Das Gelobte Land hadert mit den Yuppies

Reportage25. Juli 2012, 05:30
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Seit einem Jahrhundert ist Harlem die kulturelle Hauptstadt des schwarzen Amerika. Das Viertel boomt, mancher sieht Harlem bereits seine Seele verlieren, während der aufstrebende Lokalpolitiker Basil Smikle auf "change" à la Barack Obama setzt.

Der Scharfrichter sitzt in der dritten Reihe. Das eine Mal klatscht er huldvoll Beifall, das andere Mal springt er von seinem Klappsessel hoch und lässt die Hüften kreisen, als wäre das Apollo-Theater ein Tanzsaal. Dann wieder senkt er strafend den Daumen, wie es die alten Römer in den Gladiatorenfilmen Hollywoods tun.

Das Publikum mag zu zwei Dritteln aus Touristen bestehen, aber wie eh und je sind es die Harlemer, die den Bewerb entscheiden bei der Amateur Night im Apollo: eine Jury mit feinem Gespür. Schwarze Stars wie Billie Holiday, Ella Fitzgerald und James Brown haben auf den Brettern der legendären Bühne ihre Karriere begonnen, Michael Jackson wurde hier schon als Jugendlicher bejubelt.

Das Herz Harlems

Das Herz Harlems, sagt man, schlägt im Apollo. Von außen unscheinbar, drei Stockwerke, eine ockergelbe Fassade. Drinnen an den Wänden die Fotos der Großen. Louis Armstrong samt Jazztrompete. James Brown, der " Godfather of Soul", bei einem seiner akrobatischen Spagatsprünge. Das Apollo ist mehr als eine Showbühne, es ist die Seele eines Viertels, das sich als Mekka afroamerikanischer Kultur versteht.

Begonnen hatte es mit der Great Migration des Ersten Weltkriegs, als es die Nachfahren der Südstaatensklaven in immer größerer Zahl in die freiere Luft New Yorks zog, wo im Norden Manhattans die Mieten gerade drastisch fielen. Bis dahin war Harlem ein beschaulicher Vorort deutscher, italienischer und jüdischer Einwanderer. Nach einem Streit zwischen zwei Hausbesitzern vermietete der eine aus purer Boshaftigkeit an afroamerikanische Familien aus dem Armenviertel Hell's Kitchen, worauf die Weißen nach und nach das Weite suchten.

Inoffizielle Hauptstadt des schwarzen Amerikas

Harlem avancierte zur inoffiziellen Hauptstadt des schwarzen Amerika, zum Gelobten Land der Schwarzen, wie es der Kongressabgeordnete Adam Clayton Powell nannte. In den 1960ern und 1970ern verfiel es zum Slum. Nun kehrt die Mittelklasse zurück. Ginge es nach Malcolm X, könnten die Eindringlinge alle wieder verschwinden. "Nenn mich Malcolm X", sagt der Bärtige, der hinter einem Stapel Bibeln an einem Tisch vor dem Apollo sitzt. "Mein richtiger Name tut nichts zur Sache." Will man ihn fotografieren, reckt er die geballte Faust zum Black-Panther-Gruß.

Was ihn ärgert, sind die Lobhudeleien, die in Hochglanzheften über die Gentrifizierung Harlems zu lesen sind, die soziale Aufwertung des früheren Ghettos durch gut verdienende Zuzügler. "Fragt auch einmal jemand nach den armen Kerlen, die verdrängt wurden? Ach, zum Teufel mit der Gentrifizierung."

Neun Straßenblöcke weiter südlich, an der 116th Street, zeigt sich die "gentrification" in Form einer modisch grauen Fassade, gelbe Zacken unter den Fenstern. Das Kalahari, ein zwölfstöckiger Klotz, beherbergt Harlems größte Ansammlung von Luxuswohnungen. 120 der 249 Apartments werden subventioniert, damit aus dem Kalahari keine Yuppie-Festung wird.

Im Marcus-Garvey-Park, der grünen Lunge des Karrees, lassen sich samstags Szenen eines Kulturkonflikts studieren. Seit 43 Jahren versammeln sich in einer Ecke ein paar Dutzend Trommler, um westafrikanische Traditionen zu pflegen, oft bis abends nach zehn. Manchen der neuen Anrainer geht der Lärm auf die Nerven, weshalb sie bisweilen die Polizei rufen.

Frage an Basil Smikle: Lässt die Gentrifizierung Harlems Seele austrocknen? "Das glaube ich nicht. Es ist ja alles noch da, der Jazz, die Gospelchöre, das Apollo", antwortet der 40-Jährige. Lieber spricht er über "die Maschine": alte Seilschaften, die Leute wie er herausfordern. Angeführt werden sie von Charles Rangel (81), der den Stadtteil seit 1971 im US-Repräsentantenhaus vertritt. Rangel erwarb sich bleibende Verdienste in der Bürgerrechtsbewegung, holte zig Millionen Dollar aus der Bundeskasse nach Harlem, aber er hat auch die Korruption wuchern lassen.

Vor zwei Jahren nahm Smikle zum ersten Mal Anlauf gegen die " Maschinisten", indem er Bill Perkins, einem Protegé Rangels, den Sitz im New Yorker Bundesstaatensenat streitig zu machen versuchte. Er verlor. Er wird es erneut versuchen.

"Hat Barack gewartet?"

Smikle ist so etwas wie der frische Wind Harlems: aufgewachsen in der Bronx, die Eltern aus Jamaika eingewandert. An der Columbia University lehrt er Politikwissenschaften. Wenn die alte Garde ihm bedeutet, er möge sich bitte gedulden, er sei noch nicht an der Reihe, kontert er mit dem Beispiel Barack Obamas. "Habt ihr das Barack auch erzählt? Hat er gewartet, bis er an der Reihe war?"

Pensionist Carey Byrd führt Schulklassen durchs Schomburg Center, ein weltweit anerkanntes Zentrum zur Erforschung afroamerikanischer Kultur. Mit Sklavengeschichten und Storys aus der Blütezeit der Harlem-Renaissance illustriert er eine abstrakte Landkarte, die durchzogen ist von blauen Schlängellinien. Vier Flüsse, Euphrat, Nil, Kongo und Mississippi. Pfeile, die von überall her nach Manhattan zeigen, ein Atlas nach den Versen von Langston Hughes. "Alle Wasser dieser Welt fließen zurück nach Harlem", zitiert Byrd den Dichter. Ob Harlem sein Herz verliert? "Ach was", sagt der Rentner und grinst, "dafür gibt es zu viele Unverbesserliche wie mich." (Frank Herrmann, DER STANDARD, 25.7.2012)

  • Der "Scharf- richter" beim Musikwettbewerb im Apollo, wo viele schwarze Stars ihre Karriere begonnen haben.
    foto: herrmann

    Der "Scharf- richter" beim Musikwettbewerb im Apollo, wo viele schwarze Stars ihre Karriere begonnen haben.

  •  Rechts eine Straßenszene in der 125th Street, der Magistrale Harlems.
    foto: herrmann

    Rechts eine Straßenszene in der 125th Street, der Magistrale Harlems.

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