Architekt Johann Georg Gsteu wird 85

  • Johann Georg Gsteus Architektur: "Innovativ durchdacht und durch konsequente Verarbeitung spezifischer Materialien zur Form gelangt."
    foto: apa/eva gsteu-kirschbaum

    Johann Georg Gsteus Architektur: "Innovativ durchdacht und durch konsequente Verarbeitung spezifischer Materialien zur Form gelangt."

Der Holzmeister-Schüler errichtete in Wien die Stationsbauten der U6-Erweiterung und den Nordsteg. Kürzlich wurde er mit dem Josef-Lackner-Preis ausgezeichnet

Der in Wien lebende Tiroler Architekt Johann Georg Gsteu feiert am Donnerstag seinen 85. Geburtstag. In Wien hat der Holzmeister-Schüler unter anderem Wohnhäuser, Bankfilialen, Stationsbauten der U6-Erweiterung und den Nordsteg errichtet. Für Friedrich Achleitner, den Doyen der heimischen Architekturkritik, gehört Gsteu, der 1968 den Österreichischen Staatspreis für Architektur und 1976 den Architekturpreis der Stadt Wien erhalten hat, "trotz geringer öffentlicher Präsenz zu den zentralen Figuren der Architektur der Zweiten Republik".

"Vor allem seine innovativen Designelemente - wie das berühmte Trapezblech aus Aluminium - und seine zukunftsorientierten Urbanisierungsideen - wie die (nicht realisierte, Anm.) Freilegung des Wienflusses auf dem Karlsplatz in Wien - machen ihn zu einem wichtigen Vordenker für die österreichische Architekturszene", hieß es vor wenigen Wochen anlässlich der Verleihung des Josef-Lackner-Preises der Fakultät für Architektur an der Universität Innsbruck, wo Gsteu von 2000 bis 2005 als Gastprofessor tätig war.

Von Kirche bis Zentralsparkasse

Johann Georg Gsteu wurde am 26. Juli 1927 in Hall in Tirol geboren und absolvierte zunächst die Fachschule für Holzbildhauer in Hallstatt und die Bundesgewerbeschule in Salzburg. 1950 bis 1953 studierte er an der Wiener Akademie der bildenden Künste in der später legendär gewordenen Klasse von Clemens Holzmeister. Aus ihr gingen so prominente Baukünstler wie Hans Hollein, Gustav Peichl, Wilhelm Holzbauer oder Johannes Spalt hervor. Erste Aufträge kamen aus dem kirchlichen Bereich: Gemeinsam mit Friedrich Achleitner plante Gsteu 1956 bis 1958 den Umbau der Rosenkranzkirche Wien-Hetzendorf, gemeinsam mit der "Arbeitsgruppe 4" (Holzbauer, Kurrent und Spalt) das Seelsorgezentrum Steyr-Ennsleiten (1958-61).

In den 1960er-Jahren realisierte Gsteu u.a. ein Seelsorgezentrum in Wien-Baumgarten und eine Sommerunterkunft für das Bildhauer-Symposium im burgenländischen St. Margarethen, in den 70ern errichtete er für die damalige Zentralsparkasse markante Zweigstellen. Es folgten einige Wohnbauten wie die Wohnhausanlage Josef-Bohmann-Hof (1978) und schließlich der Auftrag für die Errichtung der Stationsgebäude der U6-Verlängerung in den Süden, für die er mit maschinell verformten Aluminium-Trapezblechen einfache, doch einprägsame Formen geschaffen hat. Sein leuchtend gelber, markant geschwungener Nordsteg über die Donau diente zunächst als Ersatz für die Nordbrücke während deren Sanierung und steht seit 1997 ausschließlich Fußgängern und Radfahrern offen.

Innovativ und konsequent

"Bei seiner letzten großen Arbeit bildet Gsteu in einem exquisiten funktionalen wie ästhetischen Bau der Alltagskultur, dem Wiener Müllzentrum am Meidlinger Markt von 2006, jene Thematik, die ihn seit Beginn der über 50-jährigen Planungstätigkeit beschäftigt: Innovativ durchdachte Architektur, die durch konsequente Verarbeitung spezifischer Materialien zur Form gelangt", heißt es in der von Claudia Enengl verfassten und 2010 im Verlag Anton Pustet erschienenen einzigen Monografie zum Werk Gsteus.

Seit 2007 beschäftigt sich Gsteu vor allem mit Stahlskulpturen, bei denen er genormte Stahlprofile aus dem Hallenbau verwendet. Und so wurde bei der Eröffnung einer Ausstellung in der Wiener Galerie Chobot im Vorjahr "die Entdeckung eines neuen, eines jungen Bildhauers" (Eröffnungsredner Alfred Weidinger) gefeiert. (APA, 24.7.2012)

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