Britische Küche: "I am quite full"

24. Juli 2012, 11:08
68 Postings

Beim Essen oszilliert der Inselstaat zwischen Starkult und Bedürfnisbefriedigung

Zu den TV-Exportschlagern Großbritanniens gehörten in den vergangenen Jahren immer neue Kochsendungen: Jamie Oliver und Nigella Lawson entzückten durch flotte Sprüche oder saucige Erotik auch deutschsprachige Zuschauer. Dadurch ist ein Klischee ins Wanken gekommen, das über Jahrhunderte Geltung besaß, von französischer Propaganda (Asterix) weidlich geschürt und von den Briten selbst geschluckt wurde: Da Engländer die Tätigkeit des Essens für reine Nahrungsaufnahme halten, könne kein Normalsterblicher vertragen, was diese zubereiten.

Ziemlich "abgefüllt"

Ein möglicher Grund für die herzlose Behandlung von Lebensmitteln durch englische Köche dürfte in der frühen Industrialisierung liegen. Durch die beispiellose Verstädterung ging früher und stärker als anderswo die Verbindung zur herzhaften, ländlichen Küche verloren. Bald spielte Qualität keine Rolle, es ging lediglich um die Menge. Ihrer Befriedigung über das soeben Hinuntergewürgte verleihen viele Briten bis heute Ausdruck mit "Ich bin ziemlich abgefüllt" (I am quite full).

Tatsächlich waren die Engländer lange Zeit das bestgenährte Volk Europas mit hohem Fleischkonsum, was der ausgedehnten Viehzucht bei geringer Bevölkerungsdichte geschuldet war. Hingegen erging es den verräterischerweise "Beilagen" genannten Zutaten schlecht. Heinrich Heine beklagte sich nach seinem Englandbesuch 1827: "Der Himmel möge uns vor ihrem Gemüse bewahren, das völlig zerkocht auf den Tisch kommt, wie Gott es geschaffen hat."

Einwanderer verändern Küche

Noch bis tief in die 1960er- und 1970er-Jahre hinein blieb die Insel eine kulinarische Wüste. Zum Glück für empfindliche Gaumen setzte zu jener Zeit ein Phänomen ein, das die kulinarische Szene revolutionieren sollte: Zu Hunderttausenden kamen Einwanderer aus den früheren britischen Kolonien nach Großbritannien. "Man kann die Bereicherung der englischen Küche durch die größeren Einwanderergruppen kaum überschätzen", schwärmt der Autor Jeremy Paxman (The English). Das führte nicht nur zu einer Welle ethnischer Restaurants, in denen sich bis heute günstig speisen lässt. Es gelangen auch Nahrungsfusionen, die das Land eroberten. "Chicken tikka masala", also marinierte Hühnchenstücke in Paradeisersauce, war in einer Umfrage 2001 der Briten Lieblingsessen - prompt rief der damalige Labour-Außenminister Robin Cook das in Indien unbekannte Curry zum britischen Nationalgericht.

Land der Fertiggerichte

Dass sich Kochsendungen bis heute größter Beliebtheit erfreuen, dass Starkochs wie Heston Blumenthal und Edelrestaurants wie das River Café hervorragende Küche hoffähig gemacht haben, sollte nicht über eines hinwegtäuschen: Die Kochkultur des Durchschnittsbriten hält sich bis heute in bescheidenem Rahmen. Die einschlägigen Verkaufszahlen legen den Verdacht nahe, dass viele Enthusiasten zur TV-Sendung Fremdgekochtes konsumieren: Nirgendwo sonst in Europa werden so viele Fertiggerichte verkauft wie in Großbritannien.(sbo, DER STANDARD, 24.7.2012)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Britische Kulinarik vom Feinsten (wie es britischer Humor formulieren würde): Fish & Chips, auf der Straße genossen.

Share if you care.