"Wir alle sind viele Figuren in einer einzigen"

Gespräch24. Juli 2012, 18:19
4 Postings

August Diehl spielt ab Samstag die Titelrolle in Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" bei den Salzburger Festspielen

Im Gespräch mit Ronald Pohl erzählt der Schauspieler über seine Erweckung zur Wahrhaftigkeit auf der Bühne.

STANDARD: Kleists Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" gibt Rätsel auf: Ein junger Offizier wird wegen Leichtsinns von seinem Fürsten zum Tode verurteilt. Er fällt daraufhin aus allen Wolken und empfindet Angst. Wie bildet man diese Spannweite ab?

August Diehl: Ich weiß nicht, ob Homburg nicht sogar ein "einfaches" Stück ist. Der Titelheld enthält viele Figuren in einer. Ich halte das für sehr unkünstlich. Wir alle sind viele Figuren in einer einzigen. Wir verhalten uns einmal so, einmal so. Nur weil uns von außen immer der Eindruck vermittelt wird, dass wir ein und derselbe Mensch seien, hegen wir die Illusion, dass wir es wirklich sind.

STANDARD: Kleists Sprache dröhnt noch dann, wenn sie intimste Seelenregungen abbildet.

Diehl: Bei Homburg wechseln die Situationen und Zustände fast pathologisch schnell. Überhaupt ist das ein sehr schnelles Stück. Nicht trotz Kleists Sprache, sondern gerade ihretwegen.

STANDARD: Aber ihr eignet doch etwas Gewalttätiges?

Diehl: Sie wechselt ähnlich schnell wie die Figuren. Von etwas Alltäglichem in die größte Poesie und wieder zurück: im höchsten Tempo. Die Person Kleists ist ja ebenso schwer greifbar, weil er so viel in sich vereinte. Die Soldatenlaufbahn mündete in die Poesie, aber er war auch Journalist und Unternehmer, und das alles innerhalb einer relativ kurzen Lebenszeit. Kleists Sprache mutet zum einen sehr fremd an, tönt von weither, und klingt im nächsten Augenblick sehr vertraut. Dieses Verhältnis wechselt manchmal innerhalb von Sätzen. Die Figuren haben alle etwas Gefährliches: Sie sind zugleich hochpolitisch und hoch privat. Das ist etwas, was uns sehr entspricht. Das alles passiert vor, während und nach Schlachten.

STANDARD: Das ist befremdlich?

Diehl: Wir leben, auch wenn wir nicht daran beteiligt sind, im Krieg. Nach meinem Gefühl steht es immer Spitz auf Knopf. Auch wenn wir in einer scheinbar heilen Welt leben. Das tun die Figuren im Homburg ja auch. Sie erleben Kriege, die nichts anderes tun, als weitere Kriege vorzubereiten. Vielleicht sind die alten Brandenburger von uns ferngerückt, aber das Grundgefühl teile ich. Ewige Friedenszeiten kennen wir doch gar nicht: etwas lange Währendes wie den römischen Frieden.

STANDARD: Krieg ist der Normalzustand?

Diehl: Und Kleist hat in diesem Zustand gelebt. Homburg besitzt etwas Gedrängtes, Fragmentarisches. Auf mich wirkt das Stück fast wie ein Kanonenschuss. Manche Szenen sind wie Zwei- oder Ringkämpfe geschrieben.

STANDARD: Ihre ersten Theatererfolge haben Sie unter der Regie von Peter Zadek gefeiert. War er Ihr Theatererzieher?

Diehl: Zadek war für mich eine zentrale Bezugsperson. Ich kam direkt von der Schauspielschule und traf auf diesen Mann. In Wahrheit habe ich nur drei Stücke mit ihm gemacht. Aber durch Zadek habe ich zu proben gelernt. Durch ihn lernte ich, dass das Betreten der Bühne etwas Gefährliches ist, verbunden mit einem Gefühl absoluter Freiheit.

STANDARD: Inwieweit gefährlich?

Diehl: Bei Zadek ging es gar nicht so sehr um die Verwandlung. Er wollte wissen, wie das ist, wenn sich ein Mensch schämt oder peinlich wird. Es gab Proben, nach denen er sagte: " Das war wunderbar heute!" Wenn man aber am nächsten Tag dasselbe tat, sagte er: "Ja, das war gestern wunderbar, aber nicht heute." Man lernt dadurch, dass sich das Theater unentwegt bewegt und verändert. Zadek hatte etwas von einem Voyeur, im künstlerischen Sinne.

STANDARD: Gert Voss hat einmal erzählt, dass Zadek während der Probenarbeiten oft wochenlang kein Wort zu ihm sprach.

Diehl: So fing das auch bei mir an. Ich war Theaterarbeit noch nicht gewohnt und dachte: "Der Alte spricht nicht mit mir!" Zweieinhalb Wochen, ohne dass er je ein Wort an mich gerichtet hätte. Dann sagte er plötzlich: "Du, Knabe, kannst du mal anfangen zu proben?" - Darauf ich: " Ich tue doch seit zweieinhalb Wochen nichts anderes!" - Zadek: "Nein, du versuchst mir seit zweieinhalb Wochen zu beweisen, dass du ein guter Schauspieler bist. Das interessiert mich nicht. Jetzt mach doch mal was. Kack in die Ecke!" Das sind Sprüche, die eine unglaubliche Vorgabe bilden.

STANDARD: Worin bestand die Freiheit?

Diehl: Du konntest eine Miniszene auf zweieinhalb Stunden ausdehnen. Oder du konntest Dinge probieren, die gar nicht im Sinne des Stückes waren. Letztendlich waren die Menschen, die er engagiert hatte, das Stück, das er machen wollte. Es ging bei Zadek nie darum, "gut" zu sein. Man musste zeigen, was man denkt - dass man da ist, präsent ist. Das hatte zum Teil unglaublich auswuchernde Ergebnisse von Exhibitionismus und Wildheit zur Folge.

STANDARD: Wer waren Ihre anderen Theaterbildner?

Diehl: Der andere Mensch, der mich berührt hat, war Klaus Michael Grüber. Bei Zadek habe ich gelernt, was ein Schauspieler auf der Bühne macht. Von Grüber habe ich gelernt, was Theater ist. Ich traf niemals wieder einen Menschen, der so zart und so brutal im selben Moment sein konnte. Grüber lief wie ein Riss durch die Welt. Das hatte etwas Gefährliches - und Gefährdetes. Mit Andrea Breth treffe ich jetzt auf eine Regisseurin, die das ebenfalls hat. Und die bereit ist, das mit mir, mit uns zu teilen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 25.7.2012)

August Diehl (36), Sohn eines Schauspielers und einer Kostümbildnern, avancierte in den späten 1990er-Jahren zum Filmstar. Heute spielt er im Quentin-Tarantino-Streifen "Inglourious Basterds". Peter Zadek entdeckte ihn 1998 ("Gesäubert") für das Theater.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    August Diehl, längere Zeit auch am Wiener Burgtheater beschäftigt, trifft in Andrea Breths "Homburg"-Inszenierung im Salzburger Landestheater auf Kollegen wie Andrea Clausen, Katharina Lorenz, Peter Simonischek und Udo Samel. Die Inszenierung wandert im Herbst nach Wien.

Share if you care.