Das Grundprinzip, nicht ernst zu sein

24. Juli 2012, 11:44

Wäre Humor eine olympische Disziplin, die Briten wären Favoriten für die Goldmedaille - zumindest nach eigener Einschätzung. Sicher aber hat der Humor für sie eine ähnliche Bedeutung wie der Sport.

Um das gleich einmal festzuhalten: England besteht nicht nur aus glänzenden Komikern wie Rowan Atkinson (Mr. Bean) und John Cleese (Monty Python), im TV laufen nicht nur großartige Lachnummern wie Yes, Prime Minister und The thick of it. Nein, auch auf der Insel gibt es humorlose Leute.

Jahrzehntelang hatte der irisch-englische Komiker Spike Milligan seine Landsleute erfreut, Prinz Charles zählte zu seinen größten Fans. Milligans letzten Wunsch konnte aber nicht einmal der Thronfolger erfüllen. "I told you I was ill" (Ich hab' euch doch gesagt, ich sei krank) sollte auf Milligans Grabstein im Dörfchen Winchelsea (Grafschaft East Sussex) stehen. Doch mit der Spitze der Diözese Chichester war nicht zu spaßen: Auf einem anglikanischen Friedhof hätten geschmacklose Witze nichts zu suchen, befanden die strengen Kirchenfürsten und lehnten ab. "Love, light, peace" (Liebe, Licht, Friede) wünscht Milligan stattdessen nun den Besuchern seines Grabes - Gelächter ist nicht dabei.

Auch viel Ignoranz

Dabei gehört der Humor doch zur Insel wie Regen und warmes Bier. Mehr noch: Wenn schon weder beim Tennis noch im Fußball, so sei man doch wenigstens in Humorfragen eindeutig Weltmeister, finden viele Briten. Dahinter steckt viel Ignoranz, schließlich sprechen immer weniger Inselbewohner andere Sprachen. Deren Feinheiten, wozu gelegentlich auch ein Witzchen zählen mag, bleiben ihnen somit verschlossen.

So unzutreffend die Selbsteinschätzung als Humorweltmeister auch sei, glaubt die Anthropologin Kate Fox (Watching the English), so gebe es eben doch einen Unterschied: "Was uns wirklich von anderen unterscheidet, ist die zentrale Bedeutung des Humors in englischer Kultur und sozialer Interaktion." Das erste und wichtigste Verhaltensgebot besteht nach Fox in dem "Grundsatz, nicht ernst zu sein". Generell nehmen Engländer das Leben, besonders ihr eigenes, auf die leichte Schulter, jedenfalls nach außen.

Humor als soziales Schmiermittel

Für die zentrale Bedeutung des Humors gibt es überzeugende Erklärungsversuche. Weil auf der Insel zuerst das Konzept von der Freiheit des bürgerlichen Individuums aufkam, schreibt der Englandexperte Hans-Dieter Gelfert, Autor einer Kulturgeschichte des englischen Humors (Madam I'm Adam), bedurfte es eines Instruments, um gesellschaftliche Konflikte abzumildern. Humor diente als soziales Schmiermittel: "Die Engländer haben ihren Humor also deshalb entwickelt, weil sie ihn als Organ zum gesellschaftlichen Überleben brauchten."

Das erklärt auch die Kälte, die dem englischen Humor für deutschsprachiges Empfinden anhaftet. Sprachwitzduelle werden mit ähnlicher Härte geführt, als hätte man echte Waffen. Da kommt hinter der Fassade der Contenance schnell einmal Brutalität zum Vorschein - Emotionen, die sich anderswo schlecht abreagieren lassen. "Der Humor ist neben dem Sport für Engländer wahrscheinlich das wichtigste Ventil für das Abreagieren von Aggression", glaubt Anglist Gelfert.

Das Wetter - ein Witz

Unweigerlich wird auch der Engländer Lieblingsthema durch den Kakao gezogen. "Genießen Sie den Sommer" - nach gefühlten drei Jahren Dauerregen war dieser Wunsch in den vergangenen Tagen entweder Ironie oder seelische Grausamkeit, manchmal auch beides. Wer hingegen vom "nicht gänzlich befriedigenden Sommer" sprach, erwies sich als Meister eines Fachs, in dem die Briten wohl mindestens Europameister sind: im Understatement.

Auf der Insel kann man sich damit rasch Freunde machen, im Ausland empfiehlt sich diese Sprachform weniger, wie ein britischer General im Koreakrieg feststellen musste. Von seinem US-Vorgesetzten nach dem Schicksal seines heftig kämpfenden Bataillons gefragt, erwiderte der Offizier höflich: "Die Lage ist ziemlich unerfreulich" (pretty sticky). Was in jedem an englische Zwischentöne gewöhnten Ohr schrille Alarmglocken hätte läuten lassen, ließ den Amerikaner gänzlich ungerührt. Die Einheit wurde aufgerieben.

Gefährliches Understatement

Womit wir bei den Humor-Gefahren wären. Für Leute, die merkwürdige Idiome wie Amerikanisch sprechen, kann die immerwährende Ironisierung schnell störend wirken. Aber auch im eigenen Land tun sich die Engländer manchmal keinen Gefallen: Wo harte Entscheidungen gefragt sind, können befreiende Witzchen eine notwendige Spannung zerstören. Das Problem ist damit nur in die Zukunft gelacht.

Wenigstens hat der Komiker Milligan noch im Tod den Autoritäten die Narrenkappe aufgesetzt. Neben dem englischen Slogan "Love, light, peace" trägt sein Grabstein die gälischen Worte "Dúirt mé leat go raibh mé breoite", was auf Deutsch bedeutet: Ich hab' euch doch gesagt, ich sei krank. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 24.7.2012)

 

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18 Postings

"Auf der Insel kann man sich damit rasch Freunde machen, im Ausland empfiehlt sich diese Sprachform weniger, wie ein britischer General im Koreakrieg feststellen musste"

Das stelle ich hier auch fest...
Was im Abschnitt unter "Humor als Schmiermittel" steht, erinnert mich ein bissl auch an die DDR, Leute aus dieser haben oft sehr viel ironischen Humor, sogar ähnlichen wie die Briten. Und naja, ich komm aus der DDR.
Auch nach Jahren in Österreich ecke ich mit Understatement, Wortspielen und Ironie hier noch an, weil man hier seinen eigenen canned laughter dafür bräuchte, dass man verstanden wird...

best monty python sketches EVER:

the dirty fork!
http://www.youtube.com/watch?v=E... ature=plcp

its...BICYCLE REPAIR MAN!!
http://www.youtube.com/watch?v=U... ature=plcp
(2:30-3:09 gibt cleese ne oscarreife vorstellung als ungehaltener moderator LOL. ich lieg immer unterm tisch, wenn er das mikro zornig vom tischchen fegt)

ungeschlagene ewige nummer 1:
ministry of silly walks
http://www.youtube.com/watch?v=9... ature=plcp

Vielleicht ists auch nur wunschdenken, aber ich finde schon, der britische Humor ist noch der, der am ehesten zum österreichischen passt: Sehr ironisch, teilweise auch tief, eher negativ ("wie gehts? gschissen, oiso eh wie imma"), manchmal nur skuril (little britain vs. ma2412).

Beste Werbung, die ich je auf der Insel gesehen habe. Herren-WC. Kondomautomat der Fa. Jiffy: "Come in a Jiffy"!

und in den Besucher WC´s im Tower steht

Don´t eat and drink!

john cleese

ich hatte vor 2 jahren das glück john cleese als lektor auf einer transatlantik reise am letzten verbliebenen oceanliner live zu erleben.
der mann erschien auf der bühne und sein erster satz war.:

"dont ask me any fucking questions"...

daraufhin tosender applaus von ca 1500 briten.
das nenn ich britischen humor.

Q: How do you bring four old ladys to say "Fuck!" at the same Time?

A: Have a fifth saying "Bingo!"

Verstehe die Pointe leider nicht. Kann mir bitte jemand diese erklären (hoffe, dass ich "nur" zu alt und nicht zu dumm für diesen Witz bin)

Es handelt sich

bei obigem Kommentar um ein Filmzitat:
Hans Landa (Cristoph Walz) und Aldo Raine (Brad Pitt) in "Inglorious Basterds" (2009), Regie: Q. Tarantino

Vielen Dank für die Erklärung!

Sie stimmt nur leider nicht.

Untenstehendes Zitat stammt aus diesem Film.

Was ich gepostet habe, ist einfach ein britischer Witz, den mir mal ein Ire erzählt hat. Ihn zu erklären, ist allerdings nicht ganz einfach. Bingo ist ein sehr populäres Spiel, das besonders gerne von älteren Damen gespielt wird. Wenn sie also ein paar ältere Damen zum Fluchen bringen wollen, dann brauchen sie nur eine weitere Mitspielerin, die "Bingo!" ruft (was bedeutet, das sie gewonnen hat).

Hoffe die Erklärung hilft ihnen weiter.

Danke!

Oooh, that's a bingo! Is that the way you say it? "That's a bingo?"

You just say "bingo".

Briten. Pah. Ich fahre wenigstens einen Rolls Royce. Aber nur einen kleinen.

Wie schön für sie,

ein Brett aus Nußwurzelholz hat schließlich nicht jeder vor dem Kopf.

Wo harte Entscheidungen gefragt sind, können befreiende Witzchen eine notwendige Spannung zerstören.

... das geht mir bei uns und vor allem bei unserem lieblingsnachbarn leider sehr ab - in den meisten fällen verhält es sich nämlich genau anders rum und hilft spannungen abzubauen und damit eher zu einem ergebnis zu kommen als verkrampft versuchen seine eigene position durchzubekommen.

Dass das "in den meisten Fällen" so sei, ist eine Einschätzung, die wohl weniger auf systematisch erhobenen empirischen Daten beruht als auf dem Umstand, dass Ihnen persönlich der (positiv formuliert) "unverkrampfte" aber auch (negativ formuliert) "lasche" Modus sympathischer ist.

Und was genau gehen Sie jetzt eigentlich...

..."unsere Lieblingsnachbarn" und ihr Sinn für Humor an? Österreich hat so viele Nachbarn, Sie werden da schon jemand finden der Ihnen besser passt...

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