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Berlin - "Wenn man die Realität gründlich genug betrachtet, wenn man völlig in sie eintaucht, wird sie phänomenal": So hat Diane Arbus ihre Erfahrung beim Beobachten ihrer Mitmenschen ausgedrückt. Die Wirklichkeit kommt an die Oberfläche, auch wenn Menschen sie vielleicht verstecken wollen. Arbus hat in ihrer fotografischen Arbeit unerbittlich nach solchen Wirklichkeiten gesucht. Rund 200 Bilder von ihr sind zurzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.
Unter ihnen sind jene, mit denen die New Yorker Fotografin international bekannt geworden ist: der Bub mit Strohhut auf einer Pro-Kriegs-Parade, die identischen Zwillingsmädchen, oder - "ohne Titel" - Gruppen von Insassen einer psychiatrischen Anstalt. Gemeinsam ist ihnen ein Verzicht auf dramatische Gestaltung oder Perspektiven zugunsten eines sehr direkten, frontalen Zugangs - und das Interesse an Randfiguren.
Depressive Phasen
Das wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. 1923 als Diane Nemerov in eine wohlhabende Familie geboren, war sie früh mit den großen Namen der Lichtbildnerei vertraut. 23-jährig eröffnete sie mit ihrem Mann Allen Arbus ein kommerzielles Studio, arbeitete für Modemagazine und konzentrierte sich ab den 1960er-Jahren auf Schwarz-Weiß-Arbeiten für Ausstellungen. In dieser Zeit machten sich erste depressive Phasen bemerkbar, und es lässt sich darüber spekulieren, ob und wie weit ihre Innenwelt für Sujets und Stil verantwortlich war.
Die Berliner Schau, weder thematisch noch chronologisch streng geordnet, legt eine andere Betrachtung nahe. Sie betont das Nebeneinander von Zugängen, manchmal beinhart, manchmal vorsichtig, von Serien wie für Magazine geschaffen bis zu genauen und dank des Mittelformats sehr fein durchzeichneten Porträts. Freaks, Patienten, Nudisten, Transvestiten zogen sie an, und sie näherte sich ihnen ohne Unterlass. Als sie sich 1971 das Leben nahm, fand man Tausende von Negativen in ihrem Nachlass.
Eine bemerkenswerte Privatsammlung ist anzukündigen und in der Auguststraße in Berlin-Mitte ebenfalls bis September zu besichtigen. Zu Tausenden stehen Figuren in den großen Hallen des Me Collectors Room: Roboter, Star Wars-Krieger, Manga-Puppen und verzierte Politiker, Trash-Monster und Kitschzwerge.
Der aus der Türkei stammende Düsseldorfer Unternehmer Selim Varol (39) schätzt, dass er 15.000 von ihnen angesammelt hat, aus Freude am Spiel, später auch aus Neugierde auf die Kunst, die in diese Plastikwelt eingezogen ist. "Art & Toys" umfasst etwa ein Fünftel seiner Kollektion. Künstler wie Banksy haben Hand an Designer-Toys angelegt, Warhol und Koons haben Skateboards bemalt. Dazu sind die Wände zugepflastert mit Drucken von (Street)Artists, etwa mit Shepard Fairys "Hope"-Plakaten für Obama. Unübersehbar ein ganzes Schiff voller lebensgroßer Puppen, ebenfalls im Fahrwasser von Kunst-und-Spiel: hier die Beatles, dort Mao, alle mit Bärli- oder Micky-Maus-Ohren.
Das mag alles Mögliche sein, nur nicht ernst. Die Kraft einer teils anarchischen, teils engagiert politischen Popkultur ist dennoch zu spüren. Varol hat sich einen Traum verwirklicht und damit eine globale Kunstszene gebündelt. Er fühlt sich "fast überall zu Hause". Den Besucher lädt er ein, Gleiches zu tun. (Michael Freund, DER STANDARD, 25.7.2012)
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