Rundschau: Wie man eine SF-Rezension liest

    Ansichtssache25. August 2012, 10:13
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    Neue Bücher unter anderem von Ian McDonald, James Tiptree Jr. und Tobias O. Meißner, plus ein Comic mit richtig großen Tieren

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    covermontage: derstandard.at

    Aus aktuellem Anlass (nämlich dem Buch auf der nächsten Seite) beginnen wir heute mit einer kleinen Anleitung, wie man aus einer Rezension den maximalen Nutzen rausziehen kann. Vornehmlich geeignet für Werke der Phantastik; lässt sich übrigens problemlos auch von Büchern auf Filme übertragen. Here we go:

    1) Die Rezension prinzipiell nur als das betrachten, was sie ist: Die Mitteilung, dass ein bestimmtes Buch erschienen ist. Alles Weitere sind Gimmicks.

    2) Auf Informationen über Genre, Setting und Plot achten, um zu sehen, ob das Buch den eigenen Leseinteressen entspricht.

    3) Jetzt all die Informationen herausfiltern, die darauf hinweisen, wie der Autor mit obigen Elementen umgegangen ist (also Infos über Stil, Struktur, Betonung von Action oder seelischem Innenleben der Figuren, Einhaltung wissenschaftlicher Plausibilität, metafiktionale Elemente usw. usf.). Aaaber - Achtung!!! - nicht deren Wertung durch den Rezensenten beachten, sondern sie neutralisiert vermerken. Zur Illustration ein Beispiel aus dem Filmgenre: Wenn mir ein Kritiker glühenden Herzens von den langen poetischen Einstellungen eines Films vorschwärmt und wie toll die nicht gemacht seien, reduzieren sich die betreffenden Passagen für mich augenblicklich zu einem einzigen Wort: Fadgas-Alarm! Und mein Kinositz bleibt leer.

    4) Generell auf die Meinung des Rezensenten pfeifen. Ich habe mir schon justament Bücher gekauft, die in Grund und Boden verdammt wurden - ein Großteil davon war ehrlich gesagt wirklich mies, aber es fanden sich auch hervorragende darunter. Wie mich umgekehrt in den Himmel gelobte Werke schon bis ins Mark angeödet haben.

    5) Eine vermeintliche Ausnahme zur Regel 4) kann sich aus der Situation ergeben, dass man die Vorlieben eines Rezensenten seit Jahren kennt und sie sich mit den eigenen decken. Das ist aber erstens kompletter Zufall und funktioniert zweitens auch nur so lange, bis ein Buch auftaucht, zu dem die Meinungen eben doch auseinander gehen. Fühlt sich dann ein bisschen wie ein Vertrauensverlust an ... liegt aber nur daran, dass man die Regeln 3) und 4) nicht beachtet hat.

    6) Weitere Rezensionen zu demselben Buch lesen (dafür gibt's auf unserer Seite sogar eine Liste mit weiterführenden Links zu Genre-Medien) und bei diesen die Punkte 2) bis 4) wiederholen, um die Informationsmenge zu maximieren.

    7) Es gibt keine Vorab-Garantie, dass einem ein Buch gefallen wird. Nie. Deshalb sind die Dinger auch billiger als Swimming-Pools.

    8) Sich nicht zum Gefangenen von Regel 2) machen lassen. Man kann auch mal ganz was anderes lesen, als man es normalerweise tut. Gute Rezensionen scheinen das Risiko zu mindern, wenn man ein solches Wagnis eingeht. Aber wie gesagt: Das scheint nur so. Also einfach ein bisschen Traute beim Buchkauf. No risk, no fun.

    9) Nur um ganz sicherzugehen, noch einmal: Auf die Meinung des Rezensenten pfeifen.

    Solchermaßen gestählt können wir jetzt in die eigentliche Monatsrundschau gehen, und die beginnt mit ... einem Band voller SF-Rezensionen.

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