Suche nach Normalität nach dem großen Beben in Italien

24. Juli 2012, 18:23
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Tausend Gebäuden der Abriss

Modena/Rom - Vor dem Beben waren sie Konkurrentinnen, beide betrieben Friseursalons in Finale Emilia. Jetzt arbeiten Valeria und Carla in denselben Räumen. "Es war eine Geste der Solidarität gegenüber einer von einer Katastrophe betroffenen Kollegin", sagt Carla. Monica Galavotti wiederum hat das städtische Schwimmbad vor wenigen Tagen wiedereröffnet. Die Umkleidekabinen sind in einem ausgedienten Militärzelt untergebracht. Zwei Monate nach dem folgenschweren Erdbeben in der Emilia-Romagna im Nordosten Italiens sind viele um eine Rückkehr in die Normalität bemüht. Auch die Bewohnerzahl der Zeltstadt ist von 2200 auf 1700 gesunken.

In Mirandola hat vor kurzem das Caffè del Teatro wiedereröffnet und auch der Bäcker neben dem Fußballstadion. Bürgermeister Maino Benatti schwärmt über die Selbsthilfe und Solidarität der Bewohner: "Wo immer sie können, helfen sie sich selbst und gegenseitig." Gleichzeitig warnt er vor verfrühtem Optimismus: "Der Wiederaufbau wird Jahre in Anspruch nehmen. Die ganze Altstadt liegt in Schutt."

Mehrere Milliarden Euro Schaden

Auf der Piazza Re Enzo in Bologna verkaufen geschädigte Landwirtschaftsbetriebe und Molkereien ihre Produkte: Parmigiano, Balsamico-Essig, Schinken, Wein. 80.000 Parmesanlaibe hat allein die Molkerei Razionale in Novi beim Beben verloren. Der Viehzüchter Andrea Barbieri aus Mirandola hält seine 450 Kühe jetzt im Freien. Sein vollautomatisierter Stall ist eingestürzt: "Für den Wiederaufbau fordern die Banken unerfüllbare Garantien."

Für die Unmengen Bauschutt wurden indessen fünf Lagerplätze ausgewiesen. In Sant'Agostino versammelte sich unlängst fast der ganze Ort, als das 150 Jahre alte Rathaus von der Feuerwehr gesprengt wurde. Das schwer beschädigte Gebäude war nicht zu retten. Über 1000 Gebäuden im Bebengebiet droht noch der Abriss. Der Gesamtschaden wird mit mehreren Milliarden Euro beziffert.

Während die Behörden auf Sicherheit pochen, geht den Unternehmern alles zu langsam. 30.000 Quadratmeter Werkhallen muss der Lebensmittelhersteller Rodolfo Barbieri in Cavezzo bei Modena neu errichten. Mit der Forderung nach Geduld wissen er und 250 arbeitslose Beschäftigte nichts anzufangen, denn: "Die Konkurrenz schläft nicht." (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 25.7.2012)

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