Rundschau: Wie man eine SF-Rezension liest

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coverfoto: nonstop press

Damien Broderick & Paul di Filippo: "Science Fiction. The 101 Best Novels: 1985 - 2010"

Broschiert, 288 Seiten, Nonstop Press 2012

Hier also wie letzten Monat angekündigt das gefährlichste Buch des Jahres 2012. (Was denn? Hat etwa jemand das Necronomicon erwartet? Oder etwas Bissiges aus der Unsichtbaren Bibliothek?) Büchersammelnde erkennen den Grund sofort: Eine Auflistung der 101 "besten Romane" enthält naturgemäß jede Menge Kauf-Tipps, da raucht die Kreditkarte nicht mehr, sie zerfällt zu Asche. Die Liste, die US-Autor Paul di Filippo gemeinsam mit seinem australischen Kollegen Damien Broderick zusammengestellt hat, ist übrigens eine erklärte Fortsetzung zu David Pringles 1985 erschienenem "Science Fiction: The 100 Best Novels", das den Jahren 1949 bis 1984 gewidmet war. Und damit der langen Hochblüte der Science Fiction vom Golden Age bis zum Cyberpunk. Das neue Buch ist fast noch interessanter, weil es jenen Zeitraum abdeckt, in dem sich ein entscheidender Wandel vollzog: Kostengünstige SF-Taschenbücher waren nicht mehr wie selbstverständlich in jeder Trafik erhältlich, während in den Buchhandlungen die Fantasy ihr Schwestergenre zu überwuchern begann ... bis sich der um 1980 herum noch unaufhaltsam scheinende SF-Boom schließlich in der Rolle einer Randerscheinung wiederfand. Aber nicht traurig sein, sondern Regel 1) anwenden: Umso größer ist natürlich die Chance, in diesem Buch auf Lese-Tipps zu stoßen.

Wie wäre es zum Beispiel mit Paul Parks "Soldiers of Paradise" aus dem Jahr 1987? Das war der Beginn einer Trilogie, die ein exotisches gesellschaftliches Panorama auf einer Welt mit generationenlangen Jahreszeiten entwirft ("Helliconia" lässt grüßen), Broderick/di Filippo vergleichen es mit Gene Wolfes legendärem "Buch der Neuen Sonne". Wenn das nicht Appetit macht. Und Parks Werk wurde ebensowenig ins Deutsche übersetzt wie John C. Wrights "Golden Age"-Trilogie (2002 - 2003) um ein posthumanes Utopia mit wachsenden Komplexitätsstufen, Joan Slonczewskis kürzlich in der Rundschau vorgestellter interplanetarer Culture Clash "A Door Into Ocean" (1986) ... oder Wil McCarthys "Bloom" (1998), in dem gleich das ganze innere Sonnensystem von Nanomaschinen in Grey Goo verwandelt worden ist.

Etwa zwei Dutzend der hier vorgestellten Romane wurden bislang nicht ins Deutsche übersetzt, die meisten davon drängeln sich im Zeitraum von Mitte der 90er Jahre bis heute. Das klingt auf den ersten Blick logisch - Übersetzungen haben eben eine Zeitverzögerung. Allerdings selten eine so gewaltige wie Richard Calders "Dead Girls", das 1992 veröffentlicht wurde und erst heuer auf Deutsch erschien. Ich fürchte, da steckt eher die Kontraktion des SF-Marktes dahinter. Die großen deutschsprachigen Genre-Verlage sind zögerlicher geworden. Bei Lauren Beukes, die in den vergangenen Jahren mit ihren Thrillern "Moxyland" und "Zoo City" aus dem Südafrika der nahen Zukunft für Furore sorgte, besteht rein rechnerisch noch Hoffnung. Aber ob sich wohl irgendwann noch jemand der großen Carol Emshwiller erbarmen wird, die seit Jahrzehnten fantastische Erzählungen veröffentlicht und mit 91 immer noch ebenso aktiv wie unübersetzt ist?

Ein Reibungspunkt in Sachen Rezensionen entfällt natürlich, wenn Romane explizit als "die besten" vorgestellt werden - man kann sich nicht darüber aufregen, dass etwas verrissen wird, von dem man selbst begeistert ist. Der umgekehrte Fall mobilisiert nicht ganz so stark: Cherie Priests Steampunk-Roman "Boneshaker" als meticulously conceived and executed ride ... nun ja, für mich produziert die Frau Abenteuer-Handwerk und kein Fitzelchen mehr, aber bitte. Umso wichtiger ist wie bei allen Best-of-Listen natürlich der Faktor Auswahl. Da fällt bei "Science Fiction. The 101 Best Novels: 1985 - 2010" zunächst auf, dass das in den 80ern übermächtig erscheinende Subgenre Cyberpunk - im Gegensatz zu den späteren Wellen New Space Opera oder Singularitätsromane - relativ schwach vertreten ist, zudem mit weniger prominenten Namen wie Pat Cadigan oder Raphael Carter. Und das, obwohl Paul di Filippo selbst im Cyberpunk angefangen hat.

Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass jedeR AutorIn nur einmal vertreten ist - und Bruce Sterling eben mit "Heiliges Feuer" statt "Schismatrix" und William Gibson mit dem Nicht-SF-Roman "Systemneustart" statt mit den populären "Neuromancer"-Fortsetzungen "Biochips" und "Mona Lisa Overdrive". Dass es sich bei der Auflistung eher um die "101 Best SF Authors" handelt, war auch der Grund, dass Gibsons & Sterlings gewaltige Koproduktion "Die Differenzmaschine" in der Liste fehlt. Da ließe sich drüber diskutieren - andererseits verhindert dieses Auswahlsystem, dass Viel- und Gut-Schreiber wie Charles Stross, Alastair Reynolds, China Miéville, Robert Charles Wilson oder Stephen Baxter die 101er-Liste im Alleingang befüllen.

So wasserdicht nicht die Titel-, aber zumindest die Namensliste auch scheint, ein paar notable absences gibt es doch: Dan Simmons etwa oder John Scalzi. Oder - für mich schwerwiegender als diese beiden zusammen - Robert J. Sawyer. Beim ebenfalls schmerzlich vermissten Daryl Gregory könnte man argumentieren, dass sich seine Werke (z. B. das einzigartige "Pandemonium") nicht eindeutig der SF zuordnen lassen. Andererseits erweisen sich di Filippo und Broderick, die auf thematische Vielfalt bedacht sind, auch nicht grade als Puristen, wenn sie Audrey Niffeneggers Slipstream-Romanze "Die Frau des Zeitreisenden" oder Ian R. MacLeods "Aether" berücksichtigen, in dem immerhin eine Substanz mit magischen Eigenschaften die Hauptrolle spielt. Und Naomi Noviks "Temeraire"-Romane um Drachenreiter in den Napoleonischen Kriegen kann man mir nun wirklich nicht als SF verkaufen, auch wenn es hier versucht wird. Und wenn Platz für Jugendromane wie Steven Goulds "Jumper" oder Suzanne Collins' "Tribute von Panem" ist (nichts gegen Collins), dann muss schon die Frage erlaubt sein, warum Tad Williams' "Otherland"-Saga nicht berücksichtigt wurde, alleine schon wegen ihres Impact-Faktors. Das andere Ende der Verkaufszahlen-Skala wird übrigens nicht gestreift, Geheimtipps aus dem Underground sollte man sich also nicht erwarten - auch wenn Carlton Mellick III und seine Bizarro-KollegInnen so einiges an SF produziert haben, das nicht nur individuell (ein wichtiges Kriterium für di Filippo & Broderick), sondern auch wirklich gut ist.

Offenbar unvermeidlich, aber doch immer wieder aufs Neue ärgerlich ist das vollkommene Fehlen nicht-englischsprachiger AutorInnen in englischsprachiger Sekundärliteratur. Von hier enthaltenen Namen wie Hannu Rajaniemi ("Quantum"), Kazuo Ishiguro ("Alles, was wir geben mussten") oder Ekaterina Sedia sollte man sich nicht täuschen lassen, sowohl der Finne als auch der Japaner und die Russin veröffentlichen im Original auf Englisch. Anders als Haruki Murakami oder Koushun Takami ("Battle Royale"), die somit fehlen, obwohl ihre Werke ebenso ins Englische übersetzt wurden wie Frank Schätzings "Der Schwarm" (der durchaus einige Auswahlkriterien von Broderick/di Filippo erfüllen würde). Die meisten russischen AutorInnen konnten diese Hürde erst gar nicht nehmen - als deutschsprachiger Leser staunt man über all die Werke von Sergej Lukianenko oder Wladimir Sorokin, die nicht ins Englische übersetzt worden sind. Weshalb die Buchliste auch weniger bedeutende Alterswerke von großen Autoren wie Philip K. Dick ("Radio Free Albemuth", ein posthum veröffentlichter Prototyp von "VALIS"), Michael Moorcock oder Jack Vance enthält, während Boris Strugatzki diese Ehre verwehrt blieb. Da ist der Verlust mal ausnahmsweise auf Seiten der englischsprachigen Welt.

In chronologischer Reihenfolge wird jeder Roman im Schnitt auf drei Seiten vorgestellt, dabei erweisen sich di Filippo und Broderick als beeindruckend belesen (auch über die Grenzen des Genres hinaus) und präsentieren AutorInnen und Werke in deren jeweiligem Kontext. Der eine oder andere Handlungsspoiler rutscht ihnen dabei leider durch; offenbar betrachten sie die Bücher bereits als Teil des allgemeinen Geschichtsbewusstseins. Die formale Gestaltung des Buchs hingegen ist bedauerlicherweise ziemlich mangelhaft. Es fehlt ein Namensregister am Ende, und das Inhaltsverzeichnis listet lediglich die Romantitel, nicht aber die dazugehörigen AutorInnen auf. Deutschsprachige LeserInnen, die die Bücher in der Regel unter anderem Titel kennen, stehen damit ohne jede Navigationshilfe da. Viel Spaß beim Suchen!

... so, das war jetzt jede Menge Herumgemecker, und zwar berechtigtes. Sollte man "Science Fiction. The 101 Best Novels: 1985 - 2010" also besser ignorieren? Aber keineswegs, das Buch ist eine Goldgrube! Regel 1), wenn ich noch einmal daran erinnern darf. Ich habe mir ein gutes Dutzend Titel notiert, die ich un-be-dingt bestellen muss, und so wird es wohl jedem gehen, der sich hier durchgefräst hat. Kreditkarten, wollt ihr ewig leben?

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