Innerislamischer Machtkampf in Tatarstan

André Ballin
24. Juli 2012, 17:53
  • Mufti Ildus Fajsow überlebte schwer verletzt einen Bombenanschlag.
    foto: dapd

    Mufti Ildus Fajsow überlebte schwer verletzt einen Bombenanschlag.

Religiöser Friede bedroht: Dutzende Festnahmen nach einem Doppelanschlag auf Geistliche in der russischen Republik

Kasan/Moskau - Ein Doppelanschlag auf die islamische Führungsspitze in der russischen Teilrepublik Tatarstan bedroht den religiösen Frieden in der Region. Die Polizei hat mit zahlreichen Verhaftungen reagiert, hält sich aber bei der Einschätzung des Tatmotivs zurück. Viele Indizien deuten auf einen Machtkampf zwischen gemäßigten und radikalen Islamisten in der Region hin.

Seit vergangenem Donnerstag liegt Mufti Ildus Fajsow, Tatarstans oberster islamischer Geistlicher, schwer verletzt im Krankenhaus, nachdem ein Sprengsatz unter seinem Auto explodiert war. Nur eine Stunde vor dem Bombenanschlag war sein Stellvertreter für Bildungsfragen, Walliula Jakubow, vor seinem Haus erschossen worden. Beide Geistlichen hatten sich in der Vergangenheit als scharfe Gegner extremistischer Strömungen profiliert. So hatte sich Jakubow Polizeiangaben zufolge für ein Verbot der Wahhabiten ausgesprochen, da deren Dogmatismus den traditionellen russischen Islam untergrabe.

Gemäßigt und erfolgreich

Die Millionenstadt Kasan an der Wolga gilt eigentlich als das Zentrum des gemäßigten Islam in Russland und die Republik Tatarstan als Erfolgsmodell im Zusammenleben von Christen und Muslimen, quasi der Gegenentwurf zum Nordkaukasus. Die ölreiche Region ist wirtschaftlich eine der erfolgreichsten und zugleich modernisierungsfreudigsten in Russland. Nicht zufällig hat Bundespräsident Heinz Fischer Kasan im Mai 2011 auf das Programm seiner Russlandreise gesetzt.

In der berühmten Moschee Kul Scharif wurde Fischer vom nun verwundeten Mufti Fajsow empfangen. Mit dabei war aber auch der Imam der Moschee, Scharif Ramil Junusow. Junusow hat in Medina studiert, gilt als Anhänger das Wahhabismus und zugleich als schärfster ideologischer Gegner Fajsows. Nach dem Anschlag flüchtete er nach London.

Seine Rolle bei dem Anschlag ist unklar, doch gegen einen seiner Vertrauten, einen gewissen Scheich Umar, wurde Haftbefehl erlassen. Dieser machte den tiefen ideologischen Zwist in der islamischen Gemeinde Tatarstans deutlich, als er bei der Vernehmung erklärte, Fajsow habe durch sein scharfes Vorgehen gegen die Wahhabiten die Gemeinde entzweit. Er habe die Muslime praktisch in "gut" und "böse" aufgeteilt, klagte der Mann, der bis 20. September in U-Haft genommen wurde.

Streit um Finanzen

Insgesamt wurden offiziellen Angaben nach bisher elf Personen festgenommen, inoffiziell ist hingegen bereits von etwa 100 Festnahmen die Rede. Laut den Ermittlern könnten neben ideologischen Differenzen auch Geldstreitigkeiten zum Anschlag geführt haben: Fajsow soll die Kontrolle über die Finanzen eines Reisebüros, das Gläubige nach Mekka schickt, verschärft haben.

Freilich hat auch der Streit ums Geld einen religiösen Hintergrund. Seit den 1990er-Jahren ist viel Geld aus dem Ausland, speziell dem arabischen Raum, in den Aufbau des Islam in Russland geflossen. Oft seien damit islamistische Kämpfer im Kaukasus finanziert worden, klagt Moskau. Aber auch in Tatarstan solle so die Lage destabilisiert werden, heißt es. (André Ballin, DER STANDARD, 25.7.2012)

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Hm...ich vermisse den typischen Reflex der Standardposter...wer wars? Wer ist schuld bzw. hat das finanziert bzw. wer sind die Bösen?

U S A - U S A - U S A (@ Homer Simpson).

Danke, dass nun auch der STANDARD - wie mir scheint als einzige österreichische Zeitung - über den Doppelanschlag in Kazan berichtet.

Anlässlich einer Reise nach Kazan vor 2 Jahren konnte ich mich in zahlreichen Gesprächen mit Personen unterschiedlicher religiöser Ausrichtung davon überzeugen, dass die tatarische Regierung sehr daran interessiert ist, den aufgeschlossenen und toleranten Islam zu fördern.

Deshalb gibt es von der Stadt initiierte, regelmäßige Treffen und Gespräche mit muslimischen, christlichen und jüdischen Religionsführern, um das friedliche Miteinander auch weiterhin zu erhalten.

Gegen radikale, islamistische Tendenzen wurde entschlossen vorgegangen, doch gerade das scheint ein Dorn im Auge der Fanatiker zu sein.

Das stimmt! Ich habe auch einmal in einer russischen Zeitung ein Interview mit Fajsow gelesen. Was er da gesagt hat, erklärt zumindest, warum ihn die Radikalen hassen.

Das Schlimme am militanten Wahhabismus/Salafismus ist, dass er so leicht für andere Zwecke missbracuht werden kann. Sowohl der Westen als auch andere Großmächte wie Russland oder China verstehen sich auf dieses Spiel. Teile und Herrsche, und die Verlierer sind immer die Muslime.

missbraucht?

Zu was soll der Salafismus denn missbraucht werden? Sein Ziel ist es, Hass und Gewalt zu säen, alle angeblichen "Ungläubigen" auszurotten, und eine Welt nur noch mit "echten" Muslimen (also Salafisten ... nicht Ihr netter türkischer Gemüsehändler von nebenan) zu erschaffen.

Genau dieses Ziel verfolgen sie sehr diszipliniert -- wo werden sie missbraucht? Sie tun genau das, was sie schon immer gesagt haben.

Ja, es stimmt -- in islamischen Ländern sind viele Opfer dieser Hassprediger selbst Muslime. Aber schon dort sind die Andersgläubigen noch schlimmer dran. Fragen Sie mal einen irakischen, ägyptischen oder syrischen Christen... :-(

Und auch der Westen gewinnt nicht. Unsere Regierungen unterstützen die Feinde der ganzen Menschheit.

wtf is tatarstan?!?

Tatarstan am Wörthersee

Tatarstan liegt nicht hinterm Mond, sondern ist im heurigen Juni sogar in Österreich präsent gewesen: beim Wörthersee Classics Festival war das Tatarstan Symphony Orchestra "Orchestra in Residence" und spielte vier Konzerte !!

http://www.woertherseeclassics.com/festival-... gramm.html

Das Zentrum des russischen Islam,

also der Religion, die nach den derzeitigen Geburten- und Konversionsraten in 20-30 Jahren die größte in Russland sein wird.

Wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, wird nicht das liberale Tatarstan das Zentrum sein, sondern die von den Saudis bezahlten Hetzer in Tschetschenien & Co.

Konversionsrate??? was ist das denn? ist etwa wenn ein Tatare( also von geburt an ein Moslem) zum Islam konvertiert? Und warum in 20-30 Jahren, ist es nicht schon jetzt der Fall, bzw. war nicht schon immer so?

Niemand ist von Geburt an einer Religion zugehoerig, diese wird erst durch die Eltern und die Erziehung festgelegt, daher steht in der Fitra: Gott weiss allein, darueber Bescheid, was sie /die Kleinkinder/ gemacht haetten. Ist auch die Begruendung warum die Jungen erst mit ca 13 Jahren beschnitten werden.

bei euch juden werden keine christen geboren, das ist schon klar

Wir reden hier ueber Muslime, oder irre ich mich ?

da kommt die sauce tatare her.

danke, jetz is mir klar.....

wusste gar nicht dass so weit noerdlich in russland, auf dem breitengrad von moskau, schon die islamischen muftis die gehirne der meisten menschen besitzen und manipulieren.

Die waren früher noch viel weiter verbreitet, bis nach Polen,

Der Legende nach musste sich vor 1000 Jahren der letzte heidnische Herrscher Russlands entscheiden, ob er (und damit sein Volk) zum Islam oder zum Christentum konvertiert.

Die islamischen Missionare kamen aus Tatarstan (Kasan), die christlichen aus dem Byzantinischen Reich (Konstantinopel).

Das entscheidende Argument für seine Entscheidung, also der Grund, warum die ethnischen Russen heute christlich-orthodox sind, war, so heißt es, die Antworten der beiden Missionare auf seine Frage: "in welcher eurer beiden Religionen dürfen wir Wodka trinken?"

*

(Vermutlich komplett erfunden, aber dennoch eine schöne Geschichte. Nicht nur, weil sie zeigt, dass Tatarstan damals die Großmacht in Nordost-Europa war).

Mir hingegen war schon sehr wohl bewusst das sie nicht viel 'wissen' norik!

Kasan ist seit 1000 Jahren muslimisch, aber wem erzaehl ich das eigentlich.....

wirklich? und du neokonservativer klugscheisser weisst wahrscheinlich alles

immerhin informiere ich mich, angefangen mit wikipedia, wenn ich was interesantes nicht kenne

"der Imam flüchtete nach London"

Warum flüchtet so eine Person nach London? Der tatarische Islam ist ein Erfolgsmodell in Rußland, Kasan ist die modernste Stadt Rußlands, es gibt keinen nationalen Haß in Tatarstan zw. Russen und Tataren und keinen islamischen Extremismus in Tatarstan.
Warum gewährt London den Feinden Rußlands Unterschlupf? Diverse Tschetschenenführer verstecken sich in London, ebenso wie B.A.Berezovski.
Niemand wird nach Rußland ausgeliefert, obwohl internationale Haftbefehle vorliegen. Das hat nichts mit Menschenrechten zu tun, sondern ist rein Machtpolitik. Warum soll im Gegenzug Rußland den Mörder von Letvinenko ausliefern?

In Zukunft - Flucht nach Wien ?

Wird interessant, ob ab Spätherbst - nach der Eröffnung des König Abdullah-Zentrums - Wien ein möglicher Fluchtort für Personen wie den Imam der Kul Scharif-Moschee sein wird. Wundern würde es mich nicht, bei der Blauäugigkeit (und dem Opportunismus) unserer derzeitigen Bundesregierung.

Dass die feigen Massenmörder des Londoner U-Bahn-Massakers von 2005 aus exakt derselben Ecke kamen (saudisch finanzierte Wahhabiten/Salafisten), scheint die Engländer nicht zu stören.

Weil die "außenpolitieschen Interessen" Englands auch darauf ausgerichtet sind,

möglichst den russischen Interessen zu schaden. Grundsätzlich finden in London Elemente Exil, die in Russland (zurecht) vor Gericht gestellt würden (Beresowski,...).

Es gibt Stimmen, die vermeinen dass England bei der Finanzierung und Aufreizung der islamistische Extremisten im Kaukasus ein Rolle spielen.

"Warum gewährt London den Feinden Rußlands Unterschlupf?" - blöde pathetische frage, die eher von unwissen zeugt.

"Tschetschenenführer verstecken sich in London, ebenso wie B.A.Berezovski.
Niemand wird nach Rußland ausgeliefert, obwohl internationale Haftbefehle vorliegen" - quelle, link?

aber wenigstens wird klar um was es dir geht: "der pöse westen".

lächerlich.

ach nein nicht der "pöse", hinterhältige passt doch viel besser

Mir deucht der grufti blickende Mufti steht vor den Toren Göttweigs!

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