"Deutschland ist der Einäugige unter den Blinden"

24. Juli 2012, 17:31
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Die Konjunktur trübt sich ein, Moody's senkt den Ausblick für Europas größte Volkswirtschaft. Doch deutsche Anleihen dürften dadurch nicht weniger attraktiv werden

Wien - Die Krise in Europas Peripherie erreicht nun auch die Kernländer der Eurozone. Sowohl die Spannungen am Kapitalmarkt als auch die Wachstumseintrübung machen sich immer stärker bemerkbar. Deutschland, Niederlande und Luxemburg wurden von der US-Ratingagentur Moody's mit einem negativen Ausblick auf ihre Staatsschulden verwarnt. Damit überprüft die Agentur nun eine mögliche Herabstufung. Österreich und Frankreich wurden im Februar mit einem negativen Ausblick versehen. Lediglich Finnland hat damit in der Eurozone ein stabiles AAA bei Moody' s. Die Agentur warnt vor möglichen Zahlungen für künftige Hilfen an Spanien oder Italien sowie dem immer wahrscheinlicheren Austritt von Griechenland aus der Eurozone, der die Budgetsituation in den Euroländern belasten könnte.

Doch auch über der Realwirtschaft ziehen dunklere Wolken auf. Das zeigen etwa die jüngsten Einkaufsmanagerindizes aus der europäischen Industrie, die in Deutschland und Frankreich auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren gesunken sind. Die Daten sind Vorboten für ein düsteres Sommerquartal. In der Eurozone dürfte das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September demnach um ein halbes Prozent schrumpfen. " Deutschland und Frankreich sind nicht immun gegen die Rezession", warnt Ben May, Europa-Ökonom von Capital Economics in London.

Einäugiger unter den Blinden

"Die Krise in Spanien und Italien hat direkte und indirekte Effekte für Deutschland", sagt Simon Junker, Makroökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Einerseits würden die Exporte Deutschlands in die Eurozone zurückgehen. Gleichzeitig würden die Unternehmen mit weiteren Investitionen zuwarten: "Investitionsprojekte werden zusehends auf Eis gelegt. Die Devise lautet: abwarten", sagt Junker.

Die jüngsten Daten aus der Industrie deuten jedenfalls an, dass auch die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal schrumpfen könnte. Dennoch sieht Junker keinen Grund, dass durch eine Herabstufung Deutschlands durch Moody's auch die Zinskosten für Deutschland empfindlich steigen könnten: " Deutschland ist der Einäugige unter den Blinden." Das Land gelte nach wie vor als sicherer Hafen in der Eurozone.

Klamme Regionen

Das kann man von Spanien derzeit nicht sagen. Am Dienstag sind die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen auf ein Hoch von über 7,6 Prozent gestiegen. "Die hohen Zinsen Spaniens sind Gift für die Ökonomie", warnt Guntram Wolff, Ökonom der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Die Realwirtschaft in dem Land werde zusehends in Mitleidenschaft gezogen, denn auch Unternehmen müssen immer tiefer in die Tasche greifen, um an Finanzmittel zu kommen.

Am Dienstag sorgten Berichte für Unruhe, dass eine dritte autonome Region in Spanien zahlungsunfähig werden könnte und Geld von der Zentralregierung braucht. Zudem berichtete die Wirtschaftszeitung El Economista, dass Spanien wegen der hohen Zinsen ein "abgespecktes Rettungspaket" bei seinen EU-Partnern beantragen könnte. Madrid denke an sehr kurzfristige Kredite seiner Partner, um seine Refinanzierung in diesem Jahr zu sichern.

In Griechenland hat die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission ihre entscheidenden Prüfungen der Reform- und Sparfortschritte des pleitebedrohten Landes aufgenommen. Eine endgültige Bewertung wird nicht vor Ende August erwartet. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone steht aber laut Finanzministerin Maria Fekter nicht zur Debatte. "Das wird derzeit nicht diskutiert, wir warten auf den Bericht der Troika." (sulu, DER STANDARD, 25.7.2012)

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