf Preisvergleichsseiten im Internet aufzuscheinen und dort günstig zu sein.

Mit der größten derartigen Seite hatte sich S. allerdings schon bei seinem ersten Konkurs überworfen, niemand durfte wissen, dass er mit der neuen Firma zu tun hatte. So erklärt der Schweizer, warum er als "Jason Martin" aufgetreten ist. Und in Wien als "U-Boot" gelebt hat: Er zahlte keine Steuern, war weder versichert noch gemeldet. Schlecht gelebt hat er dennoch nicht: In einer firmeneigenen 200-Quadratmeter-Wohnung in der Innenstadt, für die er keine Miete zahlte.

Die Aussagen, wie viel er brutto für netto bekam, divergieren. Er sagt, maximal 4000 Euro monatlich, die Mitangeklagten sprechen von bis zu 14.000 Euro. Schließlich sei S. in Wahrheit der Schatten-Geschäftsführer gewesen, argumentieren Staatsanwältin Julia Huber und die Mitangeklagten.

Bei der Befragung ergeben sich dann Widersprüche. S. will nicht genau gewusst haben, wie groß sein Marketingbudget war und wie es zustande kam - gleichzeitig kannte er die Fixkosten des Gesamtbetriebes im Zeitlauf ganz genau. Warum er nicht begann, die 800.000 Euro Schulden aus der ersten Pleite zurückzuzahlen, erklärt er auch nicht schlüssig. Und wenn das Warenmanagement so abgelaufen ist, wie er beschreibt, könnte es aus der Zeit stammen, als Ikarus der Sonne zu nahe kam.

Der Prozess geht am Donnerstag weiter. (Michael Möseneder/DER STANDARD Printausgabe, 25.7.2012)

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