Libor-Lügner auf die Streckbank

Blog24. Juli 2012, 14:53
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Von rationalem Verbrechen, niedrigen Strafen und dem Problem mit dem Interbankenzinssatz Libor

Die jahrelange Manipulation des Zinssatzes Libor dürfte nicht ungesühnt bleiben. Ermittlungsbehörden planen erste Verhaftungen von einzelnen Händlern, Geldinstitute wie die Deutsche Bank werden ähnlich wie Barclays Strafen zahlen müssen, und darüber hinaus sitzen den Geldinstituten Investoren im Nacken, die sich mit Sammelklagen ihr Geld zurückholen wollen.

So weit, so gut. Während die Vergangenheit gerade bewältigt wird (wobei immer noch abzuwarten ist, mit welchem Eifer Aufseher und Staatsanwälte ihre Untersuchungen fortsetzen, wenn die erste Aufregung verflogen ist), stellt sich die Zukunft düster dar.

Denn wie künftig kollusives Verhalten bei der Libor-Setzung zum Schaden von Investoren und Konsumenten verhindert werden soll, steht in den Sternen. Zwar werden eine Reihe von milliardenschweren Vergleichen folgen. Der "Economist" warnt bereits vor dem "Tobacco Moment" für die Branche – in einem Text, der mit "Banksters" betitelt ist.

Die Banksters kommen nicht von ungefähr. Die Regulatoren in den USA und Großbritannien konnten nämlich beim Fall Barclays nicht nur feststellen, dass es zwischen 2005 und 2009 Unregelmäßigkeiten beim Libor gab und die Bank dafür 360 Mio. Euro zahlen musste. Vielmehr wurde der Zinssatz, der für viele Finanzprodukte von zentraler Bedeutung ist, derart regelmäßig manipuliert, dass die CFTC von einer "routinemäßigen" Manipulation in ihrer Verordnung schreibt. Zeitweise wiesen die Banken tagelang falsche Werte aus, um Gewinne auf ihren Derivatepositionen zu machen oder in der Krise besser dazustehen.

Man kann es daher Geoffrey Booth, Finanzprofessor an der Michigan State University, nicht verübeln, wenn er in einem Leserbrief an den "Economist" für den Libor-Skandal schärfere Strafen vorschlägt. So hätten etwa die Geldwechsler im frühen Florenz den Wechselkurs zwischen Silber- und Goldmünzen ähnlich wie die Großbanken den Libor festgelegt. Die Händler gaben Schätzungen über den kommenden Tag ab und die Gilde legte den Preis als Durchschnitt fest. Doch die Regeln waren streng. Bankiers, die über ihre Geldgeschäfte logen, wurde "die Streckbank oder andere korrigierende Instrumente" angedroht.

Auch wenn diese Zeiten zum Glück vorbei sind, spricht Booth ein wesentliches Problem an. Sind die Strafen zu niedrig? Wenn Banker derart regelmäßig die Zinsen manipuliert haben, dann wird es sich wohl um ein "rationales Verbrechen" handeln. Illegale Gewinne, die die Kosten von Strafe und Reputationsverluste bei Weitem übersteigen, machen ökonomisch Sinn. Das zeigt etwa ein Blick nach Japan, in dem Insiderhandel quasi als Bagatelle gilt und 2010 etwa eine Bank zu 500 Euro Strafe "verurteilt" wurde. In den USA hingegen drohen mehrjährige Haftstrafen bei Insiderhandel. Kein Wunder also, dass Aktien von Unternehmen, die vor einer Kapitalerhöhung stehen, in Japan bereits zwei Wochen vor der offiziellen Ankündigung an den Börsen abgestraft werden.

Strafe oder Reform

Strafen sind ein Ansatz. Der andere, wohl wichtigere sind Strukturreformen. Der bereits oft gehörte Vorschlag zur Verbesserung des Libor wäre es, auf echte Transaktionen statt auf Schätzungen aus den Banken zu schauen. Dieser Weg ist aber steinig. Denn wie Bernd Scherer, Finance-Professor und Chief Investment Officer von FTC sagt, "es gibt zu wenige beobachtbare Transaktionen". Das ist mit der heute lodernden Bankenkrise in Europa, mit einem de facto eingefrorenen Geldmarkt ein wichtiges Faktum.

Daher sollten Regulatoren woanders ansetzen: am mangelnden Wettbewerb im Bankenbereich. Denn die Krise hat dieses Problem noch verschärft. In Amerika sind die Großbanken 23 Prozent größer als vor der Krise und ihre Anlagen sind auf über 56 Prozent in Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen, von 43 Prozent vor fünf Jahren. Von einer effektiven Regelung von Too-Big-to-Fail sind wir damit noch weit entfernt. Dabei steht fest: Kartellbildung ist wahrscheinlicher, je konzentrierter der Markt ist. (Lukas Sustala, derStandard.at, 24.7.2012)



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    Das ist zwar keine Streckbank, aber das Prinzip Folter lässt sich auch mit diesen Stühlen aus der Ausstellung "Hexen – Mythos und Wahrheit" bebildern.

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