Innerislamischer Machtkampf in Tatarstan

  • Mufti Ildus Fajsow überlebte schwer verletzt einen Bombenanschlag.
    foto: dapd

    Mufti Ildus Fajsow überlebte schwer verletzt einen Bombenanschlag.

Religiöser Friede bedroht: Dutzende Festnahmen nach einem Doppelanschlag auf Geistliche in der russischen Republik

Kasan/Moskau - Ein Doppelanschlag auf die islamische Führungsspitze in der russischen Teilrepublik Tatarstan bedroht den religiösen Frieden in der Region. Die Polizei hat mit zahlreichen Verhaftungen reagiert, hält sich aber bei der Einschätzung des Tatmotivs zurück. Viele Indizien deuten auf einen Machtkampf zwischen gemäßigten und radikalen Islamisten in der Region hin.

Seit vergangenem Donnerstag liegt Mufti Ildus Fajsow, Tatarstans oberster islamischer Geistlicher, schwer verletzt im Krankenhaus, nachdem ein Sprengsatz unter seinem Auto explodiert war. Nur eine Stunde vor dem Bombenanschlag war sein Stellvertreter für Bildungsfragen, Walliula Jakubow, vor seinem Haus erschossen worden. Beide Geistlichen hatten sich in der Vergangenheit als scharfe Gegner extremistischer Strömungen profiliert. So hatte sich Jakubow Polizeiangaben zufolge für ein Verbot der Wahhabiten ausgesprochen, da deren Dogmatismus den traditionellen russischen Islam untergrabe.

Gemäßigt und erfolgreich

Die Millionenstadt Kasan an der Wolga gilt eigentlich als das Zentrum des gemäßigten Islam in Russland und die Republik Tatarstan als Erfolgsmodell im Zusammenleben von Christen und Muslimen, quasi der Gegenentwurf zum Nordkaukasus. Die ölreiche Region ist wirtschaftlich eine der erfolgreichsten und zugleich modernisierungsfreudigsten in Russland. Nicht zufällig hat Bundespräsident Heinz Fischer Kasan im Mai 2011 auf das Programm seiner Russlandreise gesetzt.

In der berühmten Moschee Kul Scharif wurde Fischer vom nun verwundeten Mufti Fajsow empfangen. Mit dabei war aber auch der Imam der Moschee, Scharif Ramil Junusow. Junusow hat in Medina studiert, gilt als Anhänger das Wahhabismus und zugleich als schärfster ideologischer Gegner Fajsows. Nach dem Anschlag flüchtete er nach London.

Seine Rolle bei dem Anschlag ist unklar, doch gegen einen seiner Vertrauten, einen gewissen Scheich Umar, wurde Haftbefehl erlassen. Dieser machte den tiefen ideologischen Zwist in der islamischen Gemeinde Tatarstans deutlich, als er bei der Vernehmung erklärte, Fajsow habe durch sein scharfes Vorgehen gegen die Wahhabiten die Gemeinde entzweit. Er habe die Muslime praktisch in "gut" und "böse" aufgeteilt, klagte der Mann, der bis 20. September in U-Haft genommen wurde.

Streit um Finanzen

Insgesamt wurden offiziellen Angaben nach bisher elf Personen festgenommen, inoffiziell ist hingegen bereits von etwa 100 Festnahmen die Rede. Laut den Ermittlern könnten neben ideologischen Differenzen auch Geldstreitigkeiten zum Anschlag geführt haben: Fajsow soll die Kontrolle über die Finanzen eines Reisebüros, das Gläubige nach Mekka schickt, verschärft haben.

Freilich hat auch der Streit ums Geld einen religiösen Hintergrund. Seit den 1990er-Jahren ist viel Geld aus dem Ausland, speziell dem arabischen Raum, in den Aufbau des Islam in Russland geflossen. Oft seien damit islamistische Kämpfer im Kaukasus finanziert worden, klagt Moskau. Aber auch in Tatarstan solle so die Lage destabilisiert werden, heißt es. (André Ballin, DER STANDARD, 25.7.2012)

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