Beschneidung: Kastrationskomplex mit neuem Dreh

Kommentar der anderen | Andrea Roedig, 24. Juli 2012, 17:00

Die Beschneidungsdebatte ist indirekt auch von den Skandalen um sexuellen Missbrauch in der Kirche beeinflusst. Sie zeigt einen veränderten Blick auf männliche Sexualität. Es geht dabei nicht nur um Körperverletzung, sondern auch um Empathie

Ist die heftig ausgetragene Diskussion um die Rechtmäßigkeit ritueller Beschneidung von Jungen eine "pornografische Debatte", wie Henryk M. Broder meint? Sicher, alles was sich in der Umgebung heikler Körperzonen abspielt, verkauft sich gut und stößt mit schöner Regelmäßigkeit auf ausgiebiges mediales Interesse. Auffällig oft entzünden sich die Auseinandersetzungen um die Grenzen der Religionsfreiheit an Fragen der Geschlechtlichkeit, auch der Kopftuchstreit wurde ja mit Argumenten der Unterdrückung der Frau, also letztlich als geschlechterpolitische Debatte geführt.

Nun also steht das prekäre Symbol männlicher Macht und Niederlage auf der Tagesordnung. Dass sich in der deutschen Besorgnis ums jüdisch-muslimische Gemächt aber in eine alte Angst vor der Potenz des beschnittenen Mannes spiegelt, wie Broder meint, ist ein frommer Wunsch und nur die halbe Wahrheit. Denn die antisemitisch-sexistischen Projektionen gegenüber Juden waren immer ambivalent, sie stellten den Juden als potent, pervers, aber auch als homosexuell und weibisch dar.

Sigmund Freud meinte, "das dem Juden und dem Weibe Gemeinsame sei die Beziehung zum Kastrationskomplex". Der Jude als beschnittener Mann erinnert an die Frau, das Schreckbild der vollzogenen Kastration. Es ist eben der eigenartige Effekt von Angst und Abwehr, dass sie doppelbödige Fantasmen erzeugen, in denen Symbole wie Kippbilder immer auch in ihr Gegenteil umschlagen. So kann die Zirkumzision zugleich Potenz und Impotenz bedeuten, je nach Perspektive.

"Rituelle Kastrationsandrohung"

Interessant an der gegenwärtigen Debatte ist aber nicht das alte Spiel des Kastrationskomplexes, sondern die Wendung, die es nimmt. Mit Vehemenz haben sich diesmal Psychotherapeuten zu Wort gemeldet und über das bloß juristische Argument der Körperverletzung hinaus die möglichen seelischen Folgen des Eingriffs betont. Der Arzt und Psychoanalytiker Matthias Franz spricht in der FAZ von "ritueller Kastrationsandrohung", er rückt die Beschneidung in die Nähe sexueller Gewalt und sieht in der " kollektiven sexualtraumatischen Erfahrung" der Knabenbeschneidung auch eine Ursache für Frauenunterdrückung und übertriebenen männlichen Ehrbegriff. Auch der Therapeut Wolfgang Schmidbauer findet in der Süddeutschen Zeitung drastische Worte für das "inhumane" Verfahren, das ganz klar traumatisierend sei. Er scheut - als Einziger - auch den Vergleich mit weiblicher Genitalverstümmelung nicht.

Das Beschneidungsritual schürt offenbar Kastrationsängste, und dem scharfen Ton nach zu urteilen bedroht es gleichermaßen beschnittene wie unbeschnittene Männer. Dass darüber aber offen gesprochen wird, ist neu. Vor zehn Jahren wäre eine breite Diskussion über mögliche traumatische Folgen der männlichen Beschneidung überhaupt nicht möglich gewesen. Man merkt der Debatte heute an, wie viele sensible Themen mittlerweile durch die Diskursmaschinerie gelaufen sind. Vor allem der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche vor zwei Jahren hat eine empathische Perspektive aufs Kind forciert und das Bild männlicher Sexualität verändert. Mittlerweile können Buben und Männer auch Opfer sein.

Man mag sich über die Einlassungen der Psychologen mokieren, wie etwa Harald Martenstein, der den unglücklich beschnittenen Männern zur plastischen Chirurgie rät. Und natürlich ist der von Freud propagierte Kastrationskomplex auch eine mythische Kategorie. Trotzdem sind die psychologischen Einwände ernst zu nehmen, vor allem der dringende Hinweis darauf, dass das Alter, in dem die Beschneidung stattfindet, entscheidend sei. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt der diffusen Körperwahrnehmung ist sie definitiv weniger verstörend.

Juristisch bald geschlichtet

Der juristische Streit um die Beschneidung wird aller Voraussicht nach rasch beendet werden. Die deutsche Bundesregierung hat angekündigt, so schnell wie möglich für Rechtssicherheit zu sorgen. Tatsächlich wäre der politische Flurschaden enorm, den ein Beschneidungsverbot anrichten würde, und daher wird man in der Güterabwägung zwischen der körperlichen Unversehrtheit des Kindes, dem Erziehungsrecht der Eltern und der Religionsfreiheit wohl rasch eine Regelung zugunsten der Religionsfreiheit finden.

Aus der "pornografischen" Seite der Debatte könnte man aber gelernt haben, dass es bei der Beschneidung nicht nur um Körperverletzung oder Markierung durch Religion geht, sondern auch um den symbolischen Umgang mit Sexualität und die zivilisatorische Wirkung von Empathie. Tatsächlich wäre ja zu fragen, ob Geschlecht durchs Stahlbad initiierender Verletzung hindurch muss. Sie nährt ja allererst das Fantasma von Potenz und Impotenz.

In seinem Roman Die Beschneidung beschreibt der ungarische Schriftsteller György Dalos einen kleinen pummeligen jüdischen Jungen, dessen Zirkumzision versehentlich verzögert wurde. Mit der Unterstützung seiner Großmutter gelingt es ihm, zu retten, was zu retten ist. Dieser individuelle Sieg über den Ritus macht ihn nicht zum Mann, sondern zum Menschen. Bei allem Respekt für religiöse Sitten: Das klingt nach einer sympathischen Alternative. (Andrea Roedig, DER STANDARD, 25.7.2012)

Andrea Roedig ist Philosophin und leitete von 2001 bis 2006 die Kulturredaktion der deutschen Wochenzeitung "Freitag". Seit 2007 lebt sie in Wien.

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Ich will mal die freudschen Mythen in Frage stellen (mit großem Respekt)

Mädchen haben nach meiner Beobachtung von Natur aus eine gefestigtere Geschlechteridentität dahingehend, als dass sie bereits im frühen Alter wissen - ich kann Mutter werden - und damit hat mich die Natur zu einer höchst bedeutsamen - ja heilige Aufgabe ermächtigt - ganz einfach so - ohne irgend eine Autorität - ohne Stempel etc.

Juingen hingegen ringen vielmehr mit dem, was Mann sein denn nun von ihnen verlangt - und wann sie denn ein 'richtiger Mann' sind, sang ja auch schon Grönemeyer 'Wann ist ein Mann ein Mann'.

Die Beschndg. macht aus dem kleinen Schniedel auf jeden Fall einen heiligen BimBam - vielleicht die Ursache für die von Psychotherapeuten konstatierten patr. Sexismus und Bed. der Unterwerfung der Natur.

der Staat wird sich beugen und damit auch das Recht,

denn: wenn heute Zweigeschlechtliche Menschen darum kämpfen, dass sie nicht schon als kleine Kinder auf EIN Geschlecht zurechtgeschnitten und mit Hormonen zugestopft werden, dann ist das wohl eine Seite der Medaille. Die andre: Buben werden weiterhin verstümmelt, weil des die "Familie" so will.
Punkt.
Und wie dann auch noch die Genitalverstümmelung von Mädchen verhindert werden soll - rein rechtlich nämlich - ist ebenfalls streng zu hinterfragen! Hier ist wohl in der Folge der rechtlichen Zulässigkeit der Körperverletzung an den Buben eine Aufweichung des Verbots zu befürchten.

zustimmung - die vornahme von verstümmelung am geschlechtsteil damit der betroffene ein leben lang vor augen hat welcher religion er gefälligst angehören soll und die verteidigung dieser handlung von religionsvertretern ist so irre dass man es fast nicht glauben kann im jahr 2012.

Tausende Jahre veraltet!

Unfassbar, dass manche Religionen nicht an ihre Götter glauben können, ohne an den Genitalien von Kindern (und Erwachsenen) herumzuschnipseln! Müssen wir froh sein, dass es heute keine Maya und Azteken mehr gibt mit ihren noch schlagenden Herzen als Götteropfer???

Wann werden diese Verstümmelungen endlich verboten oder zumindest verschoben auf das Erwachsenenalter, sodass die Gläubigen selbst entscheiden können?

"Dieser individuelle Sieg über den Ritus macht ihn nicht zum Mann, sondern zum Menschen. "

Muss das wirklich sein, dass Frau Roedig hier Steinzeit-Alternativen aufspannt und damit implizit sagt, dass ein Mann kein Mensch ist?
Im Übrigen ist ihre Sicht, was Beschneidung bei/für Jungs bedeutet, doch etwas knapp im Horizont. Vielleicht kann dies hier selbigen etwas erweitern: http://www.youtube.com/watch?v=U5kaEEckXmU

es geht aber nicht um religion, sondern um das kulturelle verständnis der rolle der familie

bezüglich dem staat, der gemeinde, und dem existenzkampf.

in den meisten ländern im westen ist es unmöglich, die beschneidung von kindern zu verbieten, und das hängt stark mit dem familienverständnis zusammen.

bsp in den USA würde solch ein ansinnen als kommunistische agenda verteufelt, die die familie zerstören will, und den menschen zum eigentum des staates erklärt, der über die kultur gebieten will.
dh die bürgerrechtler setzen sich in diesem punkt nicht durch, meiner meinung zu recht, ein verzicht auf diese kulturelle praxis muss von innen kommen.
es geht genauso um christliche familien.

wissen Sie, mir ist die religion wurscht.
glauben Sie was immer Sie wollen
erziehen Sie die kinder, wie immer Sie wollen
nur schlagen dürfen Sie sie nicht, und einsperren, sie dürfen für Sie nicht arbeiten gehen, sondenr gehören in die schule. das sind die vorgaben dieser kultur.
und es das beschnedingsverbot bei mädchen, udn hoffentlich auch bald bei burschen, unabhängig der religionszugehörigkeit.

denn auch die religionen haben sich innerhalt der gesellschaft zu bewegen, in der deren mitglieder leben.
und ich seh nicht ein, warum sich der rechtsstaat einer religion beugen soll.

Broder hat die Diskussion ins Pornografische, Geschlechtliche gerückt. Damit wollte er sie samt einem uralten Witz ins Lächerliche ziehen.

Roednig fühlt sich gedrängt, ihm zu antworten. Aber statt dass sie ihm die Kopf zurechtrückt, kommt sie mit dem Antisemitismus daher. Der darf natürlich nicht fehlen. Damit ist die Debatte nicht mehr ins Lächerliche, sondern ins hoch Ersthafte und Undiskutierbare gerückt worden.

Mission erfüllt?

Ich könnte mir vorstellen, dass europäische Juden, die in Europa also sozialisiert sind, einen Loyalitätskonflikt erleben zwischen ihrem Staat und ihrer Thora als zwei im Punkt der Beschneidung einander widersprechende Regelsetzer. Wie erleben die das?

wenn man sich ausschließlich über seine religion definiert ( welche auch immer!) kommt jede kritik bzw. infragestellung dieser, einem persönlichen angriff gleich.
um so mehr sollte religion privatangelegenheit sein und den geltenden gesetzen eines landes untergeordnet. trennung von kirche u. staat - religionsfreiheit im rahmen der gesetze.

Ja, eh. Passt.

seit der Erfindung von Wasserleitungen und Seife ist die "Hygiene" kein Argument mehr.

also bleiben nur "medizinische Indikation" (Phimose, HIV-Prävention), "Ästhetik" und Ritus/Tradition (religiös/Initiation).

die Präventionswirkung gegen HPV und HIV ist ziemlich umstritten, die "Ästhetik" ist kein Grund (wer sich "schönoperieren" lassen will sollte zuerst zum Psychiater geschickt werden) und der Ritus/die Tradition schon garkeiner.

was bleibt?

eine OP die so sinnvoll ist wie eine Fettabsaugung, jeglicher Notwendigkeit entbehrt und aus Gründen die irgendwie irgenwann von irgendwem überliefert wurden durchgeführt wird.

dass man dabei ein Organ eines Kleinkindes mutwillig beschädigt spielt keine Rolle weil "die eh nix mitkriegen".... für mich klingt das sehr beschönigend...

damit Eltern die Penisse ihrer Söhne gefallen???

Religion/Ritus ist durchaus ein Grund. Es ist für Nichtreligiöse schwer nachvollziehbar, aber für gläubige Menschen kann Religion als Thema so wichtig und lebensbestimmend sein wie Gesundheit oder Sexualität oder sogar noch einmal ungleich wichtiger. Beim Rest stimme ich Ihnen zu, das sollte bei Kindern kein Thema sein.

Tja, die Verdrängung (und nix andres ist Religion) ist ein Hund!

Religion/Ritus ist DESHALB kein Grund

weil die GRENZEN der Religionsfreiheit längst aufgezeigt wurden.

Dort wo die "Religionsfreiheit" - man sollte sie Religionsausübungsfreiheit nennen, denn frei von Religion ist man auch nur an wenigen Orten - an strafrechtliche oder durch den Konsens der "Menschenrechte" entstandene Normen stößt.

Das beste Beispiel ist die Beschneidung von Frauen und Mädchen.

Ritus ist nachweislich KEIN gültiges Argument um das Recht auf körperliche Unversehrtheit zur Diskussion zu stellen.

Wer meint seine Tradition schreibe es vor dass seine/ihre Tochter beschnitten würde kann sich beim nächsten Besuch des Mädchens beim FA eines besseren belehren lassen.

Ihrer Logik nach wäre ein Menschenopfer (Isaak) ein "legitimer" Mord, dank der Religionsfreiheit...

"Zu einem sehr frühen Zeitpunkt der diffusen Körperwahrnehmung ist sie definitiv weniger verstörend".

Sorry, das ist eine typische Laienannahme, die jeder Grundlage entbehrt.

Solche Dinge aus religiösen Gründen zu machen, finde ich total verwerflich und sollte nciht erlaubt werden. Ich befürworte es ausschließlich aus medizinisch-hygienischen Gründen und auch - aber das ist Gustosache - weils einfach appetitlicher ausschaut als das runzlige Schmandsammelding am Ding des Mannes. :-)
Jetzt kriege ich natürlich wieder Rot von allen Seiten, aber wieso sollte ich meine ganz persönliche Meinung hier nicht sagen dürfen? Ich kannte unhygienische Männer, bin eh davongelaufen..., aber ein leichte Traumatisierung ist mir da wohl geblieben.... Sowas kann einen diesbezüglich echt prägen und ich bin bestimmt nicht die einzige.

als Frau das zu schreiben kann man akzeptieren

...aber nicht aus religiösen Grundsätzen kann man Babys die paar Zentimeter weg zu schneiden bevor sie großjährig sind - dann können sie selbst entscheiden.

Aber damit sie ungefähr wissen was ein Mann an diesen paar Zentimetern fühlt - es wäre so als wenn sie die Lippen entfernen würden.

Ich kenne beschnittene Männer aus intimster Erfahrung und die sind so glücklich ohne das runzlige Ding wie ich es mit ihnen war! :-)
Woher wollen Sie wissen, wie sich ein Mann ohne Vorhaut fühlt? Un woher, was eine Frau mit Lippen (ich nehme an, Sie meinen nicht die am Mund?) oder ohne fühlt? Sie mutmaßen doch nur, doch ich hatte Sex mit beschnittenen Männern und zwar sehr guten, der beiden gefiel! :)

nein ich meinte die Lippen am Mund

...als Frau können Sie NIEMALS verstehen was ein Mann mit Vorhaut fühlt, genauso wie ein mann der in seiner Jugend bereits zwangsbeschnitten wurde.
Übrigens es gibt schöne Frauen und davon hat ein Mann sehr wenig wenn das Liebesleben dazu fehlt -

Sie reden total an mir vorbei, wieso palawerns jetzt was von Schönheit daher? Und meine Frage, woher SIE wissen wollen, wie sich der Unterschied anfühlt, sinds natürlich auch nicht eingegangen.... Na, lassen wir es. Baba!

wenn sie ein mann wären wüssten sie es - die vorhaut ist nämlich beweglich - und zurückgeschoben ist es so als wäre mann unbeschnitten. dass die vorhaut nach hinten rutscht passiert auch manchmal - und das reiben der eichel am stoff ist denkbar unangenehm - frau könnt es sich so vorstellen als ob die trockene klitoris mit einem stück stoff abgerubbelt würde.
natürlich stumpfen die nerven mit der zeit ab - gibt aber auch berichte wo beschnittene männer nach jahrzehnten probleme mit wundreiben haben.
da beim gv die vorhaut eh verschwindet ist es für frau gefühlsmässig egal welches glied in ihr steckt, wichtiger ist wohl der mann der dranhängt :-).

Mir gehts nur um die Hygiene, lesen Sie was ich weiter unten gechrieben habe, wenn Sie es bis jetzt nicht verstanden haben, worum es mir geht!

kratzen hilft, waschen nützt ...

hiiiilfe sind wir hier wieder im mittelalter?

wie meine sie das - muss sich ein beschnittener weniger oft waschen, oder vorm sex gar nicht?
ich dank da würden sich einige faule eine beschneidung überlegen :-)

das ist eine entscheidung jeden einzelnen mannes
Sie mögen für sich bestimmen, dass ein beschnittener penis Ihrem gusto entspricht. passt, keine sache. manche männer lieben große brüste, soll auch vorkommen.
aber die entscheidung sich die brüste zu operieren oder nicht, sollte aus eigenem interesse und nicht weils dem derzeitigen freund so besser gefällt getroffen werden, und ähnliches gilt für mich auch beim mann.
manche männer und manche frauen bevorzugen halt das nett verpackte.
andere so wie Sie das vorgeschnittene
so
und beide dürfen das
nicht dem anderen antun
weil es in dem fall die entscheidung des mannes ist.

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