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Politische Reflexion: Faustin Linyekula.
Wien - Oft haben gerade sehr unterschiedlich anmutende Tanzstücke ganz intensive Verbindungen zueinander. Bei Impulstanz sind das zum Beispiel Le Cargo des kongolesischen Tänzers und Choreografen Faustin Linyekula und Philipp Gehmachers Solo with Jack, dessen Uraufführung gerade zu sehen ist.
Was hat es gebracht, zehn Jahre lang umherzureisen und von "leidenden und sterbenden Negern" zu erzählen? Das fragt Linyekula am Beginn Le Cargo im Odeon. Und als ob es eine Antwort auf diese Frage wäre, sagt der österreichische Choreograf Gehmacher in Solo with Jack am Abend darauf im Kasino am Schwarzenbergplatz: "Bald siehst du dich die Berge überschreiten und versuchen, die Welt zu verändern."
Beide Auftritte finden in Repräsentationsräumen aus dem 19. Jahrhundert statt, als die Welt noch eine andere war. Eine afrikanische und eine europäische Stimme. In beiden Arbeiten Tanz, der von intellektuellen Herleitungen kommt: bei Linyekula aus einem dokumentarischen Ansatz, bei Gehmacher aus einem ästhetischen. Hier eine politische Reflexion und dort eine poetische.
Einst hat Europa Linyekulas Heimat Kongo systematisch ausgebeutet. Die westliche Wirtschaft setzt diese Plünderung bis heute fort. Doch der Künstler äußert keine Anschuldigungen. Er geht davon aus, dass, wer seine Stücke sieht, ohnehin Bescheid weiß. Und das spricht der Choreograf an: Wissen erzeugt noch lange kein problemgerechtes Handeln.
Gehmacher und der Wiener Künstler Jack Hauser bewegen sich durch dieses europäische Wissen: auf einer Metaebene. Die kann Gehmacher vergegenwärtigen wie kein anderer. Das Zögern, das Steckenbleiben, die Blockaden in den diversen europäischen Kulturräumen - all das scheint sich in seinem Körper, in dessen Bewegungen zu konzentrieren.
Zwei Männer tanzen in Solo with Jack, und sie tun das nicht allein. In dem gut ausgeleuchteten Raum des Kasino lächeln steinerne Karyatiden auf sie herab, halbnackte Figuren aus der griechischen Architektur, mit dem Tragwerk des Saals auf den Köpfen. Wie Zeuginnen aus der europäischen Vergangenheit schauen sie dem ruhigen, hochkonzentrierten Tun zu.
Linyekula tritt im großen Saal der ehemaligen Wiener Getreidebörse auf. Ein 1945 kriegsbeschädigter, klassizistischer Bau aus den 1880er-Jahren, der die ganze Ambivalenz der europäischen Kultur in sich trägt. Der Kongolese fragt, ob es einen Tanz außerhalb von geografischen, historischen und politischen Zusammenhängen überhaupt geben kann. Er erzählt dann von seinem Geburtsdorf Obilo und davon, wie ein neuer religiösen Fundamentalismus den Ort in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Während Linyekula Sprache und Tanz nutzt, um eine Verbindung zwischen Kongo und Europa zu bauen, arbeitet Gehmacher mit Hauser in Wort und Geste an der Kritik von Sprache, Bild und Auftritt. Beide Stücke sind geglückt. Linyekula hat die Verbindung zwischen seiner Erzählung und dem Publikum erfolgreich hergestellt. Und Gehmacher gelingt es wieder, die Sprache in seinen Zuschauern zu irritieren. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 25.7.2012)
"Solo with Jack", heute, 21 Uhr, Kasino am Schwarzenbergplatz
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