"Wem liegen olympische Erfolge echt am Herzen?"

  • Für den Olympiavierten Georg Werthner (re.) sind Erfolge in der Leichtathletik "seit Jahrzehnten aus zufälligen Zellen entstanden". Paul Schauer sieht im Schwimmen "eine Weiterentwicklung".
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    Für den Olympiavierten Georg Werthner (re.) sind Erfolge in der Leichtathletik "seit Jahrzehnten aus zufälligen Zellen entstanden". Paul Schauer sieht im Schwimmen "eine Weiterentwicklung".

Für Schwimmverbandspräsident Paul Schauer und Leichtathletik-Trainer Georg Werthner sind medaillenlose Spiele für Österreich möglich. Erfolge wären auch dem Zufall geschuldet

Wien - Sonnenlicht hat der Hollerstrauch-Keller mit dem Standard- Sportstammtisch noch nie gesehen. Doch die Beleuchtung reicht schon aus, den Teufel an die Wand zu malen. Dass Österreichs Mannschaft also ohne Medaillen von den Olympischen Spielen aus London heimkehrt, das schließen Paul Schauer und Georg Werthner nicht aus. Wenn Werthner im Speziellen für die Leichtathletik steht, so ist schon klar, dass sein vierter Zehnkampf-Platz 1980 in Moskau die beste Platzierung der ÖLV-Männer bleiben wird. Schauer, der Schwimmverbandspräsident, hofft auf Markus Rogan und traut diesem auch zu, den zwei Silbernen von 2004 (Athen) eine weitere Medaille hinzuzufügen. Überraschend wäre sie allemal.

Werthner wird vom Standard mit der virtuellen Medaille für die längste Anreise aller bisherigen Stammtischbrüder ausgezeichnet. Er ist aus Schielleiten gekommen, wo er einen Trainingskurs für junge Zehnkämpfer organisiert, hält sich trotzdem oder deshalb bei der Bestellung (Apfelhollersaft) zurück, schließlich fährt er noch am Abend retour.

Schauer ist mit seinem Smart aus Wien-Landstraße (keine Medaille) gekommen, ordert ein kleines Bier. Einigkeit besteht darüber, dass die Hoffnungen selten so gering waren wie diesmal. "Keine Medaille wäre keine Tragödie", sagt Werthner. "Aber ein Armutszeugnis wäre es schon", sagt Schauer. Und jedenfalls kein Zufall. Werthner: "Erfolge in der Leichtathletik sind seit Jahrzehnten aus zufälligen Zellen entstanden."

Schauer gesteht ein, dass auch die Erfolge von Rogan sowie Mirna und Dinko Jukic nicht unbedingt, nun ja, hausgemacht waren. "Aber es gibt im Schwimmen eine Weiterentwicklung", darauf besteht er. Und diese Weiterentwicklung werde sich auch olympisch niederschlagen, aber noch nicht in London, sondern erst in Rio 2016.

Das Problem der Vielfalt

Hat, wo der Zufall regiert, das System versagt? Schauer sieht "das große Problem in der Struktur des Förderwesens". Und er würde sich wünschen, dass man "wie in vielen anderen Ländern" auch hierzulande einige wenige Sportarten speziell und "so entwickelt, dass sie selbstständig werden". Als Vorbild hält natürlich der Skiverband her, der sei laut Schauer kaum noch auf öffentliche Gelder angewiesen. Schauer: "In der Vielfalt liegt vielleicht auch das Problem, dass alle nichts haben. Man muss Schwerpunkte setzen."

Er denkt an Sportarten, die dem Land und den Leuten naheliegen würden. Wenn er an Österreich denkt, denkt er an Schwimmen, eh klar, aber auch an Radfahren und Laufen. "Da geht es um Wirtschaftlichkeit, um Topografie sowie die Mentalität und die Interessen der Menschen."

Werthner nickt und will dem Skisport seine Vorbildwirkung nicht absprechen. "Aber die Relation Ski im ORF und unsere Sportarten im ORF ist trotzdem traurig." Heimische Leichtathleten auf dem Sprung in die Weltklasse werden laut Werthner "über Eurosport bekannt". Der ORF rühme sich seiner vielstündigen Olympiasendungen. "Aber vorher Interesse aufbauen? Da passiert fast nichts. Wem liegen olympische Erfolge echt am Herzen? Viele wollen jetzt Medaillen sehen, aber dann sind ihnen die olympischen Sportarten wieder vier Jahre lang egal."

Nicht ganz so jungen Menschen ist Werthner ob seiner Sportlerkarriere und der Tatsache, dass er von den TV-Kommentatoren oft als "Doktor Georg Werthner" tituliert wurde, ein Begriff. Studierter Sportler, eine Ausnahmeerscheinung. Jüngere Menschen kennen Werthner, den Juristen, als Trainer und als Veranstalter des beliebten Jedermann-Zehnkampfs, den er zur Jahrtausendwende mit mehr als tausend Teilnehmern zum weltgrößten Event dieser Art gemacht hatte.

"Schade, dass ich den Jedermann nicht mehr machen kann", sagt er. Das liegt an der Fußball-EM 2008 und dem Umbau des Happel-Stadions, der dazu führte, dass die Leichtathleten eine Weitsprung- und Stabhochsprunganlage verloren. Man erinnert sich an die Laufbahn, die bei der EM in schönem Blau erschien. Werthner: "Nur leider ist das keine echte Laufbahn mehr. Ein guter Teil der Anlagen wurde damals für die Leichtathletik untauglich gemacht."

Der Stammtisch ist also bei der Sportinfrastruktur bzw. bei ihrem Fehlen angekommen. Davon kann auch Schauer ein Lied singen. Wann und ob überhaupt das Wiener Stadthallenbad wieder aufsperren wird, er weiß es nicht. Dass Rogan und Jukic fast überall bessere Möglichkeiten vorfinden als daheim, dass Wasserspringer zum Training ins Ausland fahren müssen, er weiß es. "Jedes deutsche Bundesland hat mehr 50-m-Becken als Österreich."

Gut, in Wien wurde als Notlösung das Stadionbad überdacht, aber wettkampftauglich ist das nicht. Ziel wäre es, sagt Schauer, dass jede Landeshauptstadt ein Langstreckenbecken hätte. "Und jede Bezirkshauptstadt eine Leichtathletik-Einrichtung", fügt Werthner hinzu. Die Wirklichkeit sieht anders aus. "In Linz haben sie eine Halle für Leichtathletik gebaut. Mittlerweile gönnen sie uns dort, aus finanziellen Gründen, nur 48 Trainingstage im Jahr - und das erst ab 17 Uhr."

Schauer spielt auch im ÖOC eine wesentliche Rolle, als Vorsitzender des Sommersportausschusses. Er betont, dass der Sport in Österreich finanziell nicht darbt. Früher sei oft eine Milliarde für den Sport gefordert worden, in Schilling wohlgemerkt, diese Hürde hat der Sport längst übersprungen. "Doch die Frage ist", sagt Schauer, "wie man das Geld aufteilt." Er meint, dass Sportminister Norbert Darabos (SP), der ein neues Fördergesetz durchbringen will, damit ein "Jahrhundertcoup" gelingen könnte. Werthner allerdings meint, "dass diese Milliarde derzeit kaum zu den Sportlern durchsickert". Er selbst sei seinerzeit als 18-Jähriger erstmals mit 800 Schilling monatlich gefördert worden. " Und das hat mir schon einen Ruck gegeben."

Wird die oft zitierte und weit streuende Gießkanne durch einen Schlauch mit starkem Strahl ersetzt? Werthner würde es nicht unbedingt begrüßen, sondern die Kanne schon früher, im Jugendbereich, zum Einsatz bringen. " Die Früherkennung von Talenten müsste viel besser funktionieren." Bei Sportschulen komme, von "Skischulen" wie Stams vielleicht abgesehen, zu wenig heraus. Werthner: "Als Teil des Unterrichts wird der Sport zur Pflicht und nicht zur Leidenschaft. Viele, die solche Schulen verlassen, sind danach sportmüde." Generell liege der Leistungssport nicht vielen Lehrkräften am Herzen. "Die sind eher verschreckt."

Wege zum Wettkampfhunger

Wien gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt, Österreich hat eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenrate, der soziale Friede ist weitgehend noch in den Fugen. Geht es dem Land zu gut, fehlt ihm die Motivation, irgendwohin kommen zu wollen? "So bedingungslos wie früher ist die Motivation bei uns nicht mehr", meint Schauer. "Nicht einmal in den Alpentälern bei den Skifahrern." Werthner pflichtet bei: "Läufer in Kenia haben andere soziale Aufstiegsmöglichkeiten." Aber: "Es gibt auch andere Wege zum Wettkampfhunger. Es gibt immer noch Begeisterung. Und es gibt Kinder, die nicht nur am Computer sitzen."

Schauer sieht sich zugegeben als "Krämer, der seine eigene Ware lobt". Und so betont er noch einmal, dass der Schwimmverband aus den Erfolgen von Rogan und der Familie Jukic etwas gemacht habe. Diese würden vielen als Vorbilder dienen. "Weil du als Spitzenschwimmer die Chance hast, die Miss Austria kennenzulernen oder zum Bundespräsidenten ,Haifisch' zu sagen." Werthner findet das "mediale Übergewicht des Fußballs erschreckend". Schauer sieht eher die anderen Sportarten gefordert. "Sie müssen attraktiv sein, Erlebniswelten kreieren. Medien kann man nichts verordnen, die leben von Quoten."

Der Herr Wirt kommt vorbei und erzählt, er selbst habe zweimal am Jedermann-Zehnkampf teilgenommen, seine ebenfalls im Hollerbusch tätige Schwester Maria ist auch einmal dabei gewesen. Das war ein Welterlebnis. Ob sie noch einmal an den Start gehen würden, sollte der Bewerb ein Comeback in Wien feiern? Alles ist möglich. "Wer in Österreich wirklich will", darüber herrscht Einigkeit bei Werthner, Schauer und den Wirtsleuten, "der kann." (David Krutzler, Fritz Neumann, DER STANDARD, 25. Juli 2012)

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