"Prüfungen machen das Lernen kaputt"

Interview25. Juli 2012, 10:35
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TU-Professor Purgathofer über Prüfungsstress, die Faszination von Computern und warum er seinen Titel privat kaum verwendet

Keine Tests, keine Deadlines: Wer eine Vorlesung bei Peter Purgathofer am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der Technischen Universität (TU) Wien absolviert, braucht keine Angst vor Prüfungen zu haben. Purgathofer setzt auf ein Portfoliosystem: Die Studenten müssen mehrere kleine Arbeiten während des Semesters abgeben, daraus setzt sich dann die Note zusammen. "Man erfährt eine Erkenntnis, den Aha-Effekt", erklärt er im Interview mit derStandard.at seine didaktische Herangehensweise.

Purgathofer unterrichtet seit 20 Jahren an der TU und ist durch den Informatikerstreik in den 1980er Jahren in die Position des Lehrenden gekommen. Er sieht allerdings auch Schattenseiten seines Jobs: schrumpfende Budgets und mühsame Anträge, die man für die Lukrierung von Drittmitteln verfassen muss. Warum man die heutige Generation, die mit Computerspielen aufgewachsen ist, anders unterrichten muss als Studenten vor 20 Jahren, sagt der Informatiker im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Sie haben bei Lehrveranstaltung - auch mit mehreren hundert Hörern - die Prüfungen am Ende des Semesters abgeschafft. Wieso?

Purgathofer: Ich halte Prüfungen für kontraproduktiv zum Lernen. Mir geht es um richtiges, authentisches Lernen. Deswegen ist es notwendig, in allen Lehrveranstaltungen Formen der integrierten Bewertung und Beurteilung zu finden. Die Studenten sollen gefordert werden, sollen sich substanziell mit den Dingen beschäftigen. Die Modelle, die wir in der Lehre verwenden, sind leider noch nicht besonders nachhaltig. Wir müssen hier noch wesentlich mehr Arbeit hineinstecken.

derStandard.at: Wie kommen Ihre Studenten zu einer Note?

Purgathofer: Es gibt keine Prüfungen, Tests und Deadlines. Wir verwenden in den großen Vorlesungen ein Portfolio-System. Die Studierenden müssen uns durch kleinere Abgaben zeigen, dass sie etwas gelernt haben. Dazu stellen wir ihnen eine Reihe von Aktivitäten und Exercises zur Verfügung, die zum Teil unabhängig von der Lehrveranstaltung sind, zum Teil sehr eng an den Inhalten hängen. Es geht nicht darum, viele Stunden Arbeit hineinzustecken, sondern das sind Aufgaben, die sich im Halb- bis Zwei-Stunden-Bereich bewegen, so dass man das auch einigermaßen schnell und effizient anschauen und evaluieren kann. Das hat sich aber leider noch nicht bewahrheitet, wir sind noch weit entfernt davon.

Im Moment ist es so, dass wir am Ende des Semesters einen riesigen Überhang an zu bewertenden Abgaben haben. Damit sind die Studierenden natürlich zu Recht nicht sehr zufrieden. Didaktisch wäre es richtig, den Leuten das schnellstmögliche Feedback zu geben. In diesem Portfolio-Konzept ist auch explizit vorgesehen, dass die Studierenden, wenn sie eine Aufgabe falsch machen, sie wiederholen können. Darin liegt ja auch das Lernen. Man erfährt eine Erkenntnis, den Aha-Effekt, also das Verständnis dessen, was da eigentlich dahintersteckt. 

derStandard.at: Und warum erfährt man diesen Aha-Effekt bei Prüfungen nicht?

Purgathofer: Ich glaube, dass Prüfungen das Lernen kaputt machen. In einer Lehrveranstaltung sind die Hörerinnen und Hörer normalerweise von Anfang an darauf fokussiert, was eigentlich notwendig ist, um die Prüfung positiv zu absolvieren. Daher geht es das ganze Semester darum, diejenigen Inhalte aufzunehmen, die dann eventuell bei einer Prüfung gefragt werden. Das ist aber eher das uninteressante Zeug, das ist das, was man eh auch mal nachschlagen kann, wenn man es vergisst. Prüfungen sind ganz widersinnig in meinem Verständnis von Lernen.

Auch die Prüfungssituation an sich ist sehr kontraproduktiv, weil Druck erzeugt wird. Es gibt Zeitstress, mit dem manche nicht umgehen können, der aber ausschließlich in Prüfungssituationen existiert.

derStandard.at: War Ihnen schon als Student klar, dass Sie irgendwann in die Lehre und Forschung gehen werden?

Purgathofer: Ich habe schon an der TU Wien studiert. Der Übergang zum Lehrenden war relativ fließend, weil ich schon am Schluss des Studiums von einem Kollegen in eine neue Lehrveranstaltung, die gerade entstanden ist, eingebunden wurde. Natürlich ist es arg, wenn man auf einmal die Seiten wechseln muss. Am Ärgsten ist mir das aufgefallen, wenn ich Prüfungsaufsicht machen musste. Man sieht auf einmal, was man alles sieht. Das ist ziemlich entsetzlich und desillusionierend.

derStandard.at: Weil so viel geschummelt wird?

Purgathofer: Nein, es geht nicht nur um die Versuche, irgendwelche unerlaubten Hilfsmittel zu verwenden. Man bekommt viel vom Stress und der Panik mit. Wenn man den Leuten die Prüfungsbögen gibt, spürt man den Adrenalin-Rush.

derStandard.at: Wollten Sie schon immer in die Wissenschaft?

Purgathofer: Ich bin in einem wissenschaftlichen Umfeld aufgewachsen, mein Vater war Wissenschaftler. Wir haben in einer Dienstwohnung innerhalb des Universitätsgeländes bei der Sternwarte im 18. Bezirk gelebt. Von dem her war ich immer von Studenten umgeben. Trotzdem habe ich während meines Studiums ganz schnöde, kommerzielle Dinge gearbeitet und das auch sehr genossen.

derStandard.at: Ihr Vater war ein bekannter Astronom - warum haben Sie sich für die Informatik entschieden? 

Purgathofer: Computer sind ein unglaublich faszinierendes Thema und ein unglaublich faszinierender Eingriff in die Welt. Das hört auch nicht auf, mich heute noch zu faszinieren. Ich glaube, ich könnte genauso gut in einem Umfeld arbeiten, wo ich solche Systeme entwerfe, gestalte und in der Umsetzung unterstützen kann. Aber es hat mich dann mehr oder weniger zufällig in die Wissenschaft hineingezogen.

derStandard.at: Per Zufall in die Wissenschaft - wie kann man sich das vorstellen?

Purgathofer: In den 1980er Jahren gab es einen Ausbau in der Informatik durch Proteste von Studierenden. Der Streik hat mich in die Studierendenvertretung hineingezogen. Wir haben gestreikt, weil die Fachrichtung zu klein war. Der damalige Wissenschaftsminister Heinz Fischer hat dann eingesehen, dass die Informatik wichtig sein könnte für die Zukunft, und hat die Zahl der Professorenstellen verdoppelt. Das Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung ist dazugekommen, und hier bin ich heute noch tätig. Die altgedienten Studienvertreter haben mich vorgeschlagen als möglichen Professor. Das klingt ein bisschen mehr nach Vitamin B, als es tatsächlich war. Es ist ein neues Fach entstanden, und man hat nach Leuten gesucht, die hier schon Qualifikationen mitbringen.

derStandard.at: Worauf liegt der Schwerpunkt dieses Instituts?

Purgathofer: Die grundlegenden Fragen der Informatik werden gerne als mathematisch angenommen, aber es gibt eine gute Rechtfertigung dafür, dass sie beispielsweise auch geisteswissenschaftliche Fragen sein könnten. Es gibt Design-Komponenten in der Informatik, die lange vernachlässigt worden sind, die eigentlich sehr wichtig sind. Heute wissen es die erfolgreichen Firmen, dass es wichtig ist, die Gestaltung in den Mittelpunkt der technischen Umsetzung zu stellen. Bei Microsoft waren immer die technischen Fragen im Zentrum. Heute sieht man, dass es nicht nachhaltig war.

derStandard.at: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen?

Purgathofer: Als ich angefangen habe, war es schon so, dass das Anfangsgehalt im Vergleich zu dem, was man in der Wirtschaft bekommen hat, relativ gering war. Von dem her muss man ein bisschen bescheiden sein und sich mit diesem niedrigen Anfangsgehalt zufriedengeben. Heute ist es noch wesentlich weniger, wir reden von einem wissenschaftlichen Prekariat. Natürlich sind das "First-World-Problems", aber die Leute arbeiten zu entsetzlichen Bedingungen mit ganz starker zeitlicher Begrenzung, sie werden mit 25 Stunden angestellt. Die Rahmenbedingungen sprechen ganz und gar nicht dafür.

derStandard.at: Wie geht es Ihnen in Ihrem Alltag mit Ihrem Titel?

Purgathofer: Ich versuche ihn möglichst zur Seite zu lassen. Ich erinnere mich noch, wie lange ich mich geziert habe, im Stammcafe bei mir um die Ecke zu erzählen, dass ich den Doktor habe. Die Chefin dort war sehr titelverliebt. Auf der einen Seite gibt es schon eine Titelverliebtheit in Österreich, auf der anderen Seite auch eine große Bildungsskepsis. Ich will nicht sagen Bildungsfeindlichkeit, aber manchmal habe ich das Gefühl, wenn man sagt, man arbeitet an einer Universität, kommt ein zweifelnder Blick daher, ob das was Gescheites ist.

derStandard.at: Würden Sie manchmal gerne etwas anderes machen? Was wäre das?

Purgathofer: Oh ja. Natürlich ist das schon so - gerade zu Zeiten, wo das Budget so massiv schrumpft. Die TU ist tief in den roten Zahlen. Wir merken das jeden Tag. Es steht nicht mehr so viel Geld zur Verfügung. Da denkt man sich dann schon oft, habe ich das notwendig? Es gibt natürlich Dinge, die ich nicht mehr machen kann. Als Student hatte ich ein zweites Leben als Musiker, das ist vollkommen auf der Strecke geblieben.

derStandard.at: Drittmittelprojekte werden immer stärker forciert. Ist das mühsam?

Purgathofer: Sehr. Wir haben hier ein strukturelles Problem. Die Förderstellen wollen, dass man bei Einreichung eines Antrags bereits weiß, was herauskommt. Davon auszugehen, dass man am Beginn der Entwicklung einer Innovation, eines Geräts, einer Software schon weiß, was daraus wird, hat sich immer und immer wieder als großer Fehler herausgestellt. Wir versuchen die Projekte so zu beschreiben, dass wir Zuversicht in unserer Vorgehensweisen erzeugen.

derStandard.at: Inwiefern spielen Wissenschaft und Lehre bei Ihnen zusammen, sind das zwei verschiedene Dinge oder verknüpfen Sie die miteinander?

Purgathofer: Wenn man das als zwei verschiedene Sachen sieht, ist man an der Universität falsch. Die Uni lebt davon, dass diese beiden Welten miteinander verschmelzen. Das ist natürlich schwierig in einer Erstsemestrigen-Veranstaltung. Aber auch dort muss man schon Thinking-Skills vermitteln: mit kritischem Verstand an die Wirklichkeit heranzugehen. Es ist wichtig, die Welt anders zu sehen als jemand, der am WIFI einen Programmierkurs macht. Je weiter man die Semesterleiter hinaufklettert, umso mehr bindet man die Studenten in konkrete Forschungsfragen ein.

derStandard.at: Welche Rahmenbedingungen wünschen Sie sich für die Wissenschaft, für die Lehre?

Purgathofer: Zwei verschiedene Dinge. Für die Wissenschaft wünsche ich mir, dass anerkannt wird, dass jede Form der höheren Bildung eine Investition in die Zukunft ist. Jetzt kann ich natürlich sagen, das gilt für alle Universitäten, für alle Studienrichtungen. Höhere Bildung macht die Leute tendenziell gescheiter, offener und interessanter für die Zukunft. Spezifisch für die Informatik ist es so, dass sie eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft ist. Wenn wir hier nicht jetzt massiv investieren, kann es passieren, dass wir den Zug verpassen. Das wäre desaströs für Österreich.

Zum Bereich der Lehre: In Wirklichkeit ist sie an allen Unis unterbewertet. Es gibt in anderen Ländern Mittel, um gute Lehre zu unterstützen, um gute Lehre hervorzubringen. Das gibt es in Österreich alles nicht. Im Vergleich zu meiner Generation sind die Studierenden heute nicht mit Fernsehen, Radio und Bücherlesen aufgewachsen, sondern mit Computerspielen und Fernsehen - und ein bisschen Lesen. Da entstehen andere Ansprüche, da ist es notwendig, anders mit den Leuten umzugehen.

derStandard.at: Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Lehre hat sich kaum verändert, ist so wie vor 20 Jahren ...

Purgathofer: ... oder wie vor hundert Jahren. Die Vorlesung ist ja sogar eine Form, die aus dem Mittelalter kommt, weil es keine Bücher gab. Die Vorlesung hat schon ihren Wert, der besteht aber nicht in der Wissensvermittlung. Mein Wunsch ist es, die Lehre herauszustellen und zu sagen, Lehre ist uns wichtig und wir müssen das fördern. Innerhalb der Universität zählt Lehre im Vergleich zu wissenschaftlicher Forschung nicht. Publikationen zählen, das ist schade. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 25.7.2012)

Peter Purgathofer (49) ist Professor an der Fakultät für Informatik der Technischen Universität Wien und befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher und technologischer Entwicklung.

  • "Die Informatik ist eine Schlüsselqualifikation für die 
Zukunft. Wenn wir hier nicht jetzt massiv investieren, kann es 
passieren, dass wir den Zug verpassen."
    foto: standard/corn

    "Die Informatik ist eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft. Wenn wir hier nicht jetzt massiv investieren, kann es  passieren, dass wir den Zug verpassen."

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