Wenn Eltern die Nerven bewahren

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  • Das Mädchen liegt auf der Vakuummatratze, zugedeckt, schläft friedlich, rechts neben 
ihrem Kopf der gelbe 
Christophorus-Plüsch-Hubi.
    foto: robert mosser

    Das Mädchen liegt auf der Vakuummatratze, zugedeckt, schläft friedlich, rechts neben ihrem Kopf der gelbe Christophorus-Plüsch-Hubi.

Ein neunjähriges Mädchen stürzt unglücklich - Der linke Ellbogen ist verdreht, das Gelenk offen - Kein schöner Anblick

Dienst am Christophorus 3, Stützpunkt Wiener Neustadt. "Tahititi", "tahititi", so wie immer klingt der "Pieps". Wir fliegen nach Mattersburg. Landen vor einer Turnhalle.

Eltern-Kind-Turnen. Ein neunjähriges Mädchen stürzt unglücklich. Der linke Ellbogen ist verdreht, das Gelenk offen, die Haut zerfetzt, die Knochen schauen heraus. Ein hässlicher Bruch, kein schöner Anblick.

Neben dem Mädchen hockt die Mutter, ganz ruhig, nicht hysterisch, hält die andere Hand und beruhigt ihre Tochter, die mich mit großen Augen anschaut. Der Vater daneben, bleich, durch die ruhigen Worte der Mutter aber ebenfalls gefasst. Die Situation ist trotz dieser schweren Verletzung bewundernswert friedlich, das Mädchen wahnsinnig brav.

Ich setze einen Venenzugang, die Kleine macht keinen Muckser. Taste dabei die Pulse der verletzten Hand, die beide schön zu spüren sind. Gott sei Dank. Eine ordentliche Analgesie (Aufhebung der Schmerzempfindung) ist hier ganz wichtig: Ich spritze ein starkes Schmerzmittel, die Kleine wird müde, hat keine Schmerzen mehr, atmet schön.

Achsengerechte Reposition der Fraktur durch Zug und Gegenzug, sie spürt nichts, gibt keinen Laut von sich. Verband, Ruhigstellung, Schienung. Nochmaliges Prüfen der Pulse, alles okay. Wir lagern die Kleine in die Vakuummatratze, sie schläft. Die Sauerstoffsättigung, der Blutdruck, alles im Normbereich.

Umlagern in den Hubi. Wie bei Kindern meistens üblich, darf die Mutter mitfliegen. Sie sitzt mir gegenüber, hält die Hand der Kleinen. Die liegt auf der Vakuummatratze, zugedeckt, schläft friedlich, links neben ihrem Kopf ein weißer Rotkreuz-Teddybär, rechts der gelbe Christophorus-Plüsch-Hubi. Wir heben ab ins nächste Unfallkrankenhaus. (Robert Mosser, derStandard.at, 25.7.2012)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

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